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Plötzlich ausgemustert

Sie träumten von der NHL, sie zogen nach Übersee – doch dann erlebten drei der besten Schweizer Nachwuchsspieler eine böse Überraschung.

Nach nur fünf Wochen zurück an alter Wirkungsstätte: Stürmer Dean ­Schwenninger in der Zuger Bossard-Arena. Foto: Christoph Kaminski
Nach nur fünf Wochen zurück an alter Wirkungsstätte: Stürmer Dean ­Schwenninger in der Zuger Bossard-Arena. Foto: Christoph Kaminski

Der Traum, den jeder Schweizer Junior träumt, geht so: Es ist NHL-Draft, er sitzt auf der Tribüne – und plötzlich hört er seinen Namen. Wovon hingegen keiner träumt: Er wird in ein Büro gerufen und der Manager sagt, er könne nach Hause gehen, der Vertrag werde aufgelöst. Doch genau das ist drei der besten Schweizer Nachwuchsspieler passiert. Ihre kanadischen Clubs haben sie kurz nach Saisonstart ausrangiert.

Dean Schwenninger wirkt nicht wie einer, dem gerade der Lebenstraum geplatzt ist. Auf 1,73 Meter verteilen sich 67 Kilo, doch das jungenhafte Äussere täuscht. Die Stimme fest, die Sätze kaum von ­Zögern unterbrochen: Es gibt nicht viele, die mit 17 so selbstverständlich über Erlebnisse und Ziele sprechen. Die kurz nach einem Tiefschlag sagen: «Das Ende kam völlig überraschend. Aber die paar Wochen haben mir extrem gefallen.»

178 statt 5500 Zuschauer

Der Teenager steht im Kabinengang der Zuger Bossard-Arena. Hier wird er die Saison verbringen, aller Voraussicht nach bei den Elitejunioren. Statt vor 5500 Zuschauern in Portland stürmte er diese Woche vor 178 gegen die GCK Lions. Der Plan sah anders aus, als er Ende August an die amerikanische Westküste flog. Dort wollte er via kanadische CHL seinen Traum von der NHL wahr machen. Wie so mancher Schweizer vor ihm, allen voran Nico Hischier.

Schwenninger ist zwei Jahre jünger als Hischier, auch er gilt als bester Schweizer Center seines Jahrgangs. Doch sein Weg führte statt ins Scheinwerferlicht des Drafts ins Büro des Managers. Ebenso jener von Gilian Kohler, dem besten Schweizer Skorer an der letzten ­U-18-WM. Und auch Akira Schmid, von New Jersey bereits ­gedraftet, blieb ­dieser Gang nicht erspart. In Lethbridge interessierte es keinen, dass ein Schweizer Onlineportal den ­Emmentaler für «talentierter als Martin Gerber, Jonas Hiller oder Leonardo Genoni» hielt.

Schwenninger wohnt inzwischen beim Vater, bis sich seine Wohnsituation klärt. Kohler kehrte zurück zu seinen Eltern nach Sonceboz im Jura. Einzig Schmid ist noch in Übersee und hofft, dass sein Agent einen Platz für ihn findet. «Extrem überrascht» war nicht nur Kohler von alledem. So hatten sie sich das nicht vorgestellt. Als Schwenninger im Alter von drei erstmals auf Schlittschuhen stand, fragte seine Mutter, ob er überhaupt Spass habe – er schaue so ernst. «Doch, doch», habe er geantwortet, so erzählt es die Mutter später oft. «Ich war einfach so konzentriert», lacht Schwenninger.

Mit zwölf kam er im Schweizer Fernsehen. Als Kleinster seines Moskito-Teams sollte er über seine Träume Auskunft geben. «Ich würde gerne mit 17 in ein Juniorenteam nach Kanada gehen», gab er zu Protokoll. «Ist das nicht ein bisschen früh?», hakte die Reporterin nach. «Nein, ich glaube, es wäre fast die einfachere Variante», antwortete der Knirps, «mit 20, 25 wird es ein bisschen schwieriger.»

Nur zwei Ausländer sind erlaubt

Dass es nun mit 17 nicht gelang, liegt am Regelwerk der kanadischen Juniorenliga. Maximal zwei Ausländer darf ein CHL-­Team unter Vertrag haben – ähnlich wie in der Schweizer National League, wo es maximal acht Ausländer sein dürfen. Und ebenso wie hier gelten für die Ausländer andere Massstäbe. Sie müssen Leistungsträger sein oder es spätestens in Saison zwei werden.

Denn die CHL ist weniger eine Ausbildungsliga als ein Business: Mehr als ein paar Hundert Dollar pro Monat erhält kein Spieler, doch bei mindestens 34 Heimspielen und ­über 5000 Zuschauern lässt sich viel Geld verdienen. Darum beträgt das Verhältnis von Matches zu ­Trainings 3:1 – genau umgekehrt wie bei den Junioren hierzulande.

Für manche Schweizer ist genau diese Wettkampfhärte der Reiz: sich angewöhnen, den Puck weniger lang zu halten, häufiger zu schiessen. «Das ist das Erste, was sie mir gesagt haben», erinnert sich auch Schwenninger.

Für die Clubs zählt etwas anderes: der Erfolg. Den Portland Winterhawks war natürlich bewusst, dass sie mit dem filigranen Schwenninger einen holten, der nicht ­sofort die gleiche Wirkung haben konnte wie ein Zwanzigjähriger. Doch war das in ihrem Sinn. Sie hatten zwei starke Ausländer an die NHL verloren und planten ein Zwischenjahr. Dann änderten die San Jose Sharks alles.

Däne sticht Schwenniger aus

Joachim Blichfeld mag in der Schweiz kein Begriff sein. Doch in Portland ist er ein Star. Von San Jose gedraftet, fand der Däne überraschend weder in der NHL noch in der AHL Platz – und wurde im September zurück zu den ­Junioren geschickt. Auf einmal hatten die Winterhawks einen Ausländer zu viel – und entschieden gegen Schwenninger, für schnellen Erfolg. Die Resultate geben ihnen recht: Sie belegen Rang 5, Blichfeld ist mit 22 Punkten aus 8 Spielen Liga-Topskorer. Vertrauen aber schuf der Strategiewechsel kaum.

Die Geschichte bei Kohler geht ähnlich: Statt für den Schweizer Stürmer entschied sich Kootenay für einen finnischen und einen slowakischen Verteidiger. Bei Schmid waren es ein weissrussischer und ein ukrainischer. Zudem hatte Lethbridge schon eine Nummer eins, und Schmids einziger Einsatz war ein Fiasko: nach 47 Sekunden ein Gegentor, sechs weitere folgten, drei Tage später die Vertragsauflösung.

«Das Business ist knallhart», weiss André Rufener, Schwenningers Agent, «ich bin sehr enttäuscht.» Niemand brachte mehr Schweizer via CHL in die NHL als der Zürcher, «doch so etwas wie dieses Jahr hat es noch nie gegeben: dass drei so gute Junioren», Rufener zögert, «aussortiert wurden – man muss es so sagen.» Die monatelangen Vorbereitungen, die Gespräche, die Abmachungen: ­alles umsonst. Auch Schwenningers Gastfamilie in Portland – sie beherbergte einst schon Sven Bärtschi – hat es in 25 Jahren nie erlebt, dass ihr neues Mitglied nach ein paar Wochen wieder wegmusste.

Dabei sind solche Aussortierungen über die ganze Liga gesehen eher selten. «Dass es jetzt aus­gerechnet drei Schweizer trifft, ist ­Zufall», glaubt der Manager eines unbeteiligten CHL-Teams. Auch die Agenten wollen keinen Trend erkennen – es wäre aber auch nicht im Sinne ihres Geschäftsmodells.

Bei Stammclubs nicht gesetzt

Für die Schweizer Stammclubs stellt sich derweil die Frage, wie sie mit den unerwarteten Rück­kehrern umgehen. Kohler will seine Karriere nun in Biel vorantreiben, doch der Sportchef bremst. «Er muss sich zuerst über die Junioren empfehlen», so Martin Steinegger, «wenn Spieler sich im Sommer zum Bleiben entscheiden, muss man auch fair sein und ihnen nicht einfach einen vor die Nase setzen.»

Und während bei Schmid eine Rückkehr nach Langnau unwahrscheinlich erscheint, die offen geäusserten Ansprüche aus seinem Umfeld wenig Begeisterung auslösten, betont Sportchef Marco Bayer: «Akira ist einer von uns.»

Dass sein Torhüter im Hinblick auf die U-20-WM Spielpraxis hat, ist auch im Sinn von Raeto Raffainer. Der Nationalteam-Direktor sieht Kanada ohnehin nicht als ­Königsweg zur Karriere. Hingegen könne die Ausmusterung fürs Trio auch eine Chance sein. «Spielen können alle drei drüben, davon bin ich überzeugt», so Raffainer, «aber manchmal tut es auch gut, einmal aufs Dach zu bekommen. Es kommt darauf an, was man aus dieser ­Message macht. Nun sollen sie zurückkommen und Gas geben.»

Heute zum Beispiel, wenn in Zug die Elite-Junioren des HC ­Lugano gastieren. Schwenningers Enthusiasmus ist ungebrochen. «Ich bin überhaupt nicht enttäuscht, ich habe viel gelernt», sagt er über die letzten Wochen. Und doch: «Mein Traum Nordamerika wird immer bleiben.»

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