In den Fussstapfen der ganz Grossen

Philipp Kuraschew war an der U-20-WM bester Torschütze – und der Schweizer mit dem speziellsten Weg.

In seinem Element: Philipp Kuraschew im Duell mit Kanadas Ty Smith. Foto: Darryl Dyck (AP/Keystone)

In seinem Element: Philipp Kuraschew im Duell mit Kanadas Ty Smith. Foto: Darryl Dyck (AP/Keystone)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Patrik Laine, Auston Matthews, John Tavares, Patrick Kane, Alex Owetschkin. Heute Superstars, ­früher U-20-WM-Torschützen­könige, also Vorgänger Philipp Kuraschews, dem vor zwei ­Wochen in Vancouver sechs Treffer gelangen. Wenn er das so hört, gerät der 19-Jährige ins Schmunzeln, cool sei das, sagt er, bittet aber, die Kollegen nicht zu vergessen – er habe jeweils bloss noch den Puck ins Tor schieben müssen.

Selbst wenn das so einfach wäre: Kuraschew hat Besonderes vollbracht. Einen Schweizer Torschützenkönig einer U-20-WM, das gab es zuvor nur 2003, als Patrik Bärtschi sich die Krone mit drei anderen, auch Owetschkin, teilte. Wer ist aber dieser Philipp Kuraschew? Er, der in der Schweiz noch keine Minute bei den Profis gespielt hat, seit 2016 seine Tore für die Québec Remparts in der kanadischen Juniorenliga QMJHL schiesst.

Philipp Kuraschew sagt: «Eishockey ist mein Leben – seit ich klein bin.» Foto: zvg

Kuraschew ist ein wenig Bündner, da in Davos geboren. Aber auch Berner, da Bürger Münsingens, wo er vor fünf Jahren eingebürgert wurde – Münsingen ist fälschlicherweise in allen Eishockey-Datenbanken als Geburtsort vermerkt, doch dazu später.

Denn Kuraschew ist auch russischer Staatsbürger: Sein Moskauer ­Vater Konstantin, ein früherer Spieler Dynamos, kam 1998 mit Ehefrau Jelena in die Schweiz, er hatte ein Angebot aus Davos, Arno Del Curtos Assistent zu werden.

«So fing alles an», erzählt Konstantin Kuraschew, der nach Stationen in Bern, Langnau und Rapperswil-Jona nun den Mysports-League-Club Chur trainiert. Als Philipp im Oktober 1999 geboren wurde, sollte der Vater bald Wegweisendes feststellen: «Es gab für ihn nur Eishockey.» Nie habe er Philipp zu seinem Sport gedrängt, versichert der Vater. Es habe eigens auch andere Geschenke gegeben, «aber nichts freute ihn so sehr wie Eishockey-Dinge».

«Er ist nirgends klar besser»

Philipp bestätigt es, da wird der etwas scheue Sohn schwärmerisch: «Eishockey ist mein Leben – seit ich klein bin. Ich wollte nie etwas anderes machen. Ich bin bis heute immer glücklich, wenn ich aufs Eis darf.» Man solle die Schüchternheit nicht falsch interpretieren, mit Desinteresse zum Beispiel, bittet Kuraschew. Sobald er die Leute besser kenne, ja dann, sagt er und lacht über die Wortwahl, «dann bin ich ganz normal».

Das bemerkte auch U-20-Nationaltrainer Christian Wohlwend: «Vor einem Jahr brachtest du fast kein Wort aus ihm – ­diesmal erzählte er viel, lachte oft. Philipp ist extrem gereift.» Hochanständig sei er, der «Kura, so richtig russisch erzogen», sagt Wohlwend.

Diese Öffnung seines Sohnes, der Wandel, all das liege auch am Wechsel nach Québec, ist Konstantin Kuraschew überzeugt: «Kanada hat ihm den Horizont geöffnet.» Wichtig sei, da spricht nicht mehr bloss der Vater, sondern auch der Coach, dass «jeder Athlet sich ein so breites Wissen wie möglich über seinen Sport aneignet». Philipp mag es, dass sein Vater auch Trainer und früherer Profi ist: «Das hat mir so sehr geholfen.»

