Schumacher – ein Sohn weckt Träume

Er hat einen grossen Namen, viel Talent und ist Seriensieger: Der 19-jährige Mick Schumacher lässt Nostalgiker hoffen und Gegner verzweifeln. 

Unterwegs Richtung Spitze? Mick Schumacher, Sohn des siebenfachen Weltmeisters. Foto: babiradpicture -abp

Unterwegs Richtung Spitze? Mick Schumacher, Sohn des siebenfachen Weltmeisters. Foto: babiradpicture -abp

René Hauri@tagesanzeiger

Plötzlich stand Mick Schumacher in der Schummelecke. Als müsste er unbedingt auch noch mit diesem unrühmlichen Teil der sagenhaften Karriere seines Vaters konfrontiert werden, der sich in den dunklen Momenten seines Schaffens wegen unfairen Verhaltens auch einen zweifelhaften Ruf erkämpft hatte.

In dieser Woche war es Daniel Ticktum, der Schumacher junior dorthin drängte, ein junger Brite, von Red Bull gefördert, Gegner des Deutschen in der europäischen Formel 3 – und gerade ziemlich frustriert, weil mächtig in den Schatten gestellt vom Mann mit dem klingenden Namen. Dieser schien auch in seinem zweiten Jahr in der Nachwuchsklasse keine grosse Rolle zu spielen – bis er in Spa zur Saisonhälfte sein erstes Rennen gewann und von den zwölf folgenden Läufen deren sieben.

Es gelang ihm der Hattrick am Nürburgring mit Siegen in allen drei Rennen. Am vergangenen Wochenende in Spielberg gabs die Plätze 1, 1 und 2. Er überholte Ticktum in der Gesamtwertung und reist Mitte Oktober mit 49 Punkten Vorsprung zu den letzten drei Rennen in Hockenheim. Vor dem Triumph in Spa hatte er einen Rückstand von 67 Punkten.

Schummelei!

Der Wandel mag wundersam sein, Ticktum nennt ihn «interessant». Gegen Schumacher und dessen Prema-Teamkollegen ­Robert Shwartzman habe nun plötzlich keiner mehr eine Chance, schrieb der Brite auf Instagram. Zwischen den Zeilen stand in Grossbuchstaben: Schummelei! Sein Eintrag war Ticktum hinterher selbst nicht mehr geheuer. Er löschte ihn, versuchte, die Wogen zu glätten – und tat das Gegenteil. Er habe nur darauf hinweisen wollen, dass die Siege «aus dem Nichts» gekommen seien, schrieb er. Der Nachsatz: «Ich kämpfe einen verlorenen Kampf, weil mein Nachname nicht Schumacher ist.»

Es ist der Fluch, mit dem Söhne berühmter Väter leben müssen – etwa auch Micks Cousin David Schumacher, Sohn von Ralf Schumacher, Michaels Bruder. Der hat eben die Rookie-Wertung in der Formel 4 gewonnen. Sie werden bevorteilt, müssen nicht kämpfen, die Türen öffnen sich von alleine – heisst es über sie.

Die Schumachers wussten, was auf ihre Söhne zukommt, wenn die auf ihren Spuren wandeln, die mediale Aufregung, der Neid der Gegner. Mick Schumacher gibt es daher erst seit drei Jahren. In den Kartserien war er als Mick Betsch unterwegs, dem vorehelichen Namen von Mutter Corinna, später als Mick Junior. David Schumacher startete als David Brinkmann, dem Mädchennamen seiner Mutter Cora. Wer ihre Identität in den Medien preisgab, hatte mit juristischen Konsequenzen zu rechnen.

Ferraris Teamchef fragt: «Wie könnten wir zu so einemNamen Nein sagen?»

