Die Geschichte vom «Hockeygott»

Zum Playoff-Auftakt trifft der EHC Biel auf die ZSC Lions. Dreimal hat Kevin Schläpfer die Seeländer nun bereits in die Playoffs geführt, obschon ihnen zuvor von Experten kaum Kredit gegeben wurde.

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Marco Oppliger@BernerZeitung

Die Nacht war kurz – sehr kurz. Pünktlich um 4 Uhr stand Kevin Schläpfer auf einem Platz in Basel, verfolgte den «Morgestraich». «Ich habe die Ambiance genossen, bewusst die Energie aufgenommen», erzählt er. Die Basler Fasnacht verpasst der 45-Jährige nie, oftmals ist er dort mit seinen drei Kindern unterwegs. Es ist einer dieser seltenen Momente, in welchen der Coach des EHC Biel nicht an Eishockey denkt. Oder zumindest fast nicht.

Nun, fünf Stunden nach dem «Morgestraich», sitzt Schläpfer in seinem kleinen Büro im Bieler Eisstadion. An den Wänden hängen Kinderzeichnungen und Fotos seiner Liebsten. Obwohl er in Sissach zu Hause ist, ist Biel Schläpfers zweite Heimat geworden. 2004 machte er sich mit seinem entscheidenden Tor im NLB-Final gegen Siders bei den Fans zum «Hockeygott», vier Jahre später realisierte die von ihm als Sportchef zusammengestellte Equipe den Wiederaufstieg in die NLA. Und in den letzten vier Jahren führte Schläpfer Biel als Coach dreimal in die Playoffs, obschon das Seeländer Kader auf dem Papier zu den schwächsten der Liga zählt.

Lied mit Folgen

Mit achtzehn Jahren war er von John Slettvoll entdeckt worden, doch beim «Grande Lugano» vermochte sich der Stürmer nie durchzusetzen. Vielleicht auch, weil er an einer Weihnachtsfeier im Übermut einst «vaffanculo Slettvoll» gesungen haben soll. Seine Spuren als Spieler hinterliess er vorab in der NLB, wo er mit Olten, Langnau und Chur in die höchste Liga aufsteigen konnte.

Gewiss sei Schläpfer ein Spassvogel gewesen, erzählt EHCB-Captain Mathieu Tschantré, der zu Beginn seiner Karriere mit ihm in Biel zusammenspielte. Vor allem aber sei er gegenüber den Trainern sehr kritisch eingestellt gewesen. Nicht selten kam es vor, dass Schläpfer den Coachs die Tafel aus den Händen nahm, um dem Team seine Ideen zu präsentieren. Schläpfer verneint dies nicht, sagt, er schätze es, wenn ihn heute ein Spieler herausfordere.

Obschon er Biel als Trainernotnagel zweimal in einem siebten Spiel in der Ligaqualifikation gerettet hatte, genoss Schläpfer kaum Kredit, als er 2010 das Amt des Übungsleiters in Biel übernahm. Seine impulsive, manchmal theatralische Art passte nicht zum landläufigen Bild eines Eishockeycoachs. «Diese Ablehnung war für mich ein Schock», sagt er und verweist auf die grosse Verantwortung, die er bei erwähnten Rettungsaktionen übernommen habe.

Vielleicht liegt genau in diesen Extremsituationen die Ursache für Biels Erfolg. «Wenn du gemeinsam das Schlimmste überstanden hast, gibt das ein gutes Gefühl», hält Tschantré fest. «Sicher habe ich zwischendurch eine andere Meinung, aber ich habe nie an seinen Fähigkeiten als Coach gezweifelt», sagt Martin Steinegger, der heute als Sportchef Schläpfers Vorgesetzter ist. Das Verhältnis sei von gegenseitigem Respekt geprägt – und es sei sicher sinnvoll, meide er neben dem impulsiven Coach das Rampenlicht. «Ich denke, wir ergänzen uns gut.»

Wer glaubt, Schläpfer treibe die Spieler nonstop an, der irrt. «Würde er sich so verhalten, würde sich das schnell abnützen», sagt Tschantré und erwähnt Schläpfers feines Gespür für die Mannschaft. «Stehen wir mit dem Rücken zur Wand, kann er uns zu Höchstleistungen treiben.» Steinegger stützt diese These: «Spielen wir am Freitag schlecht, kann er unglaublich sauer sein, doch am Samstagmorgen erscheint er wieder aufgestellt im Eisstadion, das erzeugt positive Energie. Ich habe Trainer erlebt, die am Tag nach einer Niederlage kaum mit dem Team gesprochen haben.»

«Ich will mich nicht ändern»

Im Zweifelsfall höre er auf sein Bauchgefühl, pflegt Schläpfer zu sagen. «Und solange es einigermassen läuft, werde ich das auch nicht ändern.» Gerade in der jetzigen Phase würden die Emotionen 80 Prozent seiner Arbeit ausmachen, «denn das System steht, die Spieler wissen, wie es funktioniert». Und so kommt es vor, dass diese bei mangelhafter Leistung gehörig die Leviten gelesen bekommen.

Das ertragen nicht alle. Der Kanadier Mario Scalzo lief Schläpfer vor vier Jahren während eines Spiels davon, 2013 tat es ihm sein Landsmann Matt Ellison gleich. «Sobald ich Spieler habe, die nicht mit meiner Dominanz leben können, müssen wir uns trennen. Ich will und kann mich nicht ändern», sagt Schläpfer. Deshalb warnt er neue Spieler vor einer Vertragsunterschrift jeweils vor seiner impulsiven Art.

Der Erfolg gibt ihm recht – und er weckt das Interesse der Konkurrenz. So soll der SCB vor einem Jahr um seine Dienste gebuhlt haben. Etwas Neues wäre zwar reizvoll, sagt Schläpfer, im nächsten Atemzug jedoch von seiner Vision sprechend, wonach er den EHC Biel in fünf bis sechs Jahren zum Meistertitel führen will. Angesprochen auf den SCB, schweigt er zuerst lange, nimmt dann einen Schluck Tee und antwortet: «Schreib einfach, Kevin sagt nichts und lacht.» Ihn schweigend zu erleben, kommt wahrlich selten vor.

Berner Zeitung

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