Hunderte von Sprints im Kopf

Als Feierabend-Trainer hat Jacques Cordey aus Mujinga Kambundji die schnellste Schweizerin gemacht.

Der Analytiker im stillen Kämmerlein: Jacques Cordey. Foto: Christian Pfander

Der Analytiker im stillen Kämmerlein: Jacques Cordey. Foto: Christian Pfander

Er ist der Mann der Nebensätze. Die Hauptfigur ist immer seine einstige Sprinterin, die seit dem Sommer 2017 drei Startrainer im Ausland verlassen und nun den vierten in England engagiert hat. Und im Nebensatz – ja, da steht dann jeweils, dass Mujinga Kambundji auch jederzeit wieder Jacques Cordey um Hilfe bitten könnte, wenn es denn nicht wie gewünscht laufe.

«Jederzeit» war in den vergangenen zwei Jahren oft. Denn Cordey ist nicht irgendwer. Er ist der Feierabend-Trainer aus Köniz, wie er sich selber bezeichnet, der Kambundji in ihren Juniorenjahren der Schweizer und später auch der internationalen Elite näher gebracht hat. Und «Jacqui», wie sie ihn nennt, ist der Mann der Rekorde. Seit fast genau 20 Jahren ist er der Trainer der Schweizer Sprint-Rekordhalterinnen. Zuerst führte er Mireille Donders an die nationale Spitze, dann Kambundji.

Die mündige Athletin

Vor rund drei Wochen war wieder einmal «jederzeit». Der Start schlecht, die Beschleunigung ein Knorz, und darum Zeiten, die zu wünschen übrig liessen. Cordey sitzt auf einem Festbänkli im Untergeschoss des Berner Wankdorfstadions, draussen geht ein Gewitter nieder. Später wird er mit ein paar talentierten Nachwuchsathleten aus der Region auf der Laufbahn im Keller trainieren. Vorher versucht er zu erklären, wieso die Karriere Kambundjis untrennbar mit ihm verbunden ist, warum er funktioniert, wie er funktioniert, und weshalb er mit einer oder vielleicht auch zwei Whatsapp-Nachrichten zwischen Vorlauf und Halbfinal oder sogar Final bei ihr scheinbar Wunder bewirken kann.

Cordey ist 57, einstiger Sprinter und ausgebildeter Sportlehrer, der 23 Jahre lang in Spiegel bei Bern an der Oberstufe auch ­Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer unterrichtete. Dann verschrieb er sich als Leiter ganz dem Freiwilligen Schulsport in Köniz, eine Trainerlaufbahn stand nie zur Debatte. «Trainer sein war für mich immer ein Hobby», sagt er. Und als Donders 2001 zurücktrat, hörte auch er auf. Ein so umfangreiches Engagement als Vereinstrainer liess sich nicht mehr mit Vollzeitarbeit und Familie vereinbaren. Bis er 2008 vom damaligen Trainer Kambundjis angefragt wurde, ob er nicht diese 16-Jährige mitbetreuen könnte, sie wolle an die Meisterschaft der Elite.

Seit da gibt es den Trainer Cordey wieder. «Und an dieser SM ist ein Fenster aufgegangen», sagt er. Platz 4 über 100 m, Silber über 200 m, nachdem die Juniorin bei 30 Grad seine technischen und taktischen Anweisungen aufs Genaueste befolgt hatte. In Kürze erkannte er ihr Potenzial.

Ich finde es mutig, dass sie zwischendurch immer wieder mich anruft und fragt: Chasch du?

Cordey betont, dass es ihm das grösste Anliegen war, Kambundji zu einer «mündigen Athletin» zu formen, «ihr die Werkzeuge mitzugeben, damit sie sich selber zu helfen weiss», sagt er. Er habe sie sechs Jahre physisch aufgebaut, auch psychisch, ihr seine Ideologie vermittelt. «Das Mentaltraining aber hat zu Hause bei der Mutter am Küchentisch stattgefunden», sagt er und lacht. Und er hat die Sprinterin gelehrt, jeweils auszudrücken, wie sie einen Lauf erlebt und wie sie sich dabei gefühlt hat. «Die Selbstwahrnehmung ist etwas vom Wichtigsten», sagt er. Und er hat, als sie Mitte Juli anrief, schnell festgestellt, dass ihr genau diese Wahrnehmung momentan abhandengekommen ist.

Kambundji hat eine wechselvolle Zeit hinter sich. Nach dem Gewinn von WM-Bronze in der Halle im Frühling 2018 durchbrach sie in 10,95 die magische Marke im Frauen-Sprint – um sich an der EM dann mit drei vierten Rängen selber am meisten zu enttäuschen. Cordey sucht das Positive. Oder drückt es zumindest so aus. Er findet es «super», dass Kambundji seit Dezember phasenweise beim einstigen britischen Nationaltrainer Steve Fudge trainiert und dort «auch im Zentrum steht». Er hat es schon 2013 mutig gefunden, dass sie ihn verlassen und nach Mannheim zu Valerij Bauer gewechselt hat. Er hat es verstanden, dass sie sich 2017 aus dessen engem Korsett befreien wollte und sich für den nächsten Schritt den Niederländer Henk Kraaijenhof aussuchte. Er fand es richtig, dass sie dieses Missverständnis schnell beendete. Und er fand es ebenso mutig, dass sie im Sommer nach ihrem Coup an der Hallen-WM den Amerikaner Rana Reider um einen Platz im Team anfragte. «Vor allem aber finde ich es mutig, dass sie zwischendurch immer wieder mich anruft und fragt: Chasch du?»

Das Gspüri fürs Richtige

Er kann. Immer. Er sagt: «Ich bin einfach da.» Natürlich weiss Cordey, dass keiner die Athletin so gut kennt wie er. Ihre Stärken, ihre Schwächen, ihre Auffassungsgabe, ihre Belastbarkeit. Er hat von jedem ihrer Läufe an Wettkämpfen ein Video, er hat von jedem ihrer Läufe den Film im Kopf. «Ich kann einschätzen, was passiert – das ist praktisch, manchmal aber auch blöd», findet er. Praktisch war es beim Citius-Meeting am Samstag, als er voraussagte, dass nach den 11,35 im Vorlauf über 100 m noch zwei Zehntel drin liegen. Kambundji lief im ­Final 11,15 und sicherte sich die WM- und Olympia-Limite.

Jacques Cordey, sind Sie jeweils der Lückenbüsser? «Auf keinen Fall.» Die Aushilfe? «Ja, ich helfe gerne, wenn ich kann. Weil es mich interessiert. Ich bin aber nicht der Besserwisser.» Aber der Bessermacher? «Vielleicht. Die Ergänzung zu Steve Fudge – im Moment. Der Zulieferer. Ich sehe nicht nur die Fehler, sondern liefere die Korrekturmöglichkeiten. Es interessiert mich zu sehr, wie sie läuft. Wir haben so viel miteinander gearbeitet, da ist eine Basis, wir müssen nicht viel reden miteinander. Der Zünder ist jeweils das Gspüri fürs Richtige.»

Nicht ganz erschliesst sich für Aussenstehende, wieso Cordey die Betreuung Kambundjis nicht vollumfänglich übernimmt. Für ihn ist das klar: «Ich kann ihr nicht den Umfang an Training bieten, den sie braucht.» Er sei irgendwo in ihrem Team, «da, wenn sie mich braucht». Man möchte ihm zurufen, dass er endlich sein Licht unter dem Scheffel hervorhole. Aber das ist nicht Jacques Cordey. Er sagt: «Ich komme nicht zu kurz.» Er ist der Analytiker im stillen Kämmerlein, der mit kurzen Whats­app-Nachrichten mehr bewegt als andere mit langen Anleitungen auf der Bahn. An diesem ­Wochenende wieder, wenn Kambundji an der Team-EM in Bydgoszcz über 200 m startet.

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