Aegerter unter Druck

Hinter Dominique Aegerter liegen turbulente Monate. Auch dank eines Crowdfunding-Weltrekords geht die Karriere des Berners weiter. Gönner spendeten über eine Viertelmillion Franken.

Vor einem wegweisenden Jahr: Dominique Aegerter im Februar bei Tests in Valencia.

Vor einem wegweisenden Jahr: Dominique Aegerter im Februar bei Tests in Valencia.

(Bild: Chippy Wood (Freshfocus))

Fabian Ruch

Für einen, dessen Berufswelt in den letzten Monaten mehrmals auf den Kopf gestellt wurde, gibt Dominique Aegerter erstaunlich gelassen Auskunft. Es ist seine Art, wie er das Leben im Allgemeinen und seine Karriere im Speziellen meistert. Aegerter ist im guten Sinn ein Lausbub ­geblieben, auch mit 27 Jahren schalkhaft und jugendlich, im Gesicht wie vom Gemüt her.

Der Moto-2-Fahrer ist ein Rock ’n’ Roller, wie man sagt, ein Bauchmensch, authentisch, direkt, wild. Er ist anders als viele Athleten im oft klinischen Sportbetrieb. Und vielleicht genau deswegen so beliebt. «Es war zuletzt schwierig», sagt Aegerter. «Aber ich bin keiner, der sich in eine Ecke verkriecht. Ich war trotz allem auch immer ein Kämpfer.»

«Yeeeah! We did it!»

Die Karriere Aegerters stand in der Winterpause mehrmals auf dem Spiel. Vielleicht hilft es, die Ereignisse des letzten halben Jahres in Erinnerung zu rufen. Im Herbst wurde sein Sieg am GP in Misano wegen eines nicht zugelassenen Motorenöls aberkannt, kurz darauf starb sein Chef Stefan Kiefer während des GP Malaysia im Hotelzimmer an Herzversagen. Bruder Jochen Kiefer führte das Team weiter, Sponsoren aber stiegen aus.

Nach wochenlangem Theater erwies sich Investor ­David Pickworth kurz vor Weihnachten als Betrüger, versprochene Gelder aus Russland flossen nicht. «Da sah es für mich richtig schlecht aus», sagt Aegerter. Er spricht nicht böse über Pickworth, aber natürlich ist er enttäuscht vom Engländer. «Das sind prägende Erfahrungen.»

Um den Jahreswechsel sass der Berner frustriert zu Hause. Ratlos, wie er die GP-Saison 2018 ­finanzieren soll. Aber Aufgeben war keine Option, dafür ist er ein zu leidenschaftlicher Racer – und dafür ist seine Fanbasis zu gross. Aegerter ist einer zum Anfassen, im Herbst erschienen erneut fast 1500 Besucher an seinem traditionellen Saisonendefest in Rohrbach. Und so fasste er zusammen mit Manager Robert Siegrist und Bruder Kevin einen neuen Plan.

Um die Saison eines Moto-2-Piloten angemessen finanzieren zu können, sind rund 1,2 Millionen Franken notwendig. Im Januar fehlte Aegerters Crew weit über die Hälfte, aber die Signale der Sponsoren waren positiv, das Kiefer-Team stellte eine KTM-Maschine zur Verfügung – und Ende Januar wurde eine bemerkenswerte Crowdfunding-Aktion lanciert. Im Internet konnten Unterstützer Geld einzahlen, das Ziel war ambitioniert: 200'000 Franken sollten zusammenkommen. Nach bereits zwölf Tagen war diese Marke überschritten, Aegerter schrieb auf der Website: «Yeeeah! We did it!»

Kein Mann als Grid-Girl

Am Ende der Geldsammelaktion waren es Anfang dieser Woche 253'327 Franken von 1497 Menschen. Einer gab 10'000 Franken, einer 5000, viele steuerten Kleinstbeträge wie 10 oder 20 Franken bei, einer sogar nur 5. «Ich habe mich über jede Spende gefreut», sagt Aegerter. Als Gegenleistung bot er je nach Höhe des Betrags Kleber und Postkarten, Tassen mit seinem Konterfei und Videobotschaften an, signierte auch Bilder.

Und für 5000 Franken hätte jemand ein Wochenende als Grid-Girl an Aegerters Seite verbringen dürfen. Blöderweise erwies sich der edle Spender dieser Summe als männlich. Er wird nicht im engen Mini auf der Rennstrecke stehen, darf den Berner Fahrer aber drei Tage lang an einem GP begleiten.

Aegerter ist überwältigt vom riesengrossen Erfolg bei der Geldsuche. «Das ist sensationell», sagt er, «und eine Verpflichtung für mich.» Er spricht von einem Crowdfunding-Weltrekord für Einzelsportler. «Darauf bin ich stolz.» Die wirtschaftlichen Sorgen aber sind nicht verschwunden, noch immer fehlt Geld, um alle hohen Kosten für Tests, Reisen, Material zu decken. Alles ist finanziell eng gestrickt, Aegerter spricht von Lohnverzicht. «Ich fahre gratis», sagt er, «aber das ist es mir wert. Ich habe noch viele gute Jahre als Fahrer vor mir.»

Raus aus dem Mittelmass

Aegerter ist nach dem Aufstieg Tom Lüthis in die Moto-GP-Klasse und dem Abgang Jesko Raffins der einzige Schweizer in der Moto 2. Sein ausgeprägter Renninstinkt ist legendär, allerdings muss er sich bezüglich Detailpflege verbessern, um endlich den Sprung aus dem Mittelmass in die Top 5 zu realisieren. Und das ist sein Ziel.

Aegerter ist immer noch kein Tüftler, er steigt auf die Maschine und gibt Gas, so kann man das sehen. Die schwachen Testresultate sind kein Schock, aber vor dem Saisonstart am übernächsten Wochenende in Katar doch ein Dämpfer. «In Katar zählt es», sagt Aegerter. «Dann muss ich liefern.»

Der Alltag hat ihn wieder, die Überlebenswochen sind zu Ende. Und doch kämpft er 2018 erneut um seine Zukunft. Aegerter benötigt dringend starke Leistungen, am besten sofort, auch damit sein Traum von der Moto GP in Erfüllung gehen kann. Im Februar öffnete sich überraschend ein Türchen nach oben, möglicherweise hätte Aegerter Unterschlupf gefunden in einem Moto-GP-Team. «Aber das kam für mich nie in­frage», sagt er. «Ich hätte Fans, Projekt und Kiefer-Team im Stich gelassen.»

Berner Zeitung

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