Schöne neue Eishockeywelt

Lausanne spielt erstmals in seinem neuen, 230 Millionen Franken teuren Stadion. Das 3:5 gegen Servette zeigt aber, dass der ehrgeizige LHC sonst viel Arbeit vor sich hat.

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Philipp Muschg@tagesanzeiger

Plitsch, platsch. Die Passanten streben alle zum selben Ziel. Und der frisch betonierte Platz, den sie jetzt noch überqueren müssen, glänzt nass und schwarz. Gerade hat es aufgehört zu regnen, gerade rechtzeitig zur Eröffnung der modernsten Sportarena der Schweiz. Die letzten Schritte führen vorbei an Baumaterial. Und hin zu den Schlangen vor den Eingangstüren. Gemurmel liegt in der Luft wie vor einer Theaterpremiere.

Dann donnert es los.

Nein, nicht der Eishockey-Match zwischen dem Lausanne HC und Servette Genf. Sondern das, was im Programm nach der Türöffnung kommt. Die Lautsprecher dröhnen am Rand der Schmerzgrenze und darüber hinaus, als ein smarter Direktor erklärt, warum seine Versicherung fünf Millionen Franken bezahlt, damit das Stadion «Vaudoise aréna» heisst: «Mit einem Accent aigu, bitte. Denn die Mannschaft, die hier gewinnt, wird Französisch sprechen.»

Ein Gruss von Federer

Er weiss: An diesem Abend bekommt er sowieso recht. Und bevor es losgeht, erscheint ein Reigen von Honoratioren auf dem zehn Tonnen schweren Videowürfel. Lokale Grössen aus der Politik bedanken sich, Roman Josi aus der NHL wünscht alles Gute. Am Ende lächelt Roger ­Federer: «Je vous salue tous.»

Das ist die Gesellschaft, in der sie sich in Lausanne gerne sehen. In einem funkelnden Neubau für 230 Millionen Franken. Mit dem Versprechen von Eigner Ken Stickney, der beste Club Europas zu werden. Und in einer Partnerschaft mit dem weltgrössten Besitzer von Sportteams, AEG. Lausanne-Stürmer Benjamin Antonietti trifft es, wenn er sagt, der Wandel des Clubs seit 2010 sei «hallucinant», überwältigend. Damals wurde er als Junior von Servette zu Lausanne abgeschoben. Waren die Genfer im 7. Playoff-Final-Spiel gescheitert, spielte Lausanne in der NLB.

Was für einen Unterschied neun Jahre machen. Heute fährt Servette einen Sparkurs, hat einen Juniorentrainer an der Bande und sieben Spieler auf dem Matchblatt, die keine 22 sind. Lausanne dagegen erhöht das Budget und verliert die besten Junioren, weil in der National League Resultate über allem stehen.

Ob die Fans auch so fühlen? Das Publikum ist gut gemischt an diesem Dienstag. Doch nach Betreten der dunkelgrauen ­Betongänge und der ersten Kurve tun alle dasselbe. Sie zücken das Handy und fotografieren: den Löwenkopf, der sich auf dem Videowürfel dreht, die imposante Stehplatzrampe, das makel­lose Eisfeld. «Wie findest du es?», lautet die meistgestellte Frage. Die Ultras haben dazu ihre eigene Meinung. «Die ID-Kontrolle hat den Hexenkessel Malley ausgelöscht» schreiben sie auf eine Banderole. «Neue Halle, neue Geschichte» auf eine andere.

Die Identitätskontrolle ist ein altes Thema hier. Viele auswärtige Fans boykottieren die Heimspiele des LHC, und bei der Planung der Arena wurde dem Rechnung getragen. Nur 380 Personen bietet der Gästesektor Platz und setzt damit einen ligaweiten Trend fort: Immer weniger Fans reisen ihrem Club hinterher.

Ein Schuss, ein Gegentor

Die Genfer, die es an diesem Tag trotzdem tun, werden belohnt. Und können sich darüber freuen, wie eine ganze Arena fünfmal verstummt. Erst zehn Sekunden sind gespielt, als Servette-Topskorer Tommy Wingels mit dem ersten Schuss das 1:0 erzielt. In der 23. sorgt Daniel Winnik für die dritte Schockstille und den vorzeitigen Feierabend von Lausanne-Goalie Tobias Stephan.

So haben sie sich das nicht vorgestellt. Nicht die rot-weissen Fans, die den Arena-Speakern punkto Lautstärke kaum nachstehen. Und sicher nicht die ­rot-weisse Clubführung bis ­hinauf zu Ken Stickney.

Es ist die Fortsetzung einer schwierigen Baugeschichte auf dem Eis. Denn so unfertig das Projekt des besten Clubs von Europa ist, so viel fehlt zur ­Fertigstellung des 230-Millionen-Projekts. Die Vaudoise aréna ist ja nur eines von drei Eisfeldern – die Trainingshalle bleibt bis ­November eine Baustelle, das Aussenfeld, die Hallen für Tischtennis und Fechten sind erst nächstes Jahr fertig. Das Schwimmbad samt Sprungturm im Olympiaformat erwartet 2021 erste Besucher.

Mehr Leute und Nachtarbeit

Abgesehen vom Publikumsbereich der grossen Eishalle ist das Ganze eine Baustelle. Selbst für die Premiere wurde es knapp. «Beschleunigungsmassnahmen» nennt der Präsident des Sportzentrums die zusätzlichen Arbeitskräfte, die Einführung von 16-Stunden-Tagen und die Nachtarbeit der letzten Wochen.

Hat es sich gelohnt? Die Antwort darauf werden die nächsten Jahre geben. Dann zeigt sich, ob der LHC dank der Gastronomie und den Logen, die er neu selbst betreibt, die erhofften ­Profite schreiben kann. Und ob AEG wie gewünscht interna­tionale Top-Acts nach Lausanne zu locken vermag, die das ­Geschäftsmodell befeuern.

Bei ihrem letzten Abstecher ins Schweizer Eishockey war AEG nicht so erfolgreich. Nach gut 20 Millionen Franken Betriebsverlust gaben die Amerikaner 2005 den Eishockey-Club Servette wieder ab. Bevor sie sechs Jahre zuvor in den hiesigen Markt stiessen, hatten sie zwei Standorte evaluiert: Genf und Lausanne. Der Legende nach regnete es aber in Strömen, als die AEG-Leute zur Rekognoszierung kamen. Und so blieb die Delegation in Genf, wo Servette-Präsident Marco Torriani ein Luxus-Hotel führte.

Im Rink wurde der erste Schritt zur Besserung verpasst. Lausanne verliert seine Premiere gegen Servette 3:5.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

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