Konstantin Kuraschew ist auch streng – oder ehrlich –, wenn er sagt: «Okay, er schiesst nicht schlecht. Aber er ist nirgends klar besser als viele andere. Was es bei Philipp wirklich ausmacht, was auch mir so gefällt bei ihm, ist dieses Leben fürs Eishockey.»

Zuerst der Vater, dann Owetschkin

Vater und Onkel waren die ersten Idole, danach wurden es Owetschkin und Pawel Dazjuk, russische Superstars, denen er heute noch nacheifert, so unterschiedliche Spielertypen sie auch sein mögen. Natürlich träumte Philipp als kleiner Bub auch von der Sbornaja, verrät der Vater. Es kam kein Aufgebot, und als die Schweiz anfragte, war der Fall klar. Heute sagt Philipp, in breitem Berner Dialekt: «Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, habe hier gespielt. Ich bin stolz, nun schon zwei U-20-Weltmeisterschaften absolviert zu haben.»

Die Duelle mit Russland, sie sind das Grösste für den jungen Kuraschew. Er freute sich, dass nach dem Testspiel vor der WM in Vancouver auch noch zwei Duelle am Turnier folgten, zuerst in der Gruppenhase (4:7) und dann im Bronze-Spiel (2:5). «Das sind meine speziellsten Spiele», sagt er, «da schaut immer die ganze Familie zu und drückt mir die Daumen. Also ich hoffe es zumindest …»

Vater lernt vom Sohn

Um Schweizer Nationalspieler zu werden, erhielt Philipp Kuraschew die volle Unterstützung der Eltern. Die Einbürgerung wurde erst zum Thema als 14-jähriger Junior des SC Bern. Die Aussicht auf eine bessere Förderung überzeugte die Kuraschews. Um ihrem Sohn die Einbürgerung zu erleichtern, habe es gleich die ganze Familie getan, die Schwester sowieso, aber auch Vater und Mutter, sagt Konstantin Kuraschew.

«Das war eigentlich nicht geplant. Wir waren ja nicht für Asyl ­in die Schweiz gekommen.» Man müsse es so formulieren, sagt er lachend: «Dank Philipp wurden wir alle Schweizer.» Die Eltern helfen ihrem Sohn weiterhin. Auch darum ist Mutter Jelena mit nach Québec, wo sie gemeinsam mit Philipp wohnt.

Mittlerweile versucht der Vater vom Sohn zu lernen. Oft frage er nach den Methoden seines neuen Coachs in Québec. Der ist kein Geringerer als Patrick Roy, einst einer der besten Torhüter der Welt, als Trainer auch schon als NHL-Coach des Jahres geehrt – und bekannt als impulsiver Zeitgenosse. «Doch Philipp erzählt mir nur wenig», sagt der Vater achselzuckend. Auch im Interview zieht der Sohn den ­Joker, selbst wenn ihn die Frage laut lachen lässt, wer intensiver sei: Roy oder Wohlwend.

Natürlich sei Roy auch intensiv, sagt Philipp Kuraschew: «Er ist eine Legende. Und jeder mag seine Meinung über ihn haben, doch für uns ist er neben dem Eis eben auch ein sehr netter Mensch, der viel mit uns spricht und immer helfen will.»

Viele Möglichkeiten

Dass es für Kuraschew nächste Saison ein weiteres Jahr in Québec mit Roy geben wird, ist möglich, aber unwahrscheinlich. Er wurde 2018 in der NHL von Chicago gedraftet – der Traditionsclub dürfte dem Topskorer Québecs im Sommer einen Vertrag offerieren. Ob dann Kuraschew zurück zu den Junioren, ins AHL-Farmteam nach Rockford oder in die Schweiz als Leihspieler geht, ist offen. Theoretisch möglich ist auch bereits der direkte Sprung ins NHL-Team der Chicago Blackhawks.

Im Moment geniesst Philipp Kuraschew aber noch das Leben in der weltweit verrücktesten Hockeystadt, was den Junioren-Sport angeht: Die Remparts lockten schon 13'000 Zuschauer im Schnitt an – diese Saison sind es immerhin 9000. Er wolle nicht zu weit vorwärtsblicken, sagt er. Der Vater hat indes eine Vorahnung: «Ich glaube, Philipp wird bald mit Erwachsenen spielen wollen.»

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