Chris DiDomenico zurück von seiner NHL-Odyssee

Es ist schwierig, aus Chris DiDomenico schlau zu werden. Der Kanadier ist ein Mann mit vielen Gesichtern und voller Leidenschaft fürs Eishockey.

Zurück im Emmental: Der Langnauer Publikumsliebling und Hoffnungsträger Chris DiDomenico posiert in der Schaukäserei von Affoltern.

Zurück im Emmental: Der Langnauer Publikumsliebling und Hoffnungsträger Chris DiDomenico posiert in der Schaukäserei von Affoltern. Bild: Marcel Bieri

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Er sagt: «Ich provoziere gerne. Ich spiele dreckig. Ich bin ein Krieger auf dem Eis.» An seinen Körper hat er sich Engel, Friedenstauben und eine Weisheit von Mutter Teresa tätowieren lassen.

Er sagt: «Ich tue alles dafür, zu gewinnen. Ich nehme keine Rücksicht auf andere.» Jeden Abend betet er. Er schöpft Kraft aus dem Glauben an Gott, hält Nächstenliebe für wichtig.

Er sagt: «Ich mache während des Spiels gerne etwas Verrücktes. Ich stehe gerne im Mittelpunkt.» Beim Essen im Restaurant wirkt er schüchtern, er scheut Augenkontakt, hält sich vornehm zurück.

Chris DiDomenico steht für vieles in Langnau. Er garantiert Tore und Emotionen. Er liefert Vorlagen und Schlagzeilen. Er verhindert Langeweile und Genügsamkeit. Der Kanadier ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Eines zeigt ihn, wie er nach einem verwerteten Penalty auf die Bande springt, wie er sich mit gegnerischen Fans anlegt und sich gut dabei fühlt, wenn alle gegen ihn sind. Ein anderes präsentiert ihn als Landei, das gerne dem Trubel entflieht und mit dem Hund spazieren geht. Das froh ist, wenn es mit den Leuten klarkommt.

DiDomenico ist zurück in Langnau. Und das Trikot mit der Nummer 89 geht wieder am häufigsten über den Ladentisch im Fanshop. So ist es gewesen, bald schon nachdem der Angreifer vor viereinhalb Jahren ins Emmental gekommen war. Der Weg nach Langnau war abenteuerlich, wie es die ganze Karriere ist.

Weil die SCL Tigers nach turbulenten Zeiten auf einen Sportchef verzichteten, schauten sich ein Verwaltungsrat sowie ein Angestellter der Geschäftsstelle die Skorerlisten in aller Welt an. In Asiago fand sich einer mit beeindruckenden Werten, die klammen Italiener liessen «DiDo» zum Spottpreis ziehen. So lancierte der Kanadier seine Laufbahn neu, welche mit dem U-20-WM-Titel 2009 einen verheissungsvollen Anfang genommen hatte, wegen eines gebrochenen Oberschenkels und einer zerstörten Kniescheibe aber ins Niemandsland zu führen schien.

DiDomenico spielte sich in die Herzen der Emmentaler. «Kein anderer Mensch bringt so viel Leidenschaft für eine Sache auf», meinte der frühere Trainer Benoît Laporte. Und sein Vorgänger Bengt-Ake Gustafsson sagte: «DiDomenico erinnert mich an eine Steckdose – so viel Energie hat er.» 210 Punkte lieferte der Haudegen in 182 Partien, bis es im Februar 2017 zum Bruch kam.

Der einstige SCB-Coach Guy Boucher hatte geweibelt und mit dem Transfer nach Ottawa gelockt; der Bubentraum, die NHL, war zum Greifen nah. So erstritt sich Di­Domenico die Freigabe, just vor Beginn der wichtigsten Saisonphase. Die Parteien gerieten sich in die Haare, aber man spürt es im Vieraugengespräch: Der Spieler würde nochmals gleich handeln.

Wie schnell man doch nur vergibt und vergisst im Emmental. Bereits vergangenen Herbst stand DiDomenico wieder mit Langnaus Verantwortlichen in Kontakt, als wäre nie etwas gewesen, auf einmal hatte man sich wieder lieb. Die Möglichkeit, in der NHL zu spielen, sei völlig unerwartet gekommen, sagt DiDomenico nun, «ich musste sie nutzen, um jeden Preis».