«Lasst unsere Kinder sein!», forderte Michael Schumacher 2008 beim Formel-1-Rennen in Spanien. Erst 2015, mit Micks Einstieg in den Formelsport, konnte das Versteckspiel nicht weitergeführt werden. Dafür galt es, ein anderes Familienmitglied vor der Öffentlichkeit zu schützen. Im Dezember 2013 hatte ­Michael Schumacher bei einem Skiunfall schwere Kopfverletzungen erlitten. Bis heute haben es die Schumachers auf verblüffende Weise hingekriegt, dass keine Informationen zu seinem Gesundheitszustand nach aussen dringen.

Von Medien ferngehalten

Auch Mick Schumacher wird weiter möglichst ferngehalten von Journalisten. Dafür besorgt ist Sabine Kehm, einst Managerin von Michael, nun auch von Mick Schumacher. Es dürfte zurzeit eine mühsame Aufgabe sein. Denn der junge Mann, im waadtländischen Vufflens-le-Château und ab 2008 im unweit gelegenen Gland am Genfersee aufgewachsen, hat mit seinen Siegen die ganz grossen Sehnsüchte der Nostalgiker entflammt.

Ein Schumacher in der Formel 1, sieben Jahre nach dem Rücktritt des Wunderfahrers und siebenfachen Weltmeisters, das wärs! Ein Schumacher wieder bei Ferrari, das wärs erst recht. Also wird Maurizio Arrivabene, Teamchef der Scuderia, schon einmal gefragt, was er denn so halte von diesem offenbar doch ganz talentierten Nachwuchspiloten, der zuvor nicht als Senkrechtstarter aufgefallen war. «Die letzten Ergebnisse waren wirklich sehr, sehr gut», sagt der Italiener, «und ich wünsche ihm eine grosse Karriere. Aber das Wichtigste ist, dass er ohne Druck lernen kann, dass man ihn in Ruhe erwachsen werden lässt. Dann sehen wir weiter.»

Er eifert dem Vater nach

Schumacher und Ferrari, wie in den gloriosen 2000er-Jahren, wie wäre das? «Wie könnten wir zu so einem Namen Nein sagen?», fragt Arrivabene zurück.

Da ist er also wieder, der Name, der Fluch sein kann, Bürde für Mick Schumacher, aber auch ein Segen, der Türen öffnet, die für andere geschlossen bleiben. Jüngst sprach er mit der BBC. Er sagte: «Natürlich hilft mir mein Name. Aber ich muss ja trotzdem zeigen, was ich kann. Ich möchte, dass ich ein richtiger Rennfahrer bin und nicht einfach nur diesen grossen Namen trage.»

Dem Vergleich mit seinem Vater wird er aber ausgesetzt bleiben. Er sucht ihn gar selber, indem er ihm nacheifert. «Ich verfolge alles, was er gemacht hat, und versuche, Dinge für mich zu übernehmen», sagt er. 

Luca Baldisserri, einst Renningenieur von Michael Schumacher in dessen Hochblüte bei Ferrari, arbeitete auch mit dem Sohn zusammen. In der «Gazzetta dello Sport» sagte er: «In manchen Aspekten ist Mick seinem Vater sehr ähnlich. Auch er will sich in technischen Belangen einbringen. Ich habe ihn am Funk sogar ein paar Mal Michael genannt. Und oft wollte er wissen, wie dieser in bestimmten Situationen reagiert hätte.»

Schumachersches Selbstvertrauen bringt der Teenager auch mit. Er sagt: «Es gibt viele Formel-1-Piloten, die von der Formel 3 kamen. Ich will ein Formel-1-Pilot werden, weil dort die Besten fahren – und genau gegen die will ich kämpfen.» Auch wenn er bereits mit Toro Rosso in Verbindung gebracht wird, das noch auf der Suche ist nach einem Fahrer für 2019, oder mit Sauber, das als Sprungbrett zu Ferrari dienen kann wie gerade erst für Charles Leclerc: Mick Schumacher dürfte erst in der Formel 3, der GP3 oder der Formel 2 beweisen müssen, ob er Leistungen wie zuletzt konstant liefern kann. Nachname hin, Nachname her.

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