Zielen die Stürmer bald auf Hände statt auf Tore?

An der WM der Frauen sind neue Regeln in Kraft. Die ersten Spiele zeigen: Der Fussball könnte eine Penalty-Schwemme erleben. Schweizer Schiedsrichter bereiten sich vor.

Jennifer Hermoso schiesst, Südafrikas Captain Janine van Wyk schützt ihr Gesicht – und gleich darauf gibt es Elfmeter.

Jennifer Hermoso schiesst, Südafrikas Captain Janine van Wyk schützt ihr Gesicht – und gleich darauf gibt es Elfmeter.

(Bild: Getty)

Florian Raz@razinger

Der Gedanke kommt ihr kurz nach dem Schlusspfiff. «Ich hoffe nicht, dass ich irgendwann die Linie runterrenne und dann den Ball an den Arm oder die Hand einer Gegnerin kicke, um einen Penalty zu schinden», sagt Fran Kirby, als sie auf die frisch eingeführten Regeln zum Handspiel angesprochen wird. Diese gelten an der Weltmeisterschaft der Frauen – und halten ab der kommenden Saison weltweit Einzug.

Kaum zwei Stunden vor ihrem Gedankenspiel ist Kirby die Linie runter gerannt, hat mit ihrer Flanke den Arm der Schottin Nicola Docherty getroffen – und damit einen Elfmeter für England provoziert.

1. Penalty bei England - Schottland

Natürlich beteuert Kirby danach, sie habe mit ihrem Ball auf den Kopf ihrer Kameradin Lucy Bronze gezielt. Aber auch der Engländerin dämmert unmittelbar nach dieser Szene: «Ich hoffe zwar nicht, dass andere auf die Idee kommen, extra auf den Arm der Gegnerin zu zielen – aber es könnte durchaus passieren.»

Eigentlich war das Ziel der internationalen Regelhüter ja, die Regeln für das Handspiel auf die kommende Saison hin klarer zu gestalten. Die ersten Spiele der WM in Frankreich aber deuten darauf hin, dass das Ifab stattdessen möglicherweise ein Monster kreiert hat.

Bei Stürmern ist alles klar – aber bei Verteidigern?

Einsichtig ist, dass künftig keine Tore mehr zählen, die mit der Hand erzielt werden. Unabhängig davon, ob die Hand mit oder ohne Absicht ins Spiel kommt. Zudem werden sogar Treffer aberkannt, bei deren Vorbereitung eine Hand mit im Spiel war. So weit, so einfach.

Im Spiel gegen den Ball wird es allerdings gleich weitaus komplizierter. Neu gilt es für das verteidigende Team als Handspiel, wenn ein Spieler bei einem Ballkontakt «seinen Körper aufgrund seiner Hand-/Armhaltung unnatürlich vergrössert. Und wenn sich seine Hand/sein Arm über der Schulterhöhe befindet». Ausnahmen gibt es nur sehr wenige. Etwa dann, wenn der Spieler die Hand braucht, um sich bei einer Grätsche gegen unten abzustützen.

Ist es unnatürlich, Arme und Hände zu haben?

In Frankreich zeigt sich derzeit, wie der Weltfussballverband Fifa seine neuen Regeln ausgelegt sehen will. Und das ist nicht zum Vorteil der Verteidigerinnen. Derzeit scheint es schon fast als unnatürlich zu gelten, wenn Abwehrspieler überhaupt Arme und Hände an ihrem Körper haben.

Dabei ist die Szene aus der Partie zwischen England und Schottland noch die am wenigsten strittige, weil Docherty ihre Hand doch sehr weit vom Körper hat. Aber es gibt auch den Fall der Jamaikanerin Allyon Swaby. Sie erhält den Ball aus einem halben Meter Distanz an den dicht am Körper liegenden Ellbogen gespielt und wird dafür mit einem Elfmeter bestraft. Oder die Südafrikanerin Janine van Wyk, die ihr Gesicht schützt – und ebenfalls einen Penaltypfiff provoziert.

2. Penalty bei Brasilien - Jamaika

In Frankreich werden die Spielerinnen vor dem Anpfiff klar instruiert. Gemäss Kirby erklärten ihr die Videoschiedsrichter der Fifa vor der Partie gegen Schottland, dass es für einen Penalty reicht, «wenn der Arm nicht nahe am Körper ist». Gilt dieser Massstab in der kommenden Saison weltweit, dann wird der Fussball eine Elfmeterschwemme erleben.

Und es ist durchaus denkbar, dass Stürmer künftig versuchen werden, die neuen Regel auszunutzen und einen Handspenalty zu provozieren. Auch Daniel Wermelinger beobachtet die Regelauslegung an der WM intensiv. Der Schweizer Leiter des Ressorts Spitzenschiedsrichter glaubt aber noch an das Gute im Fussball, wenn er sagt: «Ich gehe nicht davon aus, dass es Teams gibt, die stundenlang im Training auf die Arme ihrer Kollegen zielen.»

3. Penalty bei Spanien - Südafrika

Trotzdem machen die neuen Regeln die Saisonvorbereitung für die Schweizer Spitzenschiedsrichter intensiv. Ende Juni findet ein gemeinsamer Kurs statt. Später wird das «Thema Handspiel mit allen Vereinen der Super und Challenge League aktiv thematisiert», sagt Wermelinger.

Eines gibt der Schweizer Schiedsrichter-Chef unumwunden zu: «Das Thema, was als natürlich und was als unnatürlich gilt, wird noch lange das Potenzial für heisse Diskussionen haben. Vieles ist nicht präzise messbar und lässt Spielraum für persönliche Interpretationen.»

Diskussionsstart? Vermutlich schon am 20. Juli. Dann wird die erste Runde der Super League gespielt.

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