Er weiss, dass die Clubführung wütend war auf ihn, es ist ihm bewusst, dass er nun unter besonderer Beobachtung steht. Zusätzlichen Druck aber verspürt er deswegen nicht. «Ich hätte mich ohnehin zerrissen fürs Team. Ich war nie der talentierteste Spieler. Deshalb lernte ich, so lange zu kämpfen, bis ich nicht mehr laufen kann.»

Die Teamkollegen, sie sind ihm nicht böse gewesen. Dass die Beziehung keine Risse erhalten hat, zeigte sich während des gestrigen Ausflugs in die Schaukäserei in Affoltern, in der DiDomenico die grosse Kelle schwang. «Auf dem Eis ist er ein extrem mühsamer Kerl, der richtig nerven kann. Für uns aber ist er Gold wert», sagt Stürmer Anton Gustafsson. Und Aaron Gagnon meint: «Er lotet Grenzen aus, übertreibt es manchmal. Aber er spielt un­glaublich clever.»

Sportchef Marco Bayer ist überzeugt, dass DiDomenico mit seiner Leidenschaft, seiner Explosivität jenes Element reinbringen wird, das den Tigers zuletzt fehlte.

Das Leben in der Heimat, es wurde zur Odyssee für Chris DiDomenico. Belleville, Ottawa, wieder Belleville, Tampa, Syracuse, wieder Ottawa, nochmals Belleville, Chicago, Rockford – das Hin und Her und Auf und Ab kannte kaum Grenzen. In drei NHL-Organisationen stand DiDomenico vergangene Saison unter Vertrag, wobei die vielen Transfers und Abschiebungen in Farmteams nicht unbedingt als Gütesiegel zu werten sind.

Wie kurios alles vonstattenging, verdeutlicht folgende Episode: Am 1. Dezember 2017 bestritt der einstige Langnauer Leitwolf eine AHL-Partie mit Syracuse, dem Farmteam Tampa Bays. Über Nacht folgte der Wechsel zurück nach Ottawa und sogleich die Versetzung ins zweitklassige Belleville. Mit jener Equipe stand er am 2. Dezember schon wieder im Einsatz und traf auf – Syracuse.

In mentaler Hinsicht habe er schwierige Monate hinter sich, meint DiDomenico. Planungssicherheit hatte er so gut wie nie, manchmal blieb nicht einmal genug Zeit zum Packen. «Die Reiserei war anstrengend, der Körper litt darunter», sagt der 29-Jährige. Er ist müde geworden, was mit ein Grund dafür war, dass er das Emmental Russland vorzog und ein Angebot aus der KHL ausschlug.

«Ich habe realisiert, wie schön es in der Schweiz ist, was es heisst, stets im eigenen Bett schlafen zu können.» Einzig der Konkurrenzkampf sei zu gering. «Pro Organisation kämpfen 70 Spieler um einen der 25 Plätze im NHL-Team. Hier hat fast jeder seinen Job auf sicher. Deshalb holen viele nicht alles aus sich heraus.»

DiDomencio hält sich nicht für einen Gescheiterten. Wobei er doch ziemlich schnell wieder aus Nordamerika zurückgekehrt ist. Viel erreicht habe er, das betont der Stürmer mehrmals. 27 NHL-Spiele, 6 Tore, 4 Assists sowie knapp ein Skorerpunkt pro Spiel eine Stufe tiefer in den Farmteams, das sind die Fakten. Und ja, es gibt einige, die ihm das nicht zugetraut hatten. «Die Leute haben keine Ahnung, wie schwer es ist, sich in der NHL durchzusetzen», sagt der Kanadier.

16 Monate war er weg, und doch wirkt es irgendwie, als wäre er nie weg gewesen. Zieht er beim Tischtennis im Duell mit einem Teamkollegen den Kürzeren, fliegt der Schläger noch immer durch die Luft. Ein Geschichtenerzähler ist er nicht geworden; geblieben sind sein Kaugummienglisch und Standardsätze wie «Wir arbeiten hart, wir kämpfen, wir nehmen Spiel für Spiel». Viel Blabla – und doch faszinierend. DiDomenico sagt, er habe in Übersee gelernt, weniger zu diskutieren, er habe sich auf dem Eis besser im Griff.

Nach dem Ausscheiden mit Rockford im AHL-Playoff fühlte sich DiDomenico von Zuschauern provoziert. Mit dem Stock drosch er mehrmals gegen das Plexiglas, rastete völlig aus. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.09.2018, 06:11 Uhr

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