Mensch Mujinga

Nach einem erneuten Trainerwechsel und einer Auszeit für den Kopf ist Mujinga Kambundji überzeugt: «Ich kann noch schneller laufen.»

Ab sofort sucht Mujinga Kambundji im Rennen wieder das gute Gefühl. Foto: Sven Thomann (Freshfocus)

Ab sofort sucht Mujinga Kambundji im Rennen wieder das gute Gefühl. Foto: Sven Thomann (Freshfocus)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Mit Gefühlen ist es so eine Sache. Es gibt gute und schlechte, und dann gibt es noch irgendetwas dazwischen. Letztere Kategorie trifft derzeit am besten auf ­Mujinga Kambundji zu. Sie fühle sich ein bisschen im luftleeren Raum, meint die Sprinterin. «Weil es nun wieder zählt und ich nicht genau weiss, wie gut es bereits sein wird.» Der späte ­Saisonhöhepunkt mit der WM in Doha Ende September bedingt, dass sie erst heute in Nancy in die Freiluftsaison einsteigt. ­Wobei das nicht der Grund für ihre Gefühlslage ist.

Wieder blickt die Könizerin auf eine Vorbereitung unter einem neuen Trainer zurück. Nach Valerij Bauer, Henk Kraaijenhof und Rana Reider kümmert sich nun Steve Fudge um Kambundji. Er ist ihr vierter Coach in den letzten eineinhalb Jahren. Weshalb die Erfahrungswerte fehlen, sie die Zeiten im Training unter Fudge nicht in eine Relation stellen kann.

Zu Hause Kraft tanken

Zwei Wochen trainierte sie zuletzt in London, wo der Schotte seine Basis hat, eine Gruppe von drei Frauen und sechs Männern betreut. Das Augenmerk lag auf der Schnelligkeit, und Kambun­dji nahm den Start nochmals ­genauer unter die Lupe, weil ihr dieser zuvor zu Hause Mühe bereitet hatte. Denn: Den ganzen Aufbau absolvierte sie in Bern. Sie filmte ihr Training, und Fudge gab danach per Skype oder Telefon sein Feedback. «Seit ich 2013 zu Valerij nach Mannheim gegangen bin, war ich nie länger als sechs Wochen am Stück zu Hause. Im Frühling spürte ich, dass alles, was in der letzten Zeit passiert war, etwas viel für mich war», sagt sie. Der Aufenthalt im gewohnten Umfeld jedenfalls habe «megagut getan».

Möglich machte diese Massnahme nicht zuletzt ein alter Bekannter: Adrian Rothenbühler. Der Emmentaler ist gewissermassen die Konstante in Kambundjis turbulenten letzten Jahren. Er kennt und betreut die Sprinterin seit Jahren im athletischen Bereich. Und er unterstützte sie bei der Suche nach einem neuen Coach. «Steve war einer der wenigen, den interessiert hat, was vorher war», hält er fest. «Er sah nicht die 10,95 Sekunden. Er sah den Menschen Mujinga.» Das war der entscheidende Punkt. «Weil ich so viele Erfahrungen gemacht habe, weiss ich, was mir guttut. Ich kann nicht mehr in einer Situation sein, in der der Trainer einfach bestimmt und ich ausführe», sagt Kambundji.

Zumindest so ähnlich lief es aber mit Vorgänger Reider. Wobei die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Trainerguru per se unter keinem guten Stern stand, weil er für den holländischen Verband arbeitet und dort mit Dafne Schippers eine Konkurrentin Kambundjis betreut. Kommuniziert wurde fast ausschliesslich per Telefon. Unter diesen Umständen konnten sich Trainer und Athletin gar nie ­richtig kennen lernen. Fudge ­dagegen tauscht sich öfters mit Rothenbühler und mit Florian Clivaz, Kambundjis Co-Manager, aus. Dieses Miteinander nimmt der Athletin viel Arbeit ab. «Nun muss ich nicht mehr jede Entscheidung selbst treffen, das ist der grosse Unterschied zu letztem Jahr», sagt sie.

Die Krux mit dem Peak

Eigentlich liegt hinter Kambundji die beste Saison ihrer Karriere. Sie gewann Bronze an der Hallen-WM 2018 in Birmingham über 60 Meter, stellte in 10,95 Sekunden einen Landes­rekord über 100 m auf und verpasste an der EM in Berlin Edelmetall als Vierte dreimal denkbar knapp. «Natürlich hat mich das im ersten Moment geärgert», sagt sie. Doch irgendwann kam der Meinungsumschwung. «Weil ich es trotz aller Veränderungen fast in jedem Wettkampf schaffte, zu den Mitfavoritinnen zu gehören. Das ist cool.»

Weit mehr als die verpassten EM-Medaillen störte Kambun­dji im letzten Jahr, dass sie den Leistungshöhepunkt nicht erreichte. Etwas, das eigentlich zu ihren Stärken zählt, weil im wichtigsten Moment immer mit der 27-Jährigen zu rechnen ist. «Meine Saison war an sich auf einem hohen Niveau, aber es fehlte der Ausreisser», sagt sie. Rothenbühler, der Kambundji auch in Berlin betreute, weil Reider das nicht durfte, sagt: «Was Mujinga letztes Jahr machte, war weit weg von individualisiertem Training. Um sie auf den Peak zu bringen, hätte sie genau das gebraucht.» Dass sie die 100 m trotzdem erstmals unter elf Sekunden lief, führt er auf zwei Gründe zurück: Erstens profitierte Kambundji im athletischen Bereich noch von der Arbeit, die Bauer geleistet hatte. Und zweitens habe sie ein Selbstständigkeitsgefühl entwickelt.

Kambundji ist überzeugt: «Ich kann noch schneller laufen.» Über die halbe Bahnrunde, auf welcher sie erst in der zweiten Saisonhälfte Rennen bestreiten wird, aber auch über 100 m. «Als ich 2015 an der WM 11,07 lief, wusste ich: Es wird schwierig, das zu wiederholen, weil mein Durchschnittsniveau schlechter war. Das ist nun anders», sagt sie. Wobei sie das noch nicht heute in Nancy demonstrieren wird. Am kleinen Meeting geht es für sie primär darum, aus einem mittelmässigen ein gutes Gefühl zu machen.

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