«Ich wusste, es wird eng, jetzt musst du Gas geben!»

Eishockey-Nationalcoach Patrick Fischer (43) reflektiert den Weg vom Olympia-Scheitern zur WM-Silbermedaille und seine Philosophie als Coach.

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Patrick Fischer, kürzlich unternahmen Sie in South Dakota eine mehrtägige Reittour mit Ihrem Bruder. Kann man das Reiten mit dem Coaching vergleichen? Man sollte nicht an den Zügeln ziehen, muss sie aber fest in der Hand halten, dem Pferd subtil den richtigen Weg weisen.

Die Indianer sagen ja: Das Pferd ist am besten zu reiten in die Richtung, in die es will. Wenn man das auf einen Spieler herunterbricht: Jeder hat gewisse Vorlieben, und wenn ich diese kenne, bezogen auf seine Rolle auf dem Eis oder auf den Menschen, hilft mir das. Was das Reiten betrifft, bin ich ein blutiger Anfänger. Auf einer Skala von eins bis zehn bin ich vielleicht bei zwei, zweieinhalb. Aber der Vergleich hat etwas: Die besten Reiter kennen ihr Pferd in- und auswendig, wissen auch, wie es in brenzligen Situationen reagiert, und können es dann richtig einsetzen. Das ist auch wichtig, wenn man in der Rolle des Vaters, Lehrers oder Trainers ist. Je besser du deinen Sohn, Schüler oder Spieler kennst, desto zielgerichteter kannst du mit ihm umgehen. Daher ist die Kommunikation für mich so wichtig.

Wann wussten Sie, wie Sie als Coach sein wollen?

Ich hatte schon in Lugano meine Ideen, aber was die Feinheiten betrifft, war ich noch weit von dem entfernt, wie ich heute bin. Zudem war es in Lugano am Anfang schwierig für mich, weil ich noch Spieler coachte, mit denen ich zusammengespielt hatte. Ich fühlte mich noch nicht hundertprozentig wohl, und als ich meine Schiene verliess, verlor ich die Mannschaft. Das war ein Mega-Lernblätz.

Wie spürt man, dass man eine Mannschaft verloren hat?

Wenn man spürt, dass die Spieler den Glauben an dich verloren haben. Ich überforderte einige, wies ihnen etwa eine Leaderrolle zu, ­obwohl sie gar keine Leadertypen sind. Man muss wissen, wer einem gegenübersitzt. Instinktiv erwartet man, dass andere so ticken wie man selbst. Aber das ist total falsch. Man muss bei jedem herausfinden, wo er sich wohlfühlt. Es gibt Spieler, die bekommen Kopfschmerzen, wenn ich sie in die erste Reihe stelle. Sie finden es vielleicht cool, aber sie sind in dieser Rolle überfordert. Dann gibt es solche, die verstehen müssen, wieso sie was tun sollen. Nur wenn es für sie Sinn ergibt, funktionieren sie. Einem anderen kann man sagen: Tu dies und das, und er führt es aus, ohne es zu hinterfragen. So muss man verstehen lernen, mit wem man wie umgehen muss. Das ist ein fortwährender Prozess.

Und wann werden Sie laut?

Ich setzte mich, als ich Coach wurde, intensiv mit mir auseinander. Ich fragte mich: Was für eine Art Trainer will ich sein? Wie funktioniere ich am besten? Wo verliere ich den Fokus? Wann falle ich aus der Balance? Wenn ich laut werde, merke ich, dass mir das nicht guttut. Und die Spieler werden ­dadurch auch nicht besser. Ich ­glaube an Vertrauen, an Empowerment. Man kann mit Druck Erfolg haben, natürlich. Wenn ich sage: «Jetzt musst du Gas geben, sonst fliegst du aus der Mannschaft!», wirst du Gas geben. Aber ich glaube nicht, dass der Spieler auf ­diese Weise dein Potenzial ausschöpft. Längerfristig funktioniert mit Vertrauen jeder besser, dann kommt Spielfreude auf. Das war bei mir jedenfalls so. Jeder Coach hat ­seine eigene Art. So, wie er geprägt ­wurde, coacht er auch. Wenn einer geschlagen wurde und sich durchgebissen hat, glaubt er vielleicht an diese Führungsweise. Aber bei mir war dies nicht der Fall. Lassen Sie mich ein Beispiel geben.

Bitte, nur zu!

