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Der Rekord, den es nie hätte geben sollen

Der SC Bern führt 2:0 und kassiert in der 60. Minute zwei Tore. Via Zusatzschlaufe erreicht er doch noch den Halbfinal. Kurz vor 1 Uhr in der Früh trifft Mark Arcobello ins Glück.

Der Moment der Erlösung: Mark Arcobello erzielt nach 118 Minuten das 3:2. Video: SRF

Auf der Zeitanzeige über den Köpfen der Spieler steht eine Schnapszahl: 22:22. Beim Gang in die Garderobe ist unschwer zu erkennen, welche Akteure wahrhaftig einen Schnaps gebrauchen könnten. Ein, zwei Minuten zuvor schien alles für das finale Händeschütteln zwischen Genf und Bern bereit.

Der Favorit lag 2:0 in Front. Das war zwar trügerisch, weil der SCB in dieser Serie bereits viermal mit zwei Toren geführt, den Vorsprung aber nur einmal über die Zeit gerettet hatte. Aber was sollte bei einer einzigen verbleibenden Spielminute noch schiefgehen?

Nun: Servette und Bern erweiterten die Vorstellung des Möglichen. Die Genfer gewannen das Bully, ersetzten Torhüter Robert Mayer durch einen sechsten Feldspieler und verkürzten 46 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit durch Tommy Wingels auf 1:2. Lektion gelernt, SCB? Mitnichten. Wieder Bullygewinn Genf, Mayer geht wieder raus, wieder ein Schuss aufs Tor, 2:2. Nur hiess der Torschütze nicht Wingels, sondern Winnik, Daniel Winnik. Verrückter geht es kaum.

Im Verlauf dieses Viertelfinals hat sich das Credo «Erwarte das Unerwartete» mit hoher Zuverlässigkeit bewahrheitet. Aber was soll vor der Verlängerung im sechsten Spiel überhaupt noch erwartet werden und was nicht? Die Zeit vergeht, die Beine werden schwer, die Torhüter parieren Schuss um Schuss.

Erste Verlängerung vorbei, zweite Verlängerung vorbei. In der dritten Verlängerung fällt die Marke des längsten Spiels in der Geschichte des Schweizer Eishockeys: Denis Hollenstein hielt den Rekord dank seines Treffers zum 3:2 für Kloten gegen Rapperswil im Vorjahr nach 102 Minuten und 32 Sekunden.

Endloser Jubel: Der SC Bern gewinnt das längste Spiel der Schweizer Eishockey-Geschichte und zieht in die Playoff-Halbfinals ein.
Endloser Jubel: Der SC Bern gewinnt das längste Spiel der Schweizer Eishockey-Geschichte und zieht in die Playoff-Halbfinals ein.
Martial Trezzini, Keystone
«Es war ein grossartiges Gefühl»: Mark Arcobello beendete nach 117 Minuten und 43 Sekunden Spiel Nummer 6 gegen Servette.
«Es war ein grossartiges Gefühl»: Mark Arcobello beendete nach 117 Minuten und 43 Sekunden Spiel Nummer 6 gegen Servette.
Jean-Christophe Bott, Keystone
Nach der dritten Verlängerung gewinnen die Berner mit 3:2 auch das dritte Auswärtsspiel in dieser Serie und setzen sich mit 4:2 Siegen durch.
Nach der dritten Verlängerung gewinnen die Berner mit 3:2 auch das dritte Auswärtsspiel in dieser Serie und setzen sich mit 4:2 Siegen durch.
PPR/Martial Trezzini, Keystone
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Der SCB gewinnt das längste Spiel der Schweizer Eishockey-Geschichte.

Rüfenacht: «Das hat uns wahnsinnig gemacht»

Doch in der Les-Vernets-Halle geht es immer weiter. Längst ist Mitternacht vorbei, der 57. Geburtstag von Chris McSorley angebrochen. Das Happy End bleibt dem Genfer Coach verwehrt. Nach einem Fehler Mike Völlmins schnappt sich Mark Arcobello den Puck und trifft nach 117 Minuten und 43 Sekunden (!) ins Berner Glück. Eben: Verrückter geht es kaum. Stürmer Thomas Rüfenacht sagt um 01.15 Uhr: «Diese Partie hat uns wahnsinnig gemacht. Wir brauchten fast zwei Spiele dafür, den Sieg zu holen.»

Das historische Ende passt überhaupt nicht zum zuvor Gezeigten. Während 59 Minuten boten die zwei Teams vorzugsweise Biederes statt Besonderes. Eine Ausnahme war das SCB-Führungstor durch Adam Almquist. Der Treffer fiel tatsächlich und wahrhaftig in Überzahl – nach fast 37 Minuten Erfolglosigkeit im Powerplay in dieser Serie. Danach verebbte Angriff für Angriff in der Mittelzone. Servette hatte zwar ein Chancenplus, doch die Extrameile mochten die müden Genfer vorerst nicht zu gehen.

Eine der besten Möglichkeiten vergab Timothy Kast: Leonardo Genoni war an der Maske getroffen worden, die Partie lief weiter und der Torhüter parierte Kasts Abschluss reflexartig mit dem rechten Schoner. Für die vermeintliche Entscheidung sorgte in der 48. Minute André Heim. Auch der Center reüssierte in Überzahl. Er hat wie Daniele Grassi gegen Genf drei Tore erzielt.

Ausgerechnet die Akteure aus den hinteren Reihen haben sich bernerseits im Viertelfinal in den Vordergrund gespielt. Doch das 2:0 sollte nicht genügen. Der Favorit benötigte die Zusatzschlaufe, reüssierte in extremis. Überhaupt wurden vier der sechs Begegnungen erst in der Verlängerung entschieden.

McSorley: «Der Elefant ist noch da»

Für Servette endet damit auch die siebte Playoff-Serie gegen den SCB mit einer Ernüchterung. Die Equipe von McSorley schliesst die Saison mit der Gewissheit ab, gemessen an den Umständen nahezu das Optimum erreicht zu haben. Kaum eine Mannschaft wurde derart heftig von Verletzungen durchgeschüttelt. Zuletzt fiel auch noch Henrik Tömmernes aus, Denker und Lenker im Spiel von Servette.

Die Mannschaft hat just in der wichtigsten Phase das bestmögliche Eishockey gespielt. «Das macht mich sehr stolz – selbst wenn ich mir ein anderes Geburtstagsgeschenk gewünscht hätte», sagt McSorley. Dennoch steht seine Zukunft als Coach in Genf in der Schwebe. Er sagt: «Schauen wir, was die Zukunft bringt. Im Moment ist der Elefant noch da.»

Und der Titelfavorit aus Bern? Bei ihm existiert nach diesem Viertelfinal noch sehr viel Luft nach oben. Es gibt schlimmere Erkenntnisse für einen Halbfinalisten. In der nächsten Serie wird es für den SCB ein Berner Derby geben – entweder gegen Biel oder gegen Langnau.

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