Direkt ins Delirium gerollt

Marcel Hug tritt heute Sonntag beim New York Marathon als Titelverteidiger an. Ihm hilft, was er im April in Boston erlebt hat.

hero image

Sie ist weg. Oder besser, es gab sie wohl gar nie. Marcel Hug hat keine Erinnerung an die Siegerehrung am Boston Marathon Mitte April. Der 32-jährige Rollstuhlsportler siegte, und er weiss noch gut, dass ­infernalische Bedingungen geherrscht hatten: grosse Kälte, anhaltender Regen, störender Wind. Was aber danach war, musste ihm sein langjähriger Trainer Paul Odermatt erzählen.

«Eine halbe Stunde lang zitterte er nur. Und so lange dauerte es auch, bis er einen geraden Satz zustande brachte», sagt dieser und schüttelt den Kopf. Hug selber glaubt, er sei damals wohl in eine Art Delirium gefahren. «Da bin ich an meine Grenzen gestossen.» Oder ein wenig darüber hinaus, möchte man meinen. Fast eine halbe Stunde länger war er unterwegs gewesen als bei seiner Rekordfahrt 2017, als er die 42,195 km in 1:18 Stunden zurückgelegt hatte.

Sein bisher härtester Wettkampf: Marcel Hug gewinnt im April den Boston Marathon und stösst an seine Grenzen. Foto: Keystone

Hug ist der erfolgreichste Rollstuhlsportler der Gegenwart. Der Thurgauer hat alles gewonnen, seit er 2010 Profi wurde. Etliche Weltmeistertitel über die kurzen und langen Distanzen, 2016 in Rio zweifaches Paralympics-Gold und davor x-mal Silber und Bronze, er hat Weltrekorde aufgestellt und seit ihrer Einführung vor zwei Jahren beide Gesamtwertungen der World Marathon Majors dominiert, die Serie von Tokio, Boston, London, Berlin, Chicago und New York. Hug ist das Mass der Dinge. Wen wundert es also, dass er auch den Bedingungen in Boston am erfolgreichsten trotzte?

Im Kreis der Titelverteidiger und Bevorzugten

Und auch wenn ein Teil der ­Bilder fehlt, ist ihm dieses Rennen eine mentale Stütze geworden: Wird es hart, ist da ein Erlebnis, das noch härter war. «Es war das bisher härteste. Das hilft», sagt er. Es wird ihm auch heute Sonntag helfen, wenn er als Sieger der beiden letzten Austragungen zum New York Marathon startet.

Er ist mit viel Vorfreude angereist, er gehört da zum kleinen Kreis der Titelverteidiger und wird mit Pressekonferenz und allem Pipapo bevorzugt behandelt. «New York ist speziell», findet er – wie es die Läufer auch tun. Herausfordernder, strenger, prestigeträchtiger, lauter. Und wenn es nach dem Start gleich über die Verrazano-Bridge von Staten Island hinüber nach Brooklyn gehe, «dann kann schon da eine Vorentscheidung fallen», sagt er. Denn: Die Brücke ist nicht flach, sondern steigt erst eineinhalb Kilometer leicht an und fällt dann über dieselbe Distanz ab. «Da rollen wir dann schon mit über 50 km/h hinunter, und wer nicht dabei ist, ist für den Rest des Rennens auf der Jagd», sagt er.

2013, 2016 und auch 2017: Marcel Hug hat in New York schon dreimal triumphiert. Foto: Keystone

Hug ist mit einer Spina bifida, einem «offenen Rücken», zur Welt gekommen, behindern lassen hat er sich dadurch aber kaum einmal. Er will nicht auf das Behindertsein reduziert werden und sagt, er treibe Sport und sei Spitzensportler, «obwohl ich behindert bin». Er war der erste Behindertensportler, der eine Sportschule besuchte. Fragt man ihn nach seinen Stärken, gibt er bescheiden weiter an seinen Trainer: «Sag du das.»

Und Odermatt sagt, wie er die Entwicklung des einst Zurückhaltenden erlebt hat. Mental stark, ­fokussiert, diszipliniert, selbst­sicher. «Das eine oder andere ist er über die Jahre erst geworden», fügt er an. Er selber ist zu hundert Prozent Trainer – in Nottwil, da, wo auch Hug wohnt. Aber Odermatt spricht nicht nur von Stärken, er nennt auch eine Schwäche, die nicht leicht zu eliminieren ist, da sie wohl eher eine Charaktereigenschaft ist: «Marcel ist zu anständig, zu wenig Egoist, zu wenig frech.»

Lorbeeren und ein Siegercheck über 20'000 Dollar

Widersprechen will ihm Hug nicht, er beschreibt sich jedoch anders: «Ich bin nicht risikofreudig, in einer Abfahrt kommt bei mir ­zuerst die Sicherheit. Gerade in New York mit seinen Brücken ist das ein Nachteil.» Dennoch hat er hier ­immer zu den Gejagten gehört. Zu jenen, die im Ziel im Central Park nicht nur einen Lorbeerkranz aufgesetzt, sondern auch einen Siegercheck über 20'000 Dollar überreicht bekommen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt