Der Besuch des Kaisers als Türöffner

Toni Söderholm ist in Deutschland mit wenig Kredit gestartet. Nun führt er das Team von Sieg zu Sieg.

Ein Finne mit schwedischem Namen – und doch ist Toni Söderholm ganz angekommen in Deutschland. Foto: Joe Klamar (Keystone)

Ein Finne mit schwedischem Namen – und doch ist Toni Söderholm ganz angekommen in Deutschland. Foto: Joe Klamar (Keystone)

Reto Kirchhofer@rek_81

Manchmal lässt sich ein Fragezeichen mit einem einzigen Bild geradebiegen.

Im Dezember wurde Toni Söderholm in Deutschland als Nationaltrainer vorgestellt. Er folgte auf den populären Marco Sturm, der das Team 2018 in Pyeongchang zu Olympiasilber geführt hatte. Söderholm war nicht die erste Wahl, er hatte zuvor beim SC Riessersee in der dritthöchsten Liga als Headcoach gearbeitet. Ausgerechnet ein solch wenig profilierter Trainer sollte Sturms Erbe antreten. Selbstverständlich wurden Zweifel gesät. Dem ­Deutschen Eishockey-Bund (DEB) drohte eine Ernte aus Spott.

Es gibt Parallelen zu Patrick Fischers Amtsantritt in der Schweiz. Auch Fischer war umstritten, sein Palmarès bescheiden. Er hielt den Kritikern mit ­Nationalstolz und Identität entgegen, was für Söderholm, Finne mit schwedischem Nachnamen, in Deutschland schwieriger war. Aber da gab es eben diese Anekdote, dieses Bild. Söder­holms Vater arbeitete für BMW als Attaché in Finnland. In dieser Funktion betreute er Vertreter des Deutschen Fussball-Bunds (DFB), wenn sie in den Norden reisten, um Spiele zu besuchen. Eines Tages machte Franz Beckenbauer auf dem Weg nach Turku bei den ­Söderholms halt. Es kam zum Schnappschuss: links Beckenbauer, in Deutschland mindestens Kaiser, rechts der kleine Toni.

Söderholm hatte die Geschichte bereits 2016 als Verteidiger in München erzählt. Nach seiner Wahl zum Nationaltrainer machte das Foto landesweit die Runde. Prompt war die Nähe gegeben, Söderholm fortan seltener die Verlegenheitslösung, häufiger der «Finnen-Toni», Fan von Kaiser Franz und grosses Trainertalent.

Und jetzt, an der WM, führt Söder­holm mit Deutschland nach vier Partien und vier Siegen die Gruppe in Kosice an. Die Teilnahme am Viertelfinal ist den Deutschen kaum mehr zu nehmen. Trotzdem war Söderholm nach dem wegweisenden 3:2 gegen Gastgeber Slowakei missmutig. «Ich bin glücklich über das Resultat. Aber die Art und Weise, wie wir gespielt haben: Das wird nicht mehr reichen. Und diese Aktion gegen Moritz: Die macht mich wütend.»

Der SCB-Coach als Mentor

Der Trainer dachte an den Check von Ladislav Nagy gegen Moritz Seider: spät, von hinten, nahe der Bande, nur mit zwei Minuten sanktioniert. Seider blieb benommen liegen. Er dürfte im nächsten Match wieder mittun können. Das Ausnahmetalent steht wie Stürmer Leon Draisaitl für die Zukunft des deutschen Eishockeys. Seider hat an der WM bereits zwei Tore erzielt – als Verteidiger, mit 18 Jahren. Das gelang letztmals einem Finnen: Reijo Ruotsalainen 1978.

Ebendieser Ruotsalainen hat das Schweizer Eishockey geprägt. Er führte den SC Bern zu drei Titeln, lief auf den Schlittschuhen selbst rückwärts schneller als sein Schatten. Auch Söderholm hat eine Vergangenheit beim SCB; er verteidigte von 2005 bis 2007 in Bern. Und in der jungen Erfolgsgeschichte des Trainers Söder­holm spielt auch der aktuelle SCB-Coach eine Rolle: Kari Jalonen. Die beiden kennen sich aus gemeinsamer Zeit bei IFK Helsinki, als Söderholm unter Coach ­Jalonen als Captain fungierte. Nun steht Jalonen seinem Landsmann in Kosice zur Seite. Er sehe sich als Mentor, sagt Jalonen. «Ich tausche mich mit Toni über die Gegner aus, die Trainings, teile ihm meine Beobachtungen mit.»

Der 59 Jahre alte Finne hält viel vom 18 Jahre jüngeren Kollegen: «Die Deutschen waren ein Team aus disziplinierten Handwerkern. Nun kommt eine neue Generation, die talentiert, kreativ und schnell auf den Schlittschuhen ist. Altes und Neues: Toni bringt die beiden Elemente zusammen.»

Wie für die Schweizer stehen für die Deutschen die Prüfungen gegen die Topteams der Gruppe aber erst noch an. «Wir geben weiter Gas», sagte Söderholm. Mit dem besten WM-Start einer DEB-Auswahl seit 1930 hat der «Finnen-Toni» schon mal ein Ausrufezeichen gesetzt.

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