Bekele verpasst Weltrekord um zwei Sekunden

Der Äthiopier verzichtet wie viele andere auf den WM-Marathon – und überrascht in Berlin mit einem grossen Rennen.

Ein sehr grosses Bier nach einem sehr kleinen Rückstand auf den Weltrekord: Kenenisa Bekele nach dem Sieg am Berlin Marathon.

Ein sehr grosses Bier nach einem sehr kleinen Rückstand auf den Weltrekord: Kenenisa Bekele nach dem Sieg am Berlin Marathon.

(Bild: Keystone Michael Sohn)

Emil Bischofberger@bischofberger

Es ist nicht der Normalfall, dass sich der Sieger entschuldigt. Erst recht nicht, wenn ihm soeben eine der grössten Leistungen der Geschichte seines Sports gelungen ist. Und doch fühlt sich Kenenisa Bekele kurz nach seiner Ankunft im Ziel hinter dem Brandenburger Tor genötigt, um Verzeihung zu bitten. «Es tut mir leid, es tut mir leid», sagt er, ans Publikum gerichtet. Zwei Sekunden fehlten ihm zur letztjährigen Marke von Eliud Kipchoge, die 2:01:39 Stunden sind bis heute Weltrekord.

Wie wenig sind zwei Sekunden im Marathon? Der Vergleich Kipchoge - Bekele endet nach 42,195 Kilometern mit 7299:7301 Sekunden.

Und doch entschuldigt sich Bekele beim rekordverwöhnten Publikum, dabei müsste es doch umgekehrt sein, dieses ihn trösten, nach diesem knappestmöglich verpassten Coup.

Zwei von drei Mal aufgegeben

Ein Triumph ist sein Lauf aber auch so. Es ist eine Parforceleistung, mit der niemand gerechnet hat. Bekele hat zwei seiner letzten drei Marathons aufgegeben, dazu lief er in London 2018 seine schwächste Zeit über die Distanz. Kurz: Auf Bekele wetteten nicht mehr allzu viele Leute, auf den mittlerweile 37-Jährigen, der a) in Äthiopien mit Hotels und weiteren Geschäften viel um die Ohren hat und der sich b) seit seinem Wechsel auf den Marathon stets mit dem Fleissaspekt, den die Distanz mit sich bringt, schwer getan hat. Er hatte immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen – und mit seinem Wettkampfgewicht.

Auch der Start in Berlin kam eher überraschend: Erst dreieinhalb Wochen zuvor hatte sich Bekele für das Prestigerennen angemeldet. Wie viele andere Weltklasseläufer verzichtet er auf den WM-Marathon vom nächsten Samstag. In der deutschen Hauptstadt empfing man ihn gerne, brachte er dem starverwöhnten Rennen doch etwas Glamour, das dem Starterfeld davor gefehlt hatte. Kipchoge versucht nach seinem regulären Weltrekord diesen Herbst lieber in einem privaten, nicht rekordberechtigten Projekt, als Erster unter zwei Stunden zu bleiben.

«Noch nicht alles gezeigt»

Das heisst nicht, dass Bekeles Konkurrenten schwach wären, im Gegenteil. Zu fünft passieren sie die Halbmarathonmarke in 61:05 Minuten – eine Sekunde schneller als Kipchoge bei seinem Weltrekord, damals alleine laufend. Das Quintett hingegen liefert sich ein echtes Rennen. Nach 31 Kilometern muss Bekele zwei Gegner ziehen lassen. Doch der Eindruck täuscht: Er wird nicht langsamer – sondern sie schneller. Sprich: Er läuft konstant nahe der Weltrekordpace. Und schafft die Rückkehr, fünf Kilometer vor dem Ziel übernimmt er die Führung.

Nun läuft er die schnellen Schluss­kilometer. Das kann er, schliesslich ist er nach wie vor Weltrekordhalter über 5000 und 10'000 Meter auf der Bahn. Sein erster Verfolger, Landsmann Birhanu Legese, gelingt in 2:02:48 Stunden die viertschnellste Zeit der Marathongeschichte.

Doch so schnell Bekele diese letzten Kilometer auch abspult, es reicht nicht, um jene zwei Sekunden. Er kennt das Gefühl nur zu gut. Es ist der zweite überragende Marathon, der ihm in seiner Karriere gelingt. Beim ersten, 2016 ebenfalls in Berlin, verpasste er den damaligen Weltrekord um sechs Sekunden.

Er will es damit nicht belassen, auch mit 37 nicht. «Ich hatte drei Monate Vorbereitung, davor war ich verletzt. Für einen Weltrekord bräuchte man aber vier, fünf Monate», sagt er. «Ich glaube nicht, dass ich heute der Welt alles gezeigt habe, was ich kann. Ich gebe nicht auf.»

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