Gegen Finnland spielten wir im Startdrittel des WM-Viertelfinals überhaupt nicht das, was wir können. Früher wäre ich wohl in die Garderobe reingestürmt und wäre laut geworden. Diesmal ging ich rein und versuchte, etwas zu provozieren, aber positiv, mit Bildern. So sagte ich zu den Spielern: «Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ihr sitzt am Samstag zu Hause und schaut euch Kanada gegen Finnland am Fernsehen an. Oder ihr spielt selbst einen WM-Halbfinal. Ihr müsst es entscheiden. Wenn wir zu spielen beginnen, sind wir in meinen Augen klar stärker als die Finnen.» So begannen wir zu spielen.

Was ist das grösste Kompliment, das Ihnen ein Spieler machen kann?

Wenn ich spüre, dass ihm mein Vertrauen guttut. Es freute mich, als Niederreiter in einem Interview sagte, er fühle sich wohl im Nationalteam und komme immer gern. Das sagen einem die Spieler in der Regel nicht direkt. Und es war ein Kompliment an uns, den ganzen Staff im Nationalteam, dass Josi und Fiala nach dem Aus in Spiel 7 des NHL-Viertelfinals ins Flugzeug stiegen, obwohl wir noch nicht für den Viertelfinal qualifiziert waren. Das sind die schönen Geschichten. Oder einer wie ­Corvi, den wir letztes Jahr in der WM-Vorbereitung heimschickten und der gar nicht glücklich war. Oder Scherwey, der zweimal die WM knapp verpasste und es immer ­wieder versuchte. Das zeigt mir, dass sie gern für mich und das Land spielen. Das ist schön.

Welches Bild ist Ihnen von der WM haften geblieben?

Jenes von unserer Garderobe. Oder besser: von der Stimmung in der Garderobe. Die Garderobe selbst war ja eigentlich sehr mühsam, wir hatten kaum Platz. Aber wir hatten eine sensationell gute Stimmung. Die Jungs konnten es kaum erwarten, bis sie aufs Eis durften. Diese Einstellung gefällt mir: an sich glauben, rausgehen, Freude haben. Und klar, am Schluss blieben bei mir auch die enttäuschten Gesichter zurück nach der Niederlage im Penaltyschiessen des Finals.

Haben Sie sich überlegt, wie sich Ihr Leben verändert hätte, wenn die Schweiz Weltmeister geworden wäre?

Ich glaube nicht, dass es sich gross verändert hätte. Ich überlegte mir vielmehr, wieso wir nicht Weltmeister wurden. Ich glaube, wir machten Fehler nach dem Halb­final, gingen emotional zu hoch. Das nächste Mal werden wir den Halbfinal einfach abhaken, so wie das die Schweden wahrscheinlich taten. Sie wussten: Der grosse Tag kommt erst noch. Aber was mich freut: Dass wir nach dieser Silbermedaille etwas mehr Kredit haben als Coachingstaff.

Wie reagieren Sie auf Leute, die Sie nach dem Scheitern an Olympia in Pyeongchang am liebsten weggehabt hätten und nach Kopenhagen in den Himmel lobten?

Ich verstehe sie. Mich regt es auf, wenn man einfach grundlos kritisch ist, einfach mal alles in Grund und Boden schreibt. Aber nach Pyeongchang konnte ich die Kritik nachvollziehen. Ich habe vollstes Verständnis, dass die Leute enttäuscht waren. Denn wir haben versagt. Ich finde es auch schön, wenn sich Leute entschuldigen können und mir ehrlich sagen: «Schau, Fischi, nach Olympia habe ich überhaupt nicht mehr an dich geglaubt.»

Überlegten Sie sich nach Pyeongchang, den Bettel hinzuschmeissen?

Nein. Ich glaube generell nicht daran, aufzugeben. Ich wusste: Jetzt wird es eng, Fischi, jetzt musst du Gas geben! Ich ging nach Tampa, wo ich das Powerplay der Lightning studierte. Das war eine mega wichtige Zeit, ich lernte sehr viel von Todd Richards, Tampas Power­playcoach. In diesem Bereich hatte ich im Nationalteam ja nie recht die Verantwortung übernommen. Also sagte ich mir: Okay, wenn sie mir schon den Kopf abschneiden, will ich wenigstens auch schuld ­daran sein. Ich war sehr enttäuscht von Olympia, aber mich motivieren solche Herausforderungen. Ich habe den Tomahawk ausgegraben.

Wissen Sie nun, was in Pyeongchang falsch lief? War der Druck zu gross gewesen?

