Revolutionär oder schon gaga?

In der olympischen Kernsportart Leichtathletik wird an vielen neuen Wettkampfformen getüftelt. Die extremste wird vertagt. Doch an den Europaspielen wird ein Vorgeschmack präsentiert.

Gemischte Wettkämpfe gab es jüngst etwa an der Staffel-WM – aber bald soll noch viel mehr dazukommen. Foto: Kiyoshi Ota (Keystone)

Gemischte Wettkämpfe gab es jüngst etwa an der Staffel-WM – aber bald soll noch viel mehr dazukommen. Foto: Kiyoshi Ota (Keystone)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Manchmal braucht es für die grossen Gedanken: verzweifelte Neu-Organisatoren, willige Reformer mit Zeit sowie einen neuen Kopf an der Verbandsspitze. Dann kann daraus das zurzeit kühnste Wettkampfprojekt der Leichtathletik werden – in dem Athletinnen gar mit einem Fallschirm über die Bahn sprinten.

Für die zweiten European Games, die in drei Wochen in Minsk stattfinden, kamen diese Faktoren zusammen: Den Organisatoren dieser jungen Europaspiele fehlte der Support der grossen Sportarten bzw. ihrer Verbände. Also lockten sie den europäischen Leichtathletik-Verband mit einem Deal: Ihr garantiert an unseren Spielen breite Vertretung und wertet den Event damit auf, dafür überlassen wir euch unsere Bühne für ein neues Format und übernehmen die Mehrheit der Kosten.

Der neue Präsident an der Spitze der europäischen Leichtathletik EAA nahm den Deal an. Seither arbeitet Marcel Wakim auch an der Revolution seines Sports. Der Deutsche in Diensten der EAA ist für dieses in der Szene mit Argusaugen betrachtete Projekt verantwortlich. DNA heisst es – Dynamic New Athletics.

Ein Fünfkampf bestehend unter anderem aus einem Sprint samt Schlitten, war zu kühn gedacht.

Je länger Wakim über seine Innovation erzählt, desto klarer wird dem Zuhörer: Man hat ihm und seinem kleinen Team zwar kühn zu denken erlaubt. Das Resultat aber überforderte die Macher der Europaspiele ebenso wie viele Leichtathletik-Funktionäre und Athleten.

In Minsk wird darum eine Abwandlung zu sehen sein. Gestrichen wurde der bunteste – und meist kritisierte Ansatz: der sogenannte Track’Athlon, eine sprachliche Anspielung auf den Mehrkampf. Zu den fünf Disziplinen hätten gezählt: Sprint mit einem Schlitten (wie er im Training zwecks Widerstand verwendet wird), Stand-­Kugelstossen, Stand-Weitsprung, Wassergraben-Überspringen und Medizinball-Sprint. Die Frauen hätten statt eines Schlittens einen Fallschirm hinter sich hergezogen.

So viel Fantasie war den Entscheidungsträgern entschieden zu viel. Obschon Sebastian Coe, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, fast in jedem Interview ungefragt darauf hinweist, dass sich sein Sport wandeln und er vor allem für ein jüngeres Publikum fit gemacht werden müsse.

Kein «Spiel ohne Grenzen»

Der Widerstand am Track’Athlon ging auch von Schweizern aus: den Chefs von «Weltklasse Zürich». Als Co-Präsident Andreas Hediger erstmals vom besonderen Fünfkampf hörte, erinnerte er sich an seine Jugend. «Spiel ohne Grenzen» war damals eine beliebte TV-Show. Was Hediger mit dieser Anspielung ungesagt sagt: Er hält den Track’Athlon nicht für revolutionär, sondern eher für gaga.

DNA-Entwickler Marcel Wakim kennt seinen prominenten Zürcher Kritiker, weil er sich immer wieder mit Hediger austauscht. Doch die Ideen von Wakim und seinem Team sind auch darum revolutionär, weil sie wesentliche Aspekte der Leichtathletik durch andere ersetzen wollen. Der wichtigste: Die Basis soll das Team sein – und in dieser klassischen Individualsportart gerade nicht der einzelne Athlet.

