«Bei der Rehabilitation braucht Michael vor allem eines»

Interview

Daniel Albrecht kennt die Situation vom schwer verunfallten Michael Schumacher aus eigener Erfahrung. Im Interview spricht er über die Tempo-Liebe von Rennsportlern – und den Weg zurück ins Leben.

«Eines morgens wusste ich wieder, dass ich Skirennfahrer war»: Daniel Albrecht (Archivbild, 6. Oktober 2013).

«Eines morgens wusste ich wieder, dass ich Skirennfahrer war»: Daniel Albrecht (Archivbild, 6. Oktober 2013).

Matthias Chapman@matthiaschapman

Herr Albrecht, was ging Ihnen durch den Kopf, als sie vom Skiunfall von Michael Schumacher hörten? Ich habe gestern davon gehört und spätabends nochmals auf meinem Handy das Neuste dazu gelesen. Was da jetzt in den Medien abgeht, zeigt, wie das bei mir vermutlich auch der Fall war.

Sie meinen das enorme Interesse und das grosse Echo, welches so ein Ereignis auslöst? Ja. Aber ich selber habe ja damals nichts davon mitbekommen.

An Ihrem Unfalltag selber, an was erinnern Sie sich noch? Der ganze Tag ist aus meinen Erinnerungen weg. Dann war ich drei Wochen im Koma. Selbst als ich aus dem Koma erwachte, weiss ich von den zwei Wochen danach nichts mehr.

Auch Michael Schumacher liegt nun im Koma. Wenn Sie zurückschauen, was braucht er am meisten? Die Hoffnung, dass die Verletzung nicht allzu schlimm ist. Bei Hirnverletzungen kann man ja lange nicht sagen, wie gravierend es wirklich ist. Bei der Rehabilitation braucht Michael vor allem eines: Ganz viel Geduld. Manchmal verzweifelt man fast, wenn man merkt, dass der Körper nicht mehr so funktioniert wie vorher.

Wie war das bei Ihnen? Ich freute mich schon, wenn ich zwei Gedanken an einem Tag hatte. Konkret: Eines morgens wusste ich wieder, dass ich Skirennfahrer war, am Nachmittag kam mir in Erinnerung, dass ich Audi fuhr. Das war damals schon richtig viel geistige Bewegung für mich.

Wie lange dauerte es bei Ihnen, bis sie wieder einigermassen die körperliche und geistige Agilität von vor dem Unfall erreichten? Eines vorneweg: Ich begann nach dem Unfall bei Null, fühlte mich wie ein Kind, musste alles wieder von vorne erlernen. Die Bereiche, an denen ich in der Rehabilitation arbeitete, kamen in rund zwei Jahren wieder auf ein vernünftiges Niveau. Klar, dass ich schneller wieder auf den Skiern stehen wollte, als fehlerfrei schreiben.

Sie haben von Geduld gesprochen. Das brauchte auch Ihr Umfeld. Und wie: Wie ermüdend muss das auch für Freunde und Familie gewesen sein, wenn ich beim Monopoly nach jeder Runde wieder fragen musste, welche Farbe die meine war.

Fahren Sie noch Ski? Ja klar, ich war gerade heute unterwegs. Und falls Sie das auch wissen wollen: Ja, immer mit Helm auch wenn ich gemütlich unterwegs bin.

Fahren Sie anders als früher? Als ich nach dem Unfall wieder mit dem Training begann, war es gleich wie vorher. Wenn man Rennsportler ist, liebt man das Tempo. Heute fahre ich auf den normalen Skipisten, da muss ich das Tempo automatisch drosseln.

Sie haben nicht mehr Respekt vor dem Tempo als früher? Nein. Aber es ist ja nicht so, dass man nach so einem Unfall einfach auf die Skier steht und wieder dasselbe Tempo erreicht wie vor dem Unfall. Das Tempo muss man wieder finden, da tastet man sich langsam heran.

Michael Schumacher fuhr Autorennen, jetzt heisst es, er sei mit hohem Tempo gestürzt. Sie sagen, Rennsportler lieben das Tempo. Gibt es den Temporausch? Der Begriff Temporausch ist vermutlich zu weit gegriffen. Aber klar, gibt es diese guten Gefühle, wenn man mit einer gewissen Geschwindigkeit unterwegs ist. Ich glaube, es gibt einfach Menschen, die das mehr suchen, als andere. Und ich glaube, das lässt sich nicht unterbinden.

Was machen Sie, wenn sie auf den Skiern wieder einmal so richtig aufs Tempo drücken wollen? Dann geselle ich mich zu den Rennfahrern, die im Sommer in Zermatt auf dem Gletscher trainieren. Manchmal reicht es auch einfach, der erste auf dem Skilift zu sein und als erster auf der Piste zu stehen.

Sie haben trotz dem schweren Unfall die Freude am Tempo behalten. Fahren Sie auch im Auto gerne rassig? In der Schweiz geht das nicht, das kommt zu teuer.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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