Schlussfeuerwerk hier, Mattscheibe dort

Rund 2500 Zuschauer erscheinen zum zweiten Citius-Meeting im Wankdorf – sie sehen eine befreite Mujinga Kambundji. Den TV-Zuschauern bleibt der Lauf der Berner Sprinterin dagegen verwehrt.

Schnell und beliebt: Sprinterin Mujinga Kambundji posiert mit jungen Fans.

Schnell und beliebt: Sprinterin Mujinga Kambundji posiert mit jungen Fans.

(Bild: Raphael Moser)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Er liegt einige Meter hinter der Zielgeraden im Leichtathletik-Stadion Wankdorf. Ein Felsbrocken, mächtig und unübersehbar. Mujinga Kambundji lacht und zeigt mit dem Finger auf ihn. Es ist ihre Antwort auf die Frage, wie gross der Stein gewesen sei, der ihr vom Herzen gefallen sei. Ein paar Minuten zuvor hat die ­Sprinterin gewissermassen das Schlussfeuerwerk am Citius-Meeting gezündet. Im letzten Rennen des Abends läuft sie die 100 Meter bei minimem Gegenwind (-0,1 m/s) in 11,15 Sekunden. Damit hat sie nun die Limiten für WM und Olympia in der Tasche.

Noch fast wichtiger aber ist für die Könizerin die Gewissheit, dass sie wieder schnell laufen kann. Denn nach einem schwachen Saisonstart ist sie ins Zweifeln geraten – und hat deshalb einen alten Bekannten aufgesucht. In den letzten zwei Wochen arbeitete sie in Bern mit ihrem Jugendtrainer Jacques Cordey. Er sagt, so verunsichert habe er Kambundji noch nie gesehen. Also legte Cordey den ­Fokus aufs Wesentliche.

Für ihn waren das drei Aspekte: Hüftstabilität, Fussvorspannung und die Vorgabe, dass sie in der fliegenden Phase den Oberkörper nicht zu hoch hält. Die Massnahmen verfehlten ihre Wirkung nicht: Jener Rennteil, in welchem Kambundji die Höchstgeschwindigkeit erreicht, hat bis anhin nicht funktioniert. In Bern aber sorgt sie in der zweiten Phase des Laufs für die Differenz und siegt 28 Hundertstel vor der Niederländerin Jamile Samuel.

Mässige Elite

«Es ist das erste Mal, dass ich in dieser Saison nach einem Lauf wirklich ein gutes Gefühl habe», sagt Kambundji. Noch immer strahlt sie, derweil sich Dutzende Kinder um sie scharen, ihr Zettel und Stifte entgegenstrecken. Es ist ein Glücksfall für die Organisatoren, sorgt das Aushängeschild für das Highlight an diesem schönen Sommerabend. Das junge Team um die Co-Direktoren Matyas Kobrehel und Alain Croisier haben es geschafft, praktisch die gesamte Schweizer Elite für die zweite Ausgabe ihres Meetings zu engagieren.

Deren Auftritt allerdings fällt zwiespältig aus: Abgesehen von Kambundji vermögen nur Julien Wanders und Lea Sprunger einigermassen zu überzeugen. Der Langstreckenläufer stellt beim Schnelligkeitstest über 1500 m in 3:39,30 eine neue Bestzeit auf, die Doppel-Europameisterin siegt über 400 m Hürden trotz eines ungewollten Schrittwechsels vor der neunten Hürde mit der Saisonbestleistung von 55,13 Sekunden. Zuletzt weilte Sprunger in Holland bei ihrem Coach Laurent Meuwly. «Es waren zehn harte, schwierige Tage, aber ich bin auf dem richtigen Weg», meint sie. Das kann ihr Trainingspartner Kariem Hussein noch nicht von sich behaupten. Der Hürden-Europameister von 2014 wird in 49,95 nur Vierter.

Starker Nachwuchs

Dafür zeigen die Nachwuchsathleten einmal mehr ihr grosses Potenzial auf. Stabhochspringerin Angelica Moser siegt mit 4,56 m – mit derselben Höhe wurde sie im Juli U-23-Europameisterin. Für weitere Ausrufezeichen sorgen mit Delia Sclabas und Simon Ehammer ebenfalls zwei Nachwuchs-Titelträger. Die U-20-Europameisterin über 1500 m läuft die 600 m in 1:26,63, stellt damit einen U-20- und U-23-Schweizer-­Rekord auf. Sie wird nun die WM-Limite über 1500 m ins Visier nehmen. Zwar fehlen ihr dafür knapp vier Sekunden. «Aber mit einem sehr guten Rennen ist es möglich, diese zu unterbieten», meint die Kirchbergerin.

Zehnkampf-Europameister Ehammer derweil stellt im Weitsprung mit 7,78 m eine neue Bestleistung auf – obwohl er viereinhalb Stunden Autofahrt in den Knochen hat, nach direkter Anreise vom Trainigslager in St. Moritz.

Neue Idee: Simon Ehammer springt für ein Duell mit einem Zuschauer mit Gewichten. (Bild: Raphael Moser)

Apropos Ehammer: Der Appenzeller steht in Bern noch ein zweites Mal im Fokus. Im Vorfeld des Meetings konnten sich via ­Instagram Zuschauer melden, die sich mit einem Spitzenathleten duellieren wollen. Um die ­Sache für sie ein bisschen einfacher zu machen, dürfen sie ihrem professionellen Konkurrenten ein Handicap auferlegen. So muss Ehammer im Weitsprung mit zwei 5-kg-Hanteln antreten – und gewinnt trotzdem. Nur in einem von drei Duellen kann sich eine Zuschauerin durchsetzen, im Sprint gegen die Nachwuchsathletin Cynthia Reinle – allerdings dank grosszügigem Vorsprung. «Für die Zuschauer ist es zuweilen schwierig, eine Leistung einzuschätzen. Damit wollten wir aufzeigen, was die Athleten effektiv leisten», sagt Co-Meeting-Direktor Croisier.

Schwaches Ende

Als das Stadion leer ist, setzen sich Croisier und Kobrehel kurz hin. Sie sind müde – aber nicht ausgelaugt wie noch im Vorjahr. Rund 2500 Zuschauer sind im Wankdorf erschienen. Das sind zwar etwas weniger als bei der Premiere im letzten Juni, aber mehr, als man es nach dem Vorverkauf erwarten durfte. Noch ist offen, ob sie damit finanziell positiv abschliessen können. «Im ­Moment aber fällt unser Fazit sehr positiv aus», hält Croisier fest. Er und Kobrehel wollen das Meeting weiterhin führen. «Es gilt, an ein paar Schrauben zu drehen, zu viel aber wollen wir nicht verändern. Hier sind die Zuschauer hautnah dran, die Stimmung ist familiär, das macht dieses Meeting magisch», sagt Kobrehel.

Er erwähnt auch die TV-Liveübertragung durch den Free-TV-Kanal Teleclub Zoom, die für ihn eine grosse Sache gewesen sei. Wobei genau diese für das Ärgernis des Abends sorgte. Weil das Meeting um ein paar Minuten überzog, brach Teleclub die Liveübertragung unmittelbar vor Kambundjis 100-Meter-Lauf ab – ohne die Zuschauer über diesen Schritt zu informieren.

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