Nasr und der brasilianische Traum

Der 22-jährige Sauber-Pilot lanciert seine Formel-1-Karriere mit Rang 5 in Melbourne – Ericsson wird Achter.

Neuling Felipe Nasr bescherte Sauber zusammen mit Marcus Ericsson den bisher besten WM-Start. Foto: Brandon Malone (Reuters)

Neuling Felipe Nasr bescherte Sauber zusammen mit Marcus Ericsson den bisher besten WM-Start. Foto: Brandon Malone (Reuters)

René Hauri@tagesanzeiger

Emerson Fittipaldi, Nelson Piquet, Ayrton Senna. Klingende Namen. Oder vielmehr: sagenumwobene Helden. Verehrt bis heute. Vor allem in ihrer Heimat ­Brasilien, vom motorsportverrückten Volk, das sich gern an die Zeiten erinnert, als es regelmässig Formel-1-­Welt­meister hervorbrachte. Und sich seit langem nach weiteren Erfolgen sehnt.

Junge Rennfahrer bekommen das zu spüren. Bei Felipe Nasr, dem neuen Sauber-Piloten aus der Hauptstadt Brasília, ist das nicht anders. «Es gibt an jeden brasilianischen Fahrer hohe Erwartungen, weil wir eine grosse Geschichte haben», sagt er. Zum WM-Start tat er nichts dafür, die Erwartungen in seinem Fall zu schmälern. Nasr verblüffte bei seinem allerersten Auftritt auf der grossen Bühne mit Rang 5. Monisha Kaltenborn, seiner neuen Chefin, fiel nach dem Grand Prix von Australien nichts ein, was er hätte besser machen können. Es war der perfekte Start in seine Formel-1-Karriere.

Fittipaldi, Piquet, Senna, sie alle waren älter bei ihrem Debüt als der 22-Jährige. Und keiner war gleich so gut klassiert wie er. Überhaupt ist noch kein Brasilianer in seinem ersten Rennen besser gewesen als Nasr. Und das nach einer ­desaströsen Saison für Sauber. Nach den juristischen Streitereien letzte Woche mit Giedo van der Garde, der Nasr und Marcus Ericsson vor Gericht das Cockpit streitig machte. Die Antwort: Der Brasilianer und der Schwede bescherten dem Schweizer Team 14 Punkte und den besten Saisonstart seiner Geschichte.

Nasr schwärmt von Sauber

Dabei befürchtete Nasr kurz nach dem Start, sein Rennen sei beendet, als er in einem Gerangel Pastor Maldonados Lotus touchierte. Aber es wurde das stärkste ­Ergebnis eines Sauber-Fahrers seit dem 6. Oktober 2013 und dem 4. Platz von Nico Hülkenberg in Südkorea. Und Nasr hat die ­Gewissheit, dass der C34 schnell ist.

Das hat er schon nach der letzten Testfahrt in Barcelona vor zwei Wochen geahnt, als er sich «überrascht» zeigte von den grossen Fortschritten am Auto. Befürchtungen, dass ihm bei Sauber ein ähnlich schwieriges Jahr bevorstehen könnte wie Adrian Sutil und Esteban ­Gutiérrez 2014, hatte er ohnehin nie. «Es gab im letzten Jahr die Regeländerung mit neuen Motoren. Das Team hat diese Erfahrungen nun gemacht, und ich wusste, dass das Auto besser sein würde», sagt er. Überhaupt habe er nicht gezögert, als das Angebot aus Hinwil kam. «Sauber ist bekannt dafür, neue Fahrer in der Formel 1 zu installieren. Und die Leute helfen mir auch, alles besser zu verstehen. Ich fühle mich hier wie zu Hause», schwärmt Nasr, der im letzten Jahr Testfahrer bei Williams war und wechselte, weil ihm dort kein Stammplatz angeboten wurde.

Diesen erkaufte er sich bei den Schweizern mit kolportierten 20 Millionen Franken der Banco do Brasil. Ein Problem darin sieht er nicht. «2009 bekam ich ein Angebot von Red Bull, um Teil des Nachwuchsprogramms zu werden. Was wäre denn anders gewesen, wenn Red Bull mich bezahlt hätte statt ein Sponsor?», fragt Nasr, der die Offerte ausschlug. «Ohne Unterstützung schafft es keiner in die Formel 1, sei es von reichen Verwandten, Rennställen oder eben Sponsoren.» Und mit der Banco do Brasil fühle er sich «viel freier», als wenn er von einem Team abhängig wäre. «Zudem war es auch ihr Traum, einst in die Formel 1 zu kommen, als sie mit mir 2011 eine Partnerschaft eingingen», sagt Nasr. Er hatte damals gerade die britische Formel-3-Meisterschaft gewonnen und fand letztlich über die Nachwuchsserie GP2 den Weg in die Königsklasse.

Die härteste Entscheidung

Dieser Weg begann bereits, als er als kleiner Bub mit Vater und Onkel an die Rennstrecken ging, wenn deren Team Amir Nasr Racing im Einsatz war. «Diesen Sport mitzuerleben, war für mich so ­anders, viel attraktiver als Fussball oder Tennis», erinnert er sich. Als Sieben­jähriger sass er erstmals in einem Kart.

Nach sieben Jahren im Kartsport und einer Saison in der amerikanischen ­Formel BMW wechselte er 2009 zum europäischen Pendant und zog ins italienische Novara, seit 2010 lebt er in London. «Die Entscheidung, mit 16 von zu Hause auszuziehen, war die härteste meines ­Lebens. Aber ich wusste, dass ich das tun muss, um meinen Traum wahrzu­machen», sagt Nasr. Das hat er geschafft.

In seiner Heimat wird man schon jetzt von viel mehr träumen.

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