Das DNA-Projekt will den Fokus aufs Team statt den Einzelnen richten – und Zuschauer besser führen.

Grund für diesen Wandel ist die Erkenntnis, dass sich in der Leichtathletik zwar viele Formate finden, in denen der Beste gesucht wird, das Team aber – von Ausnahmen abgesehen – kaum je im Zentrum steht. Ein anderer zentraler Punkt des DNA-Projekts: Es will die Fixierung auf Leistung aufbrechen, der Leichtathletik also ihren verengten Blick auf Resultate nehmen. Der einzelne Wettkampf bzw. das einzelne Ereignis soll das Zentrum bilden und weniger der (stete) Vergleich mit der Uhr.

«Weltklasse»-Direktor Andreas Hediger schaut in seinem Büro um sich, in dem Poster von Topathleten hängen, und sagt: «Unsere Sportart zelebriert nun einmal die Individualität. Daraus bezieht sie Stärke und Faszination.» Zudem habe man in der Leichtathletik mit Staffel-Weltmeisterschaften oder Länderkämpfen sehr wohl teambasierte Formate längst etabliert. Und letztlich sei die permanente Vergleichbarkeit, also der Blick auf die tickende Uhr, nun einmal ein wesentliches Merkmal dieses Sports.

Abschauen vom Wintersport

Trotzdem weiss auch Hediger, dass die DNA-Entwickler wichtige Fragen anstossen. So wird ihr Wettkampfformat maximal zwei Stunden dauern – und in einem finalen Rennen mit Handicapstart gipfeln, wie ihn viele Wintersportarten schon lange kennen. Im Ziel ist das erste Team dann der Gesamtsieger.

Zurzeit kann es etwa im zeitlich ausufernden Mehrkampf vorkommen, dass erst einmal lange gerechnet werden muss, bis die Zuschauer nach dem finalen Lauf wissen, wer insgesamt gewonnen hat. Das ginge dramaturgisch spannender. Nur: Schon gegen eine solche, verhältnismässig kleine Neuerung, sprechen sich viele Funktionäre und Trainer aus. «Wir sind ein konservativer Sport», sagt Andreas Hediger, worin ihm DNA-Entwickler Marcel Wakim kein bisschen widersprechen würde.

Ein weiterer interessanter Aspekt des DNA-Ansatzes: Es findet eine Disziplin nach der anderen statt. Wird an einem traditionellen Meeting gleichzeitig gesprungen, gesprintet und geworfen, was manchen Zuschauer (vor Ort) überfordert, gewährt der DNA-Ablauf einen klaren Fokus. Der Nachteil: Damit wird in einem grossen Stadion bloss eine Minderheit wirklich sehen, was passiert – der grosse Rest muss über Videoleinwände und Infieldspeaker informiert werden.

Man ist sich einig: Die Leichtathletik soll sich entwickeln

Der Trend, weniger Disziplinen pro Top-Meeting durchzuführen und damit den restlichen mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, ist jedoch eindeutig. «Weltklasse»-Direktor Hediger etwa steht der Kommission vor, die solche Änderungen auf höchster Meetingstufe plant und diesen Sommer testen wird.

Für Marcel Wakim ist wichtig, dass man sein Projekt keineswegs als «goldenen Schlüssel» versteht, wie man die Leichtathletik verändern muss bzw. kann – sondern als eine von vielen Spielformen, die ihren Platz haben sollen. Er kann sich darum vorstellen, dass Dynamic New Athletics gerade in der Kinder- und Jugendleichtathletik ideal aufgehoben wäre, auch mit dem Track’Athlon oder anderen Disziplinen.

Essenziell ist für ihn nun erst einmal, dass die für Minsk konzipierte Version mit primär klassischen Disziplinen auch in neuen Wettkampfvarianten ankommt – und er und sein Team mit Rückenwind weiterarbeiten können. Denn in einem ist sich die Leichtathletik-Szene einig: Der Sport soll sich entwickeln. Darum ist das DNA-Projekt unabhängig von seinem Ausgang ein Gewinn. Es lässt die Szene über ihre Zukunft nachdenken.

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