Die Formel 1 hat wieder einen Schumacher

Mick Schumacher bringt einen grossen Namen zurück in die Formel 1 und zu Ferrari – vorerst für Tests.

Mick Schumacher, 20, zieht die Aufmerksamkeit auch als Nachwuchsfahrer auf sich – weniger wegen seines Talents, von dem er reichlich hat, als wegen seines Namens. Foto: Andrej Isakovic/AFP

Mick Schumacher, 20, zieht die Aufmerksamkeit auch als Nachwuchsfahrer auf sich – weniger wegen seines Talents, von dem er reichlich hat, als wegen seines Namens. Foto: Andrej Isakovic/AFP

René Hauri@tagesanzeiger

Der junge Mann am Tisch tut alles dafür, uninteressant zu sein. Er floskelt munter vor sich hin, weicht Fragen aus, wiederholt sich, wo er eine Möglichkeit sieht. Und doch wendet sich keiner ab, lauschen Dutzende seinen Worten. Vielleicht kommt ja noch etwas, die grosse Schlagzeile. Es kommt nichts.

Es ist Donnerstag in Bahrain. Das Team Prema hat zum Termin geladen. Prema? Formel 2? Nachwuchs? Wen interessiert das an einem Wochenende, an dem die Formel 1 gleichenorts ihre Runden dreht? Niemanden. Für gewöhnlich. Doch diese Woche im Wüstenstaat ist nicht gewöhnlich, da lockt dieser 20-Jährige die Journalisten zuhauf an seinen langen Tisch im Fahrerlager. Die Handys und Aufnahmegeräte stapeln sich. Weniger wegen seines Talents, von dem er reichlich hat, als wegen seines Namens. Mick Schumacher heisst der Mann mit der rot-weissen Mütze. Er ist Rennfahrer. Und Sohn. Sohn von Michael Schumacher.

Es ist ein Name, der noch immer die grossen Emotionen weckt in der Welt des Motorsports, der die Bilder hochkommen lässt von einst, als der Deutsche mit markantem Kinn und leichtem Hang zur Arroganz in seinem roten Auto tun konnte, was er wollte, und einfach immer gewann. Die Erinnerungen an Zweikämpfe am Rande des Erlaubten und darüber hinaus. An grosse Triumphe, an Skandälchen und Skandale. Michael Schumacher war die Formel 1, damals, in den frühen 2000er-Jahren. Kurz zuvor war er Vater geworden.

Fast 20 Jahre später sitzt dieser Bub von einst, der nichts mitbekam von der goldenen Ära der Scuderia mit seinem Vater als Star, ausgewachsen und aufgeweckt an diesem Tisch. Und wird von der Vergangenheit eingeholt, die nicht seine ist.

Warum wohl so viele gekommen seien, um ihm zuzuhören, wird er gefragt. Schumacher junior sagt: «Wegen der Formel 2.» Nur nichts Falsches sagen, nur nicht von sich aus auf seinen berühmten Papa zu sprechen kommen. Oder auf Ferrari. Oder gar auf beides. Diese Kombination aus Schumacher und Ferrari bietet auch ohne sein Zutun Stoff für Geschichten.

Die Ferraristi erleben Ostern und Weihnachten zugleich

Am Dienstag werden die Namen Schumacher und Ferrari wieder nebeneinander aufleuchten auf den Zeitenmonitoren der Formel 1 – 13 Jahre nach dem Abgang des Rekordweltmeisters (7 Titel) bei den Italienern. Im Januar wurde Mick Schumacher aufgenommen in die Nachwuchsakademie des traditionsreichsten Rennstalls. Bei den Tests in Bahrain wird er sich ans Steuer des roten Wagens setzen, ehe er am Mittwoch für das Schweizer Team Alfa Romeo ins Cockpit sitzt.

«Die Formel 1 ist sehr hart»: Michael Schumachers letztes Interview kurz vor seinem Skiunfall. Video: PD

Es dürfte manchem Ferraristi vorkommen, als wären am Dienstag Ostern, Weihnachten und Geburtstag zugleich. Dem Enthusiasmus soll Mick Schumacher nicht zusätzlichen Auftrieb verleihen, indem er sich in Schwärmereien verliert. Es scheint zumindest, als wäre das der Plan gewesen vor dem Medientreffen. Der Deutsche hält sich vorbildlich daran. Ein Beispiel. Frage: Ist ihm die Aufregung um den Test am Dienstag nicht zu viel? Antwort: «Ich freue mich auf jeden Fall auf die Formel 2.»

Nebenschauplätze sein lassen

Sabine Kehm dürfte zufrieden sein mit dem floskelreichen Auftritt des jungen Schumachers. Die 54-Jährige war schon Managerin des Seniors, ist das nun vom Sohnemann. Dieser soll sich auf seinen Job als Rennfahrer konzentrieren und die Nebenschauplätze, die drohen überhand zu nehmen, Nebenschauplätze sein lassen. Erst recht, weil die Situation, in der sich die Schumachers seit mittlerweile über fünf Jahren befinden, eine besonders diffizile ist.

Bei einem Skiunfall erlitt Michael Schumacher schwere Kopfverletzungen – seither setzt die Familie alles daran, dass keine Informationen über dessen Gesundheitszustand nach aussen dringen. Das gelang bislang auf wundersame Weise. Es soll so bleiben.

Deshalb sind Fragen nach Michael Schumacher wenn nicht tabu, dann zumindest unerwünscht. Sie kommen dennoch. Mick Schumacher sagt dann: «Ich bin froh, dass er mein Vater ist. Ohne ihn wäre ich sicher nicht die Person, die ich heute bin. Zu dem, was er in der Formel 1 erreicht hat, schaue ich auf.» Klingt routiniert, er ist Fragen nach seinem Vater ja auch gewohnt. Jüngst sagte er an anderer Stelle: «Ich hatte Zeit, in diese Position hineinzuwachsen.»

Heute steht ein Schumacher auf der Poleposition

Schumacher, im waadtländischen Vufflens-le-Château und ab 2008 in Gland am Genfersee aufgewachsen, wurde sachte auf die Aufgabe vorbereitet. Mick Schumacher gibt es erst seit vier Jahren, zumindest offiziell. In den Kartserien startete er mit dem vorehelichen Namen von Mutter Corinna als Mick Betsch. Später als Mick Junior. Wer die Identität preisgab, hatte mit juristischen Folgen zu rechnen. Erst 2015, beim Eintritt in den Formelsport, mussten die Schumachers das Versteckspiel aufgeben.

Seither hat der Junior einen rasanten Aufstieg hinter sich. Er wurde Zweiter in der deutschen und der italienischen Formel 4, im Vorjahr gewann er die Gesamtwertung der Formel 3. Und gestern also hatte er eine Stufe höher seine Premiere, in der Formel 2, dem Sprungbrett in die ganz grosse Welt des Motorsports. Er wurde Achter.

Heute findet das Sprintrennen statt. Und weil dort die ersten acht des Vortages in umgekehrter Reihenfolge starten, steht ein Schumacher auf der Poleposition. Wenn das keine Bilder im Kopf auslöst.

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