Paydriver, Fahrschüler, Persona non grata

Im australischen Melbourne beginnt am Sonntag die Formel-1-Saison. Mercedes dürfte in Down Under erneut ganz oben stehen, das Schweizer Sauber-Team kämpft derweil an zwei Fronten.

Auf dem Rundkurs in Melbourne wird der erste GP-Sieger der WM 2015 gekürt – das Schweizer Sauber-Team droht baden zu gehen.

Auf dem Rundkurs in Melbourne wird der erste GP-Sieger der WM 2015 gekürt – das Schweizer Sauber-Team droht baden zu gehen.

(Bild: Imago)

Favoriten: Schnell, schneller, Mercedes. Lewis Hamilton oder Nico Rosberg? Nico Rosberg oder Lewis Hamilton? Kaum ein Experte traut einem anderen Piloten den Titel zu. Bernie Ecclestone liess verlauten, er würde sein ganzes Geld auf einen neuerlichen Mercedes-Triumph setzen. Zur Information: Das Vermögen des Alleinherrschers in der Formel 1 wird auf 3,8 Milliarden Franken geschätzt.

Die Silberpfeile dominierten die Wintertests, waren der Konkurrenz um mindestens 0,8 Sekunden pro Runde voraus. Der Krieg der Sterne – die Jugendfreunde Hamilton und Rosberg mögen sich nicht mehr, sticheln bei jeder sich bietenden Gelegenheit – geht in die nächste Runde. «Die fahren in einer anderen Dimension», meinte Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo gegenüber «Spiegel online». Wie Sebastian Vettel (Ferrari) sowie die Williams-Crew um Felipe Massa und Valtteri Bottas gilt der Australier als Anwärter auf Platz drei.

Sauber: Dreckiges Spiel mit van der Garde. 19 Rennen, 0 Punkte – der Sauber-Rennstall hat ein miserables Jahr hinter sich. Anlass zur Hoffnung auf bessere Tage respektive schnellere Zeiten geben die Tests. Die Piloten Felipe Nasr und Marcus Ericsson gelten als «Paydriver», ins Cockpit steigen dürfen sie nur dank entsprechender Mitgift. Gemäss Medienberichten soll Ericsson pro Jahr 20 Millionen Franken bezahlen, Nasr brachte die Banco do Brasil als Sponsor mit.

So weit, so gut. Wäre da nicht Giedo van der Garde. Drei Prozesse hat er gegen Sauber gewonnen, sich den Start erstritten. Der Holländer war in der vergangenen Saison nicht rechtmässig entlassen worden, besitzt einen gültigen Vertrag. Ob er am Sonntag tatsächlich fahren darf, war bei Redaktionsschluss ungewiss; die erforderliche Superlizenz hat er offenbar zu spät beantragt. Wie auch immer: Spätestens beim zweiten Rennen wird Nasr oder Ericsson weichen müssen, das juristische Hickhack dürfte andauern und könnte den Rennstall in existenzielle Nöte bringen. Der Imageschaden ist gewaltig, für Chefin Monisha Kaltenborn – eine Juristin – ist das Theater äusserst peinlich. Abstrus erscheint die Tatsache, dass künftig die Persona non grata für Sauber fahren wird. Das Auto ist nicht auf den 29-Jährigen abgestimmt, «ihn fahren zu lassen, wäre ein tödliches Risiko», meint Saubers Anwalt Rodney Garrat. Van der Garde seinerseits strengte eine Beschlagnahmung des Sauber-Materials an für den Fall, dass ihm die Teilnahme verweigert würde. Wegen rufschädigender Äusserungen soll er zudem Privatklage gegen Kaltenborn eingereicht haben.

Autos: Operation an der Nase. Je leichter, desto schneller – im letzten Jahr gab es in der Szene einen Diät-Wahn. Adrian Sutil etwa ass zwei Tage lang nichts, verzichtete während einiger Rennen gar aufs Mitführen der Trinkflasche. Nun wurde das Mindestgewicht von Auto und Fahrer um 11 Kilo auf 702 Kilogramm angehoben.

Wurden die Boliden in der letzten Saison wegen der speziellen «Nasen» als Staubsauger und Ameisenbären bezeichnet, sehen die stärker abgesenkten Frontpartien nun ästhetischer aus. Zudem geht es lärmiger zu und her – den erhöhten Drehzahlen sei Dank.

Regeländerungen: «Unsafe Release» und «Safety Car». In Abu Dhabi, wo die WM endet, gibt es keine Punkteverdoppelung mehr. «Unsicheres Losfahren» («Unsafe Release») nach einem Boxenstopp wird nun mit einer 10-Sekunden-Strafe sanktioniert. Zudem wurden fünf Rennen um eine Stunde nach vorne verschoben. Die Massnahme soll helfen, das Risiko widriger Witterungsbedingungen zu minimieren.

Die wesentlichste Änderung ist jedoch die Einführung des virtuellen Safety Cars (VSC). Er kommt zum Einsatz, sobald Fahrer oder Offizielle in Gefahr geraten, die Umstände aber nicht derart dramatisch sind, dass eine wirkliche Safety-Car-Phase nötig ist. Auf den Leuchttafeln entlang der Strecke erscheinen in diesem Fall die Buchstaben VSC, die Piloten müssen das Tempo der Vorgabe entsprechend drosseln.

Kurioses: Max und Manor. Er ist erst 17 und hat keinen Führerschein. Max Verstappen aber wird am Sonntag in der Königsklasse des Motorsports debütieren – als Jüngster in der Geschichte. Toro Rosso engagierte den PS-Teenie aus Holland trotzdem, die Kritik liess nicht auf sich warten. «Das ist schlimmer, als wenn man einem Buben zum Geburtstag einen Ferrari schenkt», erzählte Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve in einer britischen TV-Sendung. Da und dort wird Verstappen als «Fahrschüler» bezeichnet.

Aufruhr gibt es auch um die Hinterbänkler von Marussia, welche die letzte WM dank zwei Punkten im Chaosrennen von Monaco tatsächlich vor dem Sauber-Team beendeten. Dennoch meldeten die Briten im Herbst Insolvenz an. Nun sind sie wieder da, aus Marussia wurde Manor. Gefahren wird mit einem aufgemotzten Wagen aus der letzten Saison, der Zeitverlust dürfte gewaltig sein. Die WM-Anmeldung erfolgte erst vor Wochenfrist, die Crashtests bestand die Equipe bei letzter Gelegenheit. Und Roberto Merhi, der zweite Pilot, wurde vor drei Tagen engagiert – die Vorbereitung hätte, höflich formuliert, besser verlaufen können

Berner Zeitung

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