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Zwei Berner, zwei Rennfahrerwelten

Der Seeländer Neel Jani und der Oberländer Simon Trummer bestreiten die Langstrecken-WM. Die Rennfahrer sprechen über die Mechanismen in der Szene und erklären, warum sie sich nicht als Konkurrenten betrachten.

Klare Hierarchie: Neel Jani hat sich auf höchster Stufe etabliert, Simon Trummer (links) eifert ihm nach.
Klare Hierarchie: Neel Jani hat sich auf höchster Stufe etabliert, Simon Trummer (links) eifert ihm nach.
Enrique Muñoz García
Die Nummer 1: Neel Jani ist als Weltmeister jener, den es zu schlagen gilt. Porsche
Die Nummer 1: Neel Jani ist als Weltmeister jener, den es zu schlagen gilt. Porsche
zvg
Neuer Bolide: Simon Trummer hat im privaten Manor-Team Unterschlupf gefunden.
Neuer Bolide: Simon Trummer hat im privaten Manor-Team Unterschlupf gefunden.
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Der eine fährt im schicken Porsche vor, der andere steigt aus einem gewöhnlichen Kombi. Der eine trägt eine mit Sponsorenlogos versehene Jacke, der andere einen Pulli, wie er ihn im Handel gekauft hat. Der eine wurde zuletzt für Werbeaktionen in die USA eingeladen, der andere ist dankbar für die sich bietende Medienpräsenz, nimmt die Stunde Anfahrtsweg zum Interviewort gerne auf sich.

Der Seeländer Neel Jani und der Oberländer Simon Trummer sind Autorennfahrer. Sie absolvieren die Langstreckenweltmeisterschaft WEC, in welche das 24-Stunden-Rennen von Le Mans integriert ist. Und doch bewegen sie sich in verschiedenen Welten.

Jani (33) steht bei Porsche unter Vertrag; er ist Weltmeister, besitzt einen sehr gut dotierten Vertrag. Trummer (27) arbeitet im Winter als Lastwagenchauffeur. Rennen fährt er für einen privaten Rennstall; dank finanzieller Mitgift, vor allem aber wegen seiner starken Darbietungen in den letzten zwei Jahren hat er eines der wenigen Cockpits erhalten. Auf der Kartbahn in Lyss entwickelt sich ein Gespräch über Geld, Status, Probleme und Tücken im Motorsport.

Im Motorsport ist das Konkurrenzdenken ausgeprägt, es gibt viel Neid und Missgunst. Wie gut verstehen Sie sich?Neel Jani: Gut, wobei wir natürlich nicht alles teilen. Wir sehen uns primär an den Rennen. Simon Trummer: Man trifft sich an Flughäfen, tauscht sich aus. Es existiert keine «Gegeneinandermentalität» unter uns Schweizern. Neel hat mir auch schon Kontakte vermittelt. Jani: Früher gab es mehr Distanz. Dank Social Media ist man enger miteinander verbunden, davon habe auch ich profitiert. Trummer:Es ist eigentlich ziemlich verrückt, wie viele gute Fahrer es in der Schweiz gibt. Wir sind ein kleines Land, haben nicht einmal eine Rennstrecke.

Warum gibt es so viele Fahrer?Jani:Seit der Jahrtausendwende gibt es einen Boom. Marcel Fässler hat mit seinen Erfolgen in der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft einiges ausgelöst. Ich durfte 2003 erstmals für Sauber in der Formel 1 testen. Da dachten sich viele: Wenn der das kann, kann ich das auch. Trummer: Ich erinnere mich ans Jahr 2005, als ich als Fan ans Formel-1-Rennen nach Hockenheim reiste. Neel fuhr im Vorprogramm gegen Nico Rosberg, das machte mir gewaltig Eindruck. Er hat mich schon beeinflusst.

Sie fahren die gleichen Rennen. Betrachten Sie sich als Konkurrenten?Jani:Überhaupt nicht. Trummer: Nicht wirklich. Jani: Wir fahren nicht in derselben Kategorie. Mein Auto ist deutlich schneller als seines, es ist kein fairer Vergleich. Die Langstrecken-WM ist in zwei Stärkeklassen (LMP1 und LMP2) unterteilt. Auf höchster Stufe duellieren sich die Werke von Porsche und Toyota, beschäftigt werden rund 300 Personen, was Formel-1-Standard ist. Angestellt sind etwa Hybrid-, Strom- und Aero­dynamikspezialisten. Bei den pro Runde rund fünf bis acht Sekunden langsameren LMP2-Boliden handelt es sich um Einheitsautos. Die Equipen bestehen aus 40 bis 50 Mitarbeitern. Trummer fährt für den Manor-Rennstall, der sich 2016 wegen Geldproblemen aus der Königsklasse zurückzog. In beiden Kategorien teilen sich drei Fahrer ein Auto. Gleich vier ehemalige Formel-1-Piloten sind in der LMP2 engagiert, was für die Bedeutung der Klasse spricht.

Wer bei einem Privatteam Unterschlupf finden will, muss Sponsoren mitbringen – richtig?Trummer: Ja, aber ich bin nicht mehr ausschliesslich Geldlieferant, ich kriege auch etwas zurück.

Geht die Rechnung auf?Trummer:Nein. Ich muss deutlich mehr bringen, als ich erhalte. Mein Ziel ist es, mittelfristig vom Sport leben zu können.

Handelt es sich um einen sechsstelligen Betrag?Trummer: Auf konkrete Zahlen will ich nicht eingehen.

Neel Jani erhält von Porsche ein Millionensalär...Jani:... was Sie alles wissen.

Wie auch immer. Simon Trummer, ist es frustrierend, wenn andere Piloten gut verdienen, Sie dagegen drauflegen?Trummer:Das sind zwei Welten, das muss ich akzeptieren. Aber ich kenne beispielsweise Marcel Fässler gut: Bevor er zu Audi kam und dreimal die 24 Stunden von Le Mans gewann, hatte er Kaffeemaschinen verkaufen müssen. Jani: Es ist ein brutaler Verdrängungskampf. Die Pyramide ist enorm steil im Motorsport. Es gibt unglaublich viele Fahrer, aber unglaublich wenige kriegen etwas zurück. Selbst in der Formel 1 gibt es Fahrer, die quasi den Lohn des Teamkollegen finanzieren.

Verspüren Sie Genugtuung, einer der wenigen Begünstigten zu sein?Jani: Ich schaue nicht auf die Konkurrenten hinab, wir stammen alle aus der gleichen Ecke. Aber das Ziel muss es sein, das Brötchen am Morgen mit dem eigenen Batzen kaufen zu können. Für die meisten wird es sehr schwierig, das viele Geld und die investierte Zeit in irgendeiner Form zurückzukriegen. Ich konnte glücklicherweise lange bei den Eltern wohnen, lernte, sehr kosteneffizient zu leben.

«Ich bin mir bewusst, dass es nicht ewig so weitergehen darf. In den nächsten Jahren will ich Licht sehen.»

Simon Trummer

Simon Trummer, wie lange geben Sie sich noch Zeit in diesem Verdrängungskampf?Trummer:Ich bin 27, für einen Langstreckenfahrer ist das kein Alter. Aber ich bin mir bewusst, dass es nicht ewig so weitergehen darf. In den nächsten Jahren will ich – muss ich Licht sehen. Jani:Motorsport ist nicht planbar. Das unterscheidet ihn vom Fussball und Eishockey, wo es viel mehr lukrative Arbeitsplätze gibt. Selbst viele Siege garantieren kein gutes Cockpit. Und manchmal braucht ein Team nicht zwingend einen superschnellen, sondern primär einen finanziell potenten Fahrer. Trummer: Allein das Verfrachten des Materials, die Flüge für die Mitarbeiter – das sind irrsinnig hohe Kosten. Mögliche neue Rennställe werden dadurch abgeschreckt. Ergo hat es wenige Cockpits für viele Fahrer. Jani: Für den Motorsport braucht es halt mehr als einen Ball (lacht).

Wie behauptet man sich als junger Schweizer in dieser Szene, sofern man keinen steinreichen Vater hat?Jani:Wir sind geniale Verkäufer. (lacht) Trummer: Man braucht ein Beziehungsnetz. Und Glück. Jani: Ich hatte Glück, dass ich schon mit 20 ins Förderprogramm von Red Bull aufgenommen wurde. Sonst wäre es bei mir nicht weitergegangen. Trummer: Viele sind von vornherein chancenlos. Ich habe einige Sponsoren. Aber vor allem unterstützt mich ein privater Investor, der im Hintergrund bleiben will. Jani:Jungs aus gutem Haus haben es einfacher – da gibt es nichts zu diskutieren. Aber es gibt viele Ausnahmen: Sébastien Buemi hat, wie ich, keine reichen Eltern. «Ume­lauere» liegt nicht drin. Man kriegt zwei, vielleicht drei Chancen. Also kann man sich kaum schlechte Tage leisten. Trummer: Weil man schlicht und einfach zu wenige Tage zur Verfügung hat. Jeder Tag in einem Rennauto kostet viel Geld.

Wäre Ihre Karriere ohne Investor vorbei, Simon Trummer?Trummer: Ich würde Probleme kriegen. Aber man kennt mich, ich würde irgendwo weiter unten einen Platz in einer Serie finden. Den Winter hindurch arbeite ich Vollzeit als Lastwagenfahrer. Wahrscheinlich müsste ich diesen Job stärker gewichten.

Neel Jani, was hat sich bei Ihnen seit dem Gewinn des WM-Titels im Herbst verändert?Jani:Die Medienpräsenz ist gesamtschweizerisch gestiegen. Auch aus England, den USA und Deutschland kriege ich Anfragen. Was auch mit Porsche zu tun hat, diese Marke polarisiert. Seit Oktober bin ich nicht oft daheim gewesen.

«Giltst du als langsam, dann ist das so. Dann wirst du in diesem Haifisch­becken gefressen.»

Neel Jani

Dafür stehen bis November zwar viele Testfahrten, aber nur neun WM-Läufe im Programm...Trummer:... ich nehme auch an ein paar Rennen in anderen Serien teil. Aber man sollte ein wenig taktieren und nicht einfach so drauflosfahren, man braucht jeweils ein gutes Auto. Sonst schadet man sich nur selbst und bleibt besser in der Garage. Jani: Die Szene ist gross – und halt doch sehr klein. Hast du mal ein bestimmtes Image, bringst du es kaum mehr weg. Reden die Leute schlecht über dich oder giltst du als langsam, dann ist das so. Dann wirst du in diesem Haifischbecken gefressen.

Beim Blick auf die Lysser Kartbahn erzählt Trummer lächelnd, er habe Janis Rundenrekord (29,6 Sekunden) längst gebrochen. An der Schweizer Meisterschaft im Zeitfahren habe er 29,1 Sekunden benötigt, nach einem Unfall aber sei das Rennen abgebrochen, die Zeit nicht anerkannt worden. Jani stichelt zurück, sagt schmunzelnd, offizieller Rekord sei nun mal offizieller Rekord, da gebe es nichts daran zu rütteln.

Auf den Vorschlag, ein Duell auszutragen, gehen die Piloten nicht ein – die Zeit drängt. Am Freitag steht in Spa das erste Training zum zweiten Saisonrennen an. Womit sich die Geschichte ändert: Während Trummer bequem im Flugzeug anreist, legt Jani die rund 600 Kilometer in die Ardennen im Auto zurück.

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