Die Unfassbare

Monisha Kaltenborn ist seit 2012 Mitbesitzerin und Chefin des Sauber-Teams. Und die umstrittene Figur im ständigen Existenzkampf.

Viel Aufmerksamkeit der unangenehmen Art gebührt Monisha Kaltenborn und Sauber beim ersten GP der Saison. Fotos: Mirko Stange (Race-Press/EQ Images)

Viel Aufmerksamkeit der unangenehmen Art gebührt Monisha Kaltenborn und Sauber beim ersten GP der Saison. Fotos: Mirko Stange (Race-Press/EQ Images)

René Hauri@tagesanzeiger

Monisha Kaltenborn kann nicht anders. Auch jetzt nicht, in dieser wohl schwierigsten Phase ihrer beruflichen Karriere. Wenn sie gerade nicht schweigt, sagt sie Dinge wie: «Es wurden bestimmte Vorgaben gemacht, und gemäss denen handeln wir jetzt. Die Situation war eine Zeit lang unklar.» Das antwortete sie an der Presse­konferenz in Melbourne, als sie auf den Rechtsstreit mit Giedo van der Garde angesprochen wurde, den der Holländer gewann und sich damit theoretisch ein Cockpit im Sauber C34 erkämpfte. Weil in der Nacht auf heute der nächste Termin vor dem Obersten Gerichtshof des australischen Bundesstaates Victoria anstand, ist es verständlich, dass die Teamchefin sich zurückhaltend äusserte. Nur hält sie das eben stets so.

Kaltenborn ist die Meisterin verklausulierter Sätze. Das mag in der Welt der Formel 1 durchaus von Vorteil sein, in der ein falsches Wort schnell grosse Auswirkungen haben kann. Das macht es in der öffentlichen Wahrnehmung aber so schwierig, sie zu fassen. Sie zu verstehen. Nachzuvollziehen, wie sie das Unternehmen führt. Welche Visionen, welche Ziele sie hat. Mit welchen Problemen sie kämpft. Und eben auch: Wie es um den Traditionsrennstall steht. Und das bietet Nährboden für Spekulationen in alle Richtungen.

Peter Sauber schweigt

Als Patron Peter Sauber sich in der Sendung «Sportpanorama» am 7. Juli 2013 noch einmal an die Öffentlichkeit wandte und unter anderem sagte «Wir hangeln uns von Ast zu Ast» oder «Unsere Mittel sind sehr beschränkt. Sie gehen uns aus», mag das für ihn äusserst unangenehm gewesen sein, und er hat seine Worte hinterher auch bereut. Nur waren sie eben ehrlich, machten die Lage, die für Sauber seit dem Rückkauf von BMW 2009 immer ungemütlicher wurde, greifbar, ­vorstellbar.

Er selber aber sah seinen Auftritt im Fernsehstudio offenbar als derart grossen Fehler an, dass er sich nur noch selten zum Zustand des Teams äusserte und seit über einem Jahr gar nichts mehr dazu sagt. Dieses Feld hatte er offiziell schon am 11. Oktober 2012 Kaltenborn überlassen, der er seinen Posten als Teamchef übergab, nachdem er ihr bereits ein Drittel der Anteile verkauft hatte. Eben auch, weil er sich zurücknehmen wollte. Vor allem aber, weil er in ihr die richtige Nachfolgerin sah.

Die Österreicherin schien prädestiniert dafür. Schliesslich arbeitete die gelernte Juristin und zweifache Mutter seit 2000 in der Rechtsabteilung des Teams, wurde ein Jahr später in die Geschäftsführung aufgenommen und leitete diese ab 2010. Sie brachte die ideale Ausbildung, ausreichend Kenntnisse über das Unternehmen und die Formel 1 mit. Nichts deutete darauf hin, dass sie mit Sauber in so kurzer Zeit in derartige Schwierigkeiten geraten könnte – und dann erst noch juristische.

Mehr als eine Peinlichkeit

Die 43-Jährige beteuert, alles «sorgfältig» geprüft zu haben, bevor sie den Brasilianer Felipe Nasr und den Schweden Marcus Ericsson verpflichtete und Van der Garde kurzerhand ausbootete. Und wohl auch den Deutschen Adrian Sutil, der ebenfalls behauptet, über einen Fahrervertrag für 2015 zu verfügen.

Fakt ist, dass sowohl ein Schieds­gericht in Genf als auch der Gerichtshof in Australien dem Holländer recht gaben. Das wirft ein mehr als schlechtes Licht auf Kaltenborn und den Rennstall. Einmal mehr.

Es ist noch nicht lange her, da präsentierte sie als Lösung aus der finanziellen Not einen Deal mit russischen Partnern. Geld floss letztlich nie. Und sie stand als grosse Verliererin da. Jetzt ist das nicht anders.

Entsprechend werden die Stimmen lauter, die sie zum Rücktritt drängen wollen. Ein allfälliger Nachfolger müsste sich allerdings diese Frage stellen: Kann ein Teamchef eines klammen Rennstalls Angebote wie diejenigen aus Russland, von Nasr oder Ericsson ausschlagen? Kaltenborn hat es nicht getan. Allerdings hat sie zweimal Umstände und Folgen falsch eingeschätzt – einmal gar die rechtlichen. Und das ist, gerade für sie, mehr als eine Peinlichkeit.

Allein Peter Sauber muss ent­scheiden, ob Kaltenborn noch die richtige Person ist, um sein Lebenswerk ­fortzuführen.

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