Vom Abstellgleis auf den Leaderthron

Yannick Rathgeb ist der Königstransfer des EHC Biel. Dabei hat der 23-Jährige eine Krise hinter sich.

Yannick Rathgeb hat den NHL-Traum noch nicht ausgeträumt. Doch er sagt: «Ich musste einen Schritt zurückmachen.»

Yannick Rathgeb hat den NHL-Traum noch nicht ausgeträumt. Doch er sagt: «Ich musste einen Schritt zurückmachen.»

(Bild: Adrian Moser)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Es gibt da diese Tafel, die in jeder Eishockey-Garderobe steht. Die Coaches notieren darauf etwa die Linien oder taktische Anweisungen. Dieses weisse Ding nimmt entsprechend eine zentrale Rolle ein. Wenn Yannick Rathgeb in die Garderobe des EHC Biel schreitet, dann sieht er die 27 auf der Tafel, seine Nummer. Er weiss: Ich werde spielen.

Weil er der wichtigste Transfer ist, den Sportchef Martin Steinegger im Frühling tätigte. Das Bieler Powerplay war ­letzte Saison mässig gewesen, es fehlte ein Verteidiger und Rechtsschütze mit starkem Schuss, der die Führung übernimmt. Das alles kann Rathgeb. Zuletzt war er am Samstag gegen die SCL Tigers von der blauen ­Linie aus erfolgreich. Zweimal hat er in der Meisterschaft bereits getroffen, einmal in der Champions Hockey League. Rathgeb sagt: «Biel passt für mich perfekt.»

Im letzten Jahr hat er auf der Gefühlsskala so ziemlich alle Höhen und Tiefen erlebt. Hinter dem Langenthaler liegt die schwierigste Phase seiner Karriere. Sie beginnt im Frühling 2018 mit der Erfüllung eines Traums, als er mit den New York Islanders einen Zweiweg-Vertrag über zwei Jahre unterzeichnet. Und sie endet im Frühling 2019 mit der vorzeitigen Auflösung dieses Kontrakts.

Der Coach setzt nicht auf ihn

Die eingangs Text erwähnte ­Tafel steht natürlich auch in der ­Garderobe der Bridgeport Sound Tigers. Zu jener AHL-Equipe wird Rathgeb abgeschoben, als er bei den Islanders dem ersten Kaderschnitt zum Opfer fällt. Doch ­immer seltener steht auf der ­Tafel sein Name, nur in 32 von 74 Spielen kommt er zum Einsatz. Am Tag nach einer Partie habe ihn Coach Brent Thompson einmal angerufen und gesagt: «Das war dein bestes Spiel, aber morgen wirst du trotzdem nicht spielen.»

Ein anderes Mal, als viele Stürmer verletzt fehlen, beordert er ihn in den Angriff. «Er sagte mir, dass er mit dem Team arbeiten möchte und keinen neuen Spieler holen will. Für mich war das in Ordnung, so konnte ich zeigen, dass ich mich anpassen kann», sagt Rathgeb.

Doch als zwei Wochen später nur noch sechs Verteidiger im Line-up stehen, engagieren die Sound Tigers einen Spieler aus der unterklassigen ECHL, derweil Rathgeb auf die Tribüne muss. «Vielleicht ist das «the american way», aber für mich war das schwierig zu verstehen», sagt er. Zumal Coach und General ­Manager der Sound Tigers ihm immer das Gleiche bescheiden: «Du bist noch jung und musst ­geduldig bleiben.»

Nicht gebraucht zu werden, und vor allem nicht zu wissen, weshalb man nicht gebraucht wird – das setzt Rathgeb zu. Weil das für ihn neu ist, es in der Schweiz stets aufwärts ging. Mit 19 debütierte er für Gottéron in der National League und wurde sofort Stammspieler. Im allerersten Einsatz holte er den Davoser ­Andres Ambühl mit einem Zweihänder von den Beinen. «Es gab keine Strafe, er motzte, ich hielt ihm eine Schwalbe vor», erzählt Rathgeb lachend.

«Ä grossi Schnurre» habe er gehabt, «ich wollte mir dadurch einen Namen machen.» Seine offensiven Qualitäten fielen sofort auf, doch war Rathgeb eben auch ein Hasardeur, der die defensiven Pflichten zuweilen vernachlässigte. Er habe viele Fehler gemacht, trotzdem habe ihm Gottéron eine Chance gegeben, «dafür bin ich dem Club sehr dankbar».

Irgendwann schaut Rathgeb in Bridgeport nur noch auf sich. Er arbeitet viel im Kraftraum und mit dem Skill-Coach zusammen, um sich zu verbessern. «Das hat mich mental gerettet.» Selbiges gilt für seine Freundin, die ihm in den USA zur Seite steht.

Als ihn die Islanders nach einigem Hin und Her auf die Waiver-Liste ­setzen, die es anderen Teams ermöglicht, ihn zu transferieren, gibt es zwar einen Interessenten, doch kommt der Wechsel nicht zustande. «Wenn du schon entschieden hast, zurückzugehen, ist es schwierig, zu bleiben», sagt er. «Probiere ich es nochmals, will ich 100-prozentig dahinterstehen können, sonst kannst du es sein lassen. Das war nach dieser Saison nicht mehr der Fall.»

Die Hilfe von Brunner

Biel signalisierte früh Interesse, Sportchef Steinegger schaute sich sogar eine Partie von Rathgeb in der AHL an. Weil ihm auch Lugano Avancen macht, er sich mental aber nicht bereit fühlt, eine solch schwierige Entscheidung zu fällen, ruft er Damien Brunner an. Dieser kennt beide Clubs. «Vor allem aber wusste ich, dass er mir die Wahrheit sagt. Dadurch konnte ich mir ein gutes Bild machen», sagt Rathgeb.

Als er zurückkam, habe er sich zuerst wie ein Versager gefühlt. «Aber im Nachhinein war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte», sagt er. «Ich habe die ganze Saison durchgebissen, das war mir wichtig. Aber ich musste einen Schritt zurückmachen, um vorwärtszukommen.»

In Biel hat Rathgeb einen Dreijahresvertrag unterschrieben, mit einer Ausstiegsklausel für die letzte Saison. «Der Traum NHL ist noch nicht ausgeträumt», sagt er. Beim EHCB will er die Karriere neu lancieren, sich für die Nationalmannschaft aufdrängen. Er verteidigt nun an der Seite von Routinier Beat Forster, legt den Fokus auf die Defensive.

Sportchef Steinegger sagt, Rathgeb habe grosse Fortschritte gemacht, was das defensive Verhalten und das Schlittschuhlaufen anbelange. Wenn er heute in die Garderobe schreitet, um sich auf das Spiel gegen Davos vorzubereiten, braucht er den Blick auf die Tafel nicht zu scheuen.

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