YB setzt sich souverän an die Tabellenspitze

Die Young Boys sind nach dem 2:0 gegen Lugano schon wieder Leader. Der Meister beweist Flexibilität, hat aber grosse Verletzungssorgen.

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Fabian Ruch

Die Young Boys trotzen in diesem Sommer einigen Widrigkeiten. Einerseits müssen sie nach dem Wegfall von mehr als der halben Stammelf einen heiklen Personalumbau moderieren. Und andererseits plagen sie erhebliche Verletzungssorgen. Es fehlt deshalb an Leichtigkeit und Schwung, nicht aber an Siegen und Punkten. Dank des 2:0 gegen den bisherigen Leader Lugano ist YB nach drei Runden bereits wieder Erster. Und so passt es zur Lage des Betriebs, wenn Fabian Lustenberger sagt: «Das war souverän, wir haben fast nichts zugelassen und unser Ziel erreicht.»

Lustenberger gibt am Sonntagabend das Sinnbild für diese Young Boys ab. Er sieht mit seinem mächtigen Turban fast schon furchterregend aus. Nach einem Zusammenprall mit Teamkollege Christopher Martins musste seine Kopfwunde gegen Lugano vor der Pause getackert werden, und weil trotzdem weiter Blut floss, trabte der YB-Captain gleich zweimal zur längeren Behandlung an die Seitenlinie.

Ungewöhnlich vorsichtig

Mit einer überzeugenden Darbietung ordnete Lustenberger die Berner Defensive. Er agierte ohne Fehl und Tadel, war ballsicher und zweikampfstark und spielintelligent, mehrmals erwies er sich als taktischer Entwicklungshelfer für Mitspieler, die in ungewohnter Ausrichtung zuweilen auf der Suche nach der korrekten Position waren. Michel Aebischer sagt derweil, der Matchplan sei perfekt aufgegangen. «Wir spielten defensiver als sonst, weil wir uns keine Konter einfangen wollten.» Der FC Lugano ist ein starkes Umschaltteam, aber Gelegenheiten, das zu demonstrieren, erhielt er im Stade de Suisse fast nie.

Die Young Boys formierten sich für einmal nicht im 4-4-2, sondern in einer Art 4-3-3, in dem Martins die Rolle als Abräumer im Mittelfeld dominant interpretierte, während Aebischer ein paar Meter weiter vorne agierte. «Ich mag es, wenn wir zu dritt im Zentrum sind, weil ich mehr Möglichkeiten habe, mich in der Offensive einzubringen», sagt Aebischer. «Und wir sind dann selten in personeller Unterzahl gegen Teams, die auch mit drei Spielern in dieser Zone sind.»

Doppeltorschütze Jean Pierre Nsame entschied die Partie zu Gunsten des Meisters. (Video: Tamedia/SRF)

Seltsam abwartend für ein Heimspiel gingen die Young Boys vor, abgeklärt und solid waren sie, ohne auch nur einen Hauch von Brillanz zu versprühen. Die verwegene Einschätzung von Luganos Fabio Daprelà, sein Team sei gut und mutig gewesen und YB schwach und ungefährlich, hielt dem Faktencheck dennoch nicht stand. Der Sieg des Meisters geriet nie in Gefahr, in der Schlussphase stellten die Young Boys auf ein 3-5-2 um und bewiesen jene Flexibilität, die ihnen so heilig ist. «Es ist wichtig, dass wir mehrere Systeme beherrschen», sagt Aebischer, «damit wir in der Lage sind, auf Gegner, Veränderungen und Spielverlauf reagieren zu können.»

Camara monatelang out

Es war am Sonntag vor rund 24'000 Zeugen also auch ein YB-Erfolg der Taktik. Und des Leidens. Nicht nur Lustenberger biss auf die Zähne, mehrere Berner Akteure lagen nach teilweise harten Zweikämpfen am Boden, Offensivkraft Marvin Spielmann musste sogar noch vor der Pause mit einer Gehirnerschütterung ausgewechselt werden.

Die Verletztenliste jedenfalls ist beeindruckend lang und prominent besetzt, selbst wenn Vincent Sierro und Cédric Zesiger gegen Lugano wieder dabei sein konnten. Es fehlten: Miralem Sulejmani, Guillaume Hoarau, Christian Fassnacht, Gianluca Gaudino sowie Mohamed Camara, der wie Sandro Lauper (Kreuzbandriss) vermutlich erst 2020 wieder einsatzbereit sein wird.

Camara, gerade erst von einer Verletzung genesen, hatte am Freitag im Training in einer eigentlich harmlosen Situation einen Schienbeinbruch erlitten. Gegen Lugano liefen die YB-Spieler deshalb mit T-Shirts ein, auf denen sie Pechvogel Camara ihre Unterstützung bezeugten («wir sind alle bei dir»).

Weil das Kader derart breit besetzt ist, lassen sich die Ausfälle gerade noch kompensieren. Doch es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Young Boys bis Ende August auf dem Transfermarkt noch einmal tätig werden. Möglicherweise verpflichten sie einen weiteren Verteidiger, wobei Camara wie Lauper in der Rückrunde wieder dabei sein werden.

Und in der Sturm-und-Drang-Abteilung ist die Situation auf den ersten Blick noch deutlich angespannter. Fassnacht und Gaudino kehren jedoch bald zurück, auch Sulejmani und Hoarau könnten noch im August ihr Comeback geben, bei Spielmann gilt es gleichfalls den Heilungsverlauf abzuwarten.

Playoff-Auslosung

Es spricht eher nicht für die Super League, stehen die Young Boys trotz allem schon wieder auf Rang 1. Finesse und Spielfreude haben sie in dieser Saison noch kaum präsentiert, Wucht und Kraft jedoch imponieren. Ob das genügen wird, um im bedeutsamen Champions-League-Playoff Ende Monat bestehen zu können, ist jedoch fraglich.

Am Montag erfährt das ungesetzte YB an der Auslosung den Gegner, der sich zuerst in der 3. Qualifikationsrunde durchsetzen muss. Zur Auswahl stehen die Sieger aus den Duellen Ajax - Saloniki, Celtic - Cluj, Dinamo Zagreb - Ferencvaros Budapest sowie FC Kopenhagen - Roter Stern Belgrad.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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