Nein, nein. Wir hatten die Vor­bereitung falsch aufgebaut. Wir hatten nur wenig Zeit und haben von den Spielern zu viel verlangt, «Chrut und Chabis» reingedrückt. Zu viele Videos, zu viel Team­building, zu viel geredet. Bei uns sind die Trainings in der Vorbereitung eigentlich immer sehr intensiv. Kurz, aber hart. Diesmal machten wir etwas anderes, wir dachten, wir lassen die Spieler sich erst einmal erholen und fordern dafür den Kopf. Das ging schief. Als es losging, studierten wir viel zu viel, waren immer einen Schritt zu spät. Nach drei Tagen fuhren wir beim Videostudium zurück, gegen Deutschland wurde es etwas ­besser. Aber wir waren immer noch weit weg von unserem Hockey.Wir haben die falschen Knöpfe ­gedrückt.

Lag die lange Angewöhnungszeit auch am tieferen Niveau in unserer Liga?

Überhaupt nicht. Schade finde ich nur, dass wir so wenig Zeit hatten. Die Mehrheit der Spieler an Olympia spielte in der KHL, und die ­hörte am 26. Januar auf mit dem Ligabetrieb, zehn Tage vor uns. Das ist auf diesem Niveau ein Unterschied. Unsere Spieler ­waren nudelfertig, als sie zu uns stiessen. Dann kam noch die Reise dazu. Ich hoffe, dass die, die 2022 gehen werden, mehr Zeit haben.

Wie gehen Sie mit den extremen Schwankungen um, denen Sie als Nationaltrainer ausgesetzt sind?

So ist der Sport. Du bekommst im Leben immer das, was du verdienst. Wenn wir an der WM nicht auf Touren gekommen wären, wäre ich wahrscheinlich entlassen worden. Dann hätte es seinen Grund gehabt: Ich wäre nicht gut genug gewesen. Wir waren angezählt, aber in solchen Situationen zeigt sich, wie sehr man es wirklich will. Wäre ich gescheitert, wäre es vielleicht nicht der richtige Job für mich gewesen. Ich bin glücklich, hatten wir eine gute WM, ist unsere Strategie aufgegangen. Aber mir geht es um die Entwicklung unseres Hockeys. Die beginnt mit der Scheibe. Da sind wir mittendrin, und mich freut, zu sehen, wie wir spielen. Wir versuchen, Hockey zu spielen, Chancen zu kreieren. Und das nicht nur gegen Italien, sondern auch gegen Russland und Tschechien. Als ich noch spielte, waren wir ­dafür noch nicht gut genug. Aber die jetzige Generation kann das, und es ist wichtig, dass wir unsere offensiven Waffen entwickeln. ­Jemanden auszudribbeln ist viel schwieriger, als ihm den Puck ­wegzuschlagen. Ich bin froh, kann ich diese Arbeit fortsetzen.

Würde es Ihnen Spass machen, ein Team defensiv spielen zu lassen?

Nein. Ich finde es extrem mühsam, wenn man das eigene Team immer in der eigenen Zone anschauen muss. Erstens bekommt man die Genickstarre, und zweitens ist es auch für die Spieler nicht lustig. Mir kann keiner erzählen, die Spieler finden es cool, wenn sie immer den Puck rausschiessen müssen und hinten reinstehen. Ob ich Tischtennis spiele, Tennis, Badminton oder Eishockey, ich greife immer an. Das ist mein Naturell, und es würde mir nicht gefallen, eine Mannschaft zu haben, mit der ich höchst defensiv spielen muss. Es wäre eine Challenge, aber ob ich Spass hätte? Eher nicht.

Im Februar das Scheitern an Olympia, im Mai die WM-Silbermedaille. Woraus lernt man mehr: aus Niederlagen oder aus Siegen?

Ich bin überzeugt, dass man viel mehr lernt aus schwierigen Situationen. Ganz einfach, weil man dazu gezwungen wird, genauer hinzuschauen. Wenn dem Jaguar die Antilope auf der Jagd entwischt, ist er das nächste Mal noch besser bereit und fängt sie. Es gibt Ausnahmeerscheinungen, die auch dann genau alles analysieren, wenn sie gewonnen haben. Das grosse Vorbild ist für mich da Roger ­Federer. Denn oft wird man vom Erfolg geblendet. Man denkt, es gehe automatisch so weiter. ­Tendenziell braucht der Mensch leider meist mühsame Erlebnisse oder Schicksalsschläge, damit er sich bewegt oder verändert.

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