Kambundji: «Enttäuscht, aber nicht frustriert»

Nach dem Hallen-EM-Sprint auf Platz 5 spricht Mujinga Kambundji über Emotionen und Ursachen. Von der Differenz zum Podest abgesehen sei sie rundum glücklich, sagt die Bernerin.

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Flughafen Zürich am Montagmittag: Die Hallen-EM-Delegation von Swiss Athletics kehrt in die Heimat zurück. Derweil 800-Meter-Siegerin Selina Büchel mit der Goldmedaille posiert, so gut es eben geht in die Kameras strahlt, versuchen die restlichen Mitglieder gar nicht erst, ihre Müdigkeit zu kaschieren.

Abends habe es in Prag ein Athletenfest gegeben, die Nacht sei wegen der frühen Rückreise relativ kurz gewesen, sagt Mujinga Kambundji. Am Sonntag belegte die 22-Jährige über 60 Meter Platz 5 – 6 Hundertstel hinter Europameisterin Dafne Schippers, deren 2 hinter ihrer deutschen Trainingskollegin und Bronzegewinnerin Verena Sailer. Nun spricht die in Mannheim bei Valerij Bauer trainierende Könizerin über...

... ihre Gemütslage:«Der EM-Final ist abgehakt, die Hallensaison fertig; ich freue mich auf eine Erholungswoche. Klar, wenn ich zurückschaue, bin ich immer noch ein bisschen enttäuscht, aber nicht frustriert. Der Blick auf die Anzeigetafel war sogar ein Aufsteller; ich hätte nicht gedacht, dass ich gleich 7,11 laufen kann.»

... die fehlenden Hundertstel: «Die habe ich vermutlich am Start verloren. Ich habe den Lauf noch nicht analysiert und kann deshalb auch nicht sagen, was geschehen ist. Vom Bewegungsablauf her fühlte es sich nicht schlecht an. Als ich nach fünf Schritten jedoch hinter den Besten lag, wurde mir klar, dass nicht alles optimal gelaufen sein konnte. Im Normalfall bin ich auf den ersten Metern ganz vorne dabei. So sind die 60 Meter – ein falscher Schritt, und man ist weg vom Fenster. Wobei die Leistungsdichte in diesem Winter extrem hoch war. Dass man für einen Medaillengewinn unter 7,10 bleiben muss, dürfte noch nicht oft vorgekommen sein.»

... die neue Rolle als Medaillenkandidatin:«Es fühlte sich ähnlich an wie früher an Nachwuchsgrossanlässen, als der Vorlauf eben nur der Vorlauf gewesen war, die Aufwärmrunde halt. Vor zwei Jahren hingegen gab ich im Vorlauf Vollgas und kam trotzdem nicht weiter. Mit meinem jetzigen Niveau fällt vieles einfacher, weil ich nicht schon in der ersten Runde voll gefordert bin.»

... die Trainingskollegin und spätere Bronzegewinnerin Verena Sailer:«Vor einem Rennen sind wir normale Konkurrentinnen, danach aber wieder Kolleginnen. Es hat mich gefreut, dass es bei ihr geklappt hat, und es war schön, dass ich ihr gleich im Auslauf gratulieren konnte.»

... den Auftritt von Selina Büchel:«Das Rennen fand eine halbe Stunde nach meinem Halbfinal statt. Ich war in der Einlaufhalle am Regenerieren und sah das Rennen im Fernsehen. Das war eine Riesensache; es ist extrem motivierend, wenn man so etwas sieht. Ich konnte danach gut abschalten und mich auf meinen Einsatz konzentrieren – im Call Room dachte ich jedenfalls nicht mehr an Selinas Lauf.»

... ihr Programm:«In einer Woche beginnt der verkürzte Aufbau für die Hauptsaison. Weil die Staffel-WM auf den Bahamas bereits Anfang Mai stattfindet, bleiben nur sechs Wochen. Ich werde einen Intensivblock einschalten, zwei Wochen lang ausschliesslich in Mannheim trainieren.

... die nächsten Ziele:«Ich möchte mich stetig weiterentwickeln. Ich glaube, dass es weiterhin aufwärts gehen kann, obwohl der Leistungssprung vom Sommer 2013 zum Sommer 2014 sehr gross war. Wenn man einmal von den 2 Hundertsteln absieht, bin ich mit meinem Leben rundum glücklich. Es freut mich enorm, dass es so gut läuft. Und ich bin sicher, dass es mir dereinst fürs Podest reichen wird, wenn ich so weitermache.»

Bleibt die Prüfung von Kambundjis These: Der letzte EM-Final, in dem 7,10 Sekunden für einen Medaillengewinn nicht ausgereicht hätten, fand 1988 statt: Es gewann die aus Surinam stammende Holländerin Nelli Cooman vor (den mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hormonell vermännlichten DDR-Athletinnen) Silke Möller und Marlies Göhr.

Berner Zeitung

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