Und plötzlich ganz zuoberst

Als Sven Andrighetto 2017 nach Colorado kam, war die Avalanche das schlechteste NHL-Team. Seither ist der Zürcher in Denver mitten in einem bemerkenswerten Aufschwung.

Sven Andrighetto und der blaue Bär, der ins Colorado Convention Center äugt – ein Wahrzeichen der Stadt Denver. (Bild: Kristian Kapp)

Sven Andrighetto und der blaue Bär, der ins Colorado Convention Center äugt – ein Wahrzeichen der Stadt Denver. (Bild: Kristian Kapp)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

1609 Meter, also exakt eine Meile. So hoch über dem Meer liegt Denver. Dieses Kuriosum wird in der Stadt nicht selten gerne werbewirksam ausgeschlachtet. So heisst das grosse Football-Stadion der berühmten Broncos eben genau so: «Mile High».

Eine Fahrt mit Sven Andrighetto vom Trainingscenter der Avalanche in Centennial Richtung Denver Downtown.

Auch Sven Andrighetto sass da schon drin, als einer von 76'000 Zuschauern, und war fasziniert. Die NFL verfolgt der 25-jährige Zürcher genauso wie seine Teamkollegen im Eishockeyteam der Stadt, der Colorado Avalanche. Auch, weil sie begeisterte Zocker von Fantasy-Football sind – das gehört in den USA quasi dazu.

Andrighettos Mannschaft spielt unweit im – und das ist jetzt Zufall – exakt eine Meile entfernten Pepsi Center, es ist das mit Abstand höchstgelegene Stadion der Liga. Die Höhenluft kann ein Heimvorteil sein, das weiss auch Andrighetto, der bis vor anderthalb Jahren in Montreal spielte, mit 30 Metern über Meer eine der am tiefsten gelegenen NHL-Städte: «Wenn du nach Denver kamst, hattest du im Spiel nach 30 Sekunden Mühe mit dem Atmen …»

Die Lawine rollt

Das «Pepsi» ist, was die Kapazität angeht, zwar viermal kleiner als das «Mile High». Die Begeisterung der Eishockeyfans in Denver ist aber gross, die Avalanche mischen in der NHL vorne mit, nicht nur in der Mannschaft ist die Freude über den Turnaround zu spüren.

Denn die Colorado Avalanche ist ein Team, das in der Saison 2016/17 das Playoff noch um sagenhafte 46 Punkte verpasste, die Lachnummer der Liga war. Andrighetto erlebte nach seinem Transfer im März 2017 das Ende der sportlichen Depression noch mit, machte aber das Beste aus seiner Situation: Mit 16 Skorerpunkten in den verbleibenden 19 Spielen drängte er sich für eine Vertragsverlängerung auf.

Eine Ein-Linien-Show

«Wir sind seither jünger und schneller geworden», nennt Andrighetto einen Grund für die Wiederbelebung eines Clubs, der um die Millenium-Wende noch zu den Grossen der NHL gehörte, mit Grössen des Eishockeysports wie Peter Forsberg, Patrick Roy und Joe Sakic zweimal den Stanley Cup gewann.

Und, was auch hilft: Colorado hat Nathan McKinnon/Gabriel Landeskog/Mikko Rantanen, ein kanadisch-schwedisch-finnisches Trio, das Andrighetto schlicht als «die beste Linie der NHL» bezeichnet. Die Zahlen geben ihm recht: 24 der 41 Avalanche-Tore haben sie erzielt, 55 der 110 Skorerpunkte von Colorado-Spielern gehen auf ihr Konto – in der Offensive ist das Team eine Ein-Linien-Show.

Gefragt wären die Skorer aus der zweiten Garde, da ist unter anderen Andrighetto angesprochen, denn auch er weiss: «So wird das nicht eine ganze Saison lang gehen können.»

«Nicht schon wieder»

Der Schweizer Flügelstürmer hat bislang erst einen Treffer erzielt, doch ist er auch erst seit gut einer Woche wieder dabei. Im allerersten Testspiel hatte er sich eine Verletzung zugezogen – und der erste Gedanke, wer kann es ihm verübeln, war: «Nicht schon wieder.»

Das erste Saisontor Sven Andrighettos – auf spezielle Art und Weise erzielt …

Denn auch wenn Andrighetto seinen Aufwärtstrend nach dem Wechsel aus Montreal zunächst weiter bestätigen konnte, prägten Blessuren seine vergangene Saison.

Nach Silvester fiel er mit einer Beinverletzung über drei Monate aus. «Mental sehr hart» bezeichnet er diese Zeit. «Vor allem, wenn das Team auf einem Road Trip ist und du alleine zu Hause bleibst und täglich in der Reha bist.»

Und weil Andrighetto zuvor noch nie so lange ausgefallen war, wurden die Monate auch lehrreich: «Ich musste erstmals den Fokus auf andere Dinge richten: mich auf eine Verletzung konzentrieren, alles machen, damit es besser wird.»

Die doppelte Rettung

Immerhin: Andrighetto rettete seine Saison – doppelt. Er war im Playoff wieder dabei, schoss das Siegestor in Spiel 5 in Nashville, das die Saison der Avalanche um eine Partie verlängerte.

Sven Andrighetto schiesst das Siegestor in Nashville, der Reporter dreht kurz durch.

Zwei Tage später war dennoch Schluss, doch für Andrighetto begann mit der WM-Teilnahme in Kopenhagen das eigentliche Highlight. Silber mit der Schweiz, auf dem Weg dahin ein 3:2 gegen Kanada im Halbfinal mit zwei Skorerpunkten des Zürchers. «Das ordne ich ganz hoch ein, ich hatte noch nie eine Silbermedaille gewonnen …»

Er spricht von einer Schweizer Nationalmannschaft, die dieses Erlebnis ein Leben lang in Erinnerung behalten wird: «Diese Gruppe, uns wird immer etwas Spezielles verbinden.»

Das «Vertragsjahr»

Er denke immer noch gerne an diese Wochen in Dänemark zurück, sagt Andrighetto. Doch die Gegenwart lautet Colorado und NHL-Eishockey. Und die Saison bringt eine persönliche Besonderheit für den Schweizer. Sein im Sommer 2017 unterschriebener 2-Jahres-Deal wird im Juni auslaufen, er spielt also auch um den neuen Vertrag.

«Ich kann es für mich auf die Seite schieben, aber es bleibt ein Fakt», sagt Andrighetto. «Wenn ich mich Tag für Tag auf die kleinen Dinge fokussiere, werde ich automatisch besser spielen. Und darauf wird es Ende Saison dann auch ankommen.»

Sven Andrighetto klatscht ab mit Colorado-Fans nach dem Warm-up in Philadelphia. (Bild: Bruce Bennett/Getty Images)

Andrighetto hat die Situation eines «Vertragsjahres» bereits erlebt, damals, mit Montreal. Mit jener Situation lasse sich die aktuelle aber nicht vergleichen, betont er. «Ich bin nun erfahrener und reifer. Und ein besserer Eishockeyspieler», sagt er bestimmt.

Damals, mit Montreal, musste er oft unten durch, pendelte zwischen NHL und AHL-Farmteam hin und her. Stand da sogar seine Karriere in der weltbesten Liga auf dem Spiel? Andrighetto verneint klar: «Für mich kam nie infrage, in die Schweiz zurückzukommen. Ich will mich durchbeissen hier, das war immer mein grosses Ziel.»

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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