Zum Hauptinhalt springen

Der Sheriff gewinnt

US-Snowboarder Shaun White besiegt im letzten Lauf des Halfpipe-Finals seine Dämonen und ­gewinnt nach 2006 und 2010 zum dritten Mal Gold. Es soll nicht seine letzte Olympiashow gewesen sein.

Run der Super­lative vom Snowboarder der Superlative: Shaun White.
Run der Super­lative vom Snowboarder der Superlative: Shaun White.
Kin Cheung (AP)
Überwältigt: Shaun White.
Überwältigt: Shaun White.
David Ramos (Getty Images)
Die Freude bei Shaun White über seinen erneuten OIympia-Triumph ist riesig.
Die Freude bei Shaun White über seinen erneuten OIympia-Triumph ist riesig.
Lee Jin-man (AP)
1 / 3

Um Punkt 12 Uhr ist noch ein Fahrer verblieben. Shaun White steht ganz alleine zuoberst, High Noon. Da steht er, wie der Sheriff im gleichnamigen Film, der sich dem Gangster stellt, der sich angekündigt hat.

Nun ist der «Gangster» ein kleiner Japaner namens Ayumu Hirano, dieser will White die Goldmedaille streitig machen. Das Skript des Filmklassikers passt, Shaun White gibt also Gary Cooper, der bereit ist, alles zu riskieren, um seinen Titel zurückzuerobern.

Der Amerikaner fährt in die Halfpipe, fliegt auf der einen wie auf der anderen Seite weit hinaus, sich ein ums andere Mal wild drehend. Zuunterst angekommen, reisst er sich die Brille vom Gesicht, die Augen geweitet. Hat er diesen Lauf wirklich gestanden?

Band und Business statt Board

Er hat. Es folgen noch einige Momente des Wartens, bis sich die Kampfrichter entschieden haben. Dann kommt das Resultat: 97,75 Punkte, 1st Place. White sinkt in den Schnee, ungläubig sein Blick, einen Urschrei ausstossend.

«Es lähmte mich», sagt er später. Für einen langen Moment gibt es einen Einblick hinter die Fassade dieses perfekten Produkts, zu dem sich der 31-Jährige im Laufe seiner Karriere entwickelt hat.

Er rappelt sich wieder auf, geht die paar Schritte bis zu den Zuschauern. Doch als er seine Nächsten sieht, folgen weitere Brunftschreie. Jede Person will er noch stärker an sich drücken, Tränen laufen ihm über das Gesicht.

Die Freude am Snowboarden und am Wettkämpfen war auf dem Weg nach Sotschi 2014 verloren gegangen, entsprechend uninspiriert war er dort angetreten und Vierter geworden. «Ich musste erst die Liebe und Passion für meinen Sport wiederfinden», sagt White nun.

Er hatte sich die Tage mit anderen Dingen gefüllt, hatte mit einer Band getourt, den Snowboard-Event Air & Style gekauft und so absolut keinen Grund gehabt, in den Wettkampfsport zurückzukehren. Zumal nach dem Gold von 2006 und 2010 ja nur Rang 1 gut genug sein würde.

Trotzdem wollte White wieder. Doch früh folgte der erste Rückschlag, ein riesiger: Im Oktober schlug er in Neuseeland beim Cab Doublecork 1440 auf dem Rand der Halfpipe auf, die Schneekante schlitzte praktisch sein Gesicht auf, von der Nase bis zur Lippe und auch die Zunge, 63 Stiche waren nötig. 5 Tage lag er auf der Intensivstation, nachdem zwischenzeitlich seine Lunge kollabiert war.

«Was läuft?» – «Mein Ruhestand»

Über diese Momente weiss die Öffentlichkeit so genau Bescheid, weil Whites Sturz für eine Serie auf Yahoo von einer Kamera aufgenommen worden war. Kurz nach dem Sturz filmte diese Coach J.J. Thomas, dessen vom Schock gezeichnetes Gesicht. «Ob er nun aufhört? Ich glaube, es steht 50:50», sagte der.

Natürlich, sagt man im Nachhinein, natürlich hörte er nicht auf. Doch der Gedanke war in jenen Wochen im Spätherbst tatsächlich in Whites Kopf. Sechs Wochen später, Anfang Dezember, verpasste er beim ersten US-Qualifikationscontest den Final. Tags darauf lief dieser am Fernsehen, White schaute mit einem Auge hin. «Shaun, was läuft da?», fragte der Filmer. «Mein Ruhestand», lautete die Replik. Er lächelt nicht dabei.

Natürlich, sagt man im Nachhinein, natürlich war es das nicht. Souverän schaffte er die Olympiaqualifikation doch, entspannt flog er nach Südkorea, im Wissen, die Tricks zu beherrschen, die ihn zwar nicht zum riesigen Favoriten machten, ihm aber eine gute Chance auf Gold gaben.

Die letzte Bestätigung dafür erhielt er in der überlegen gewonnenen Qualifikation, die ihm das Recht gab, im Final als Letzter zu starten. Er nützte diesen Vorteil für eine Ansage. Zeigte einen blitzsauberen Lauf, über den er so happy war, dass er unten zum Jubel Helm und Brille weit wegwarf.

«Ich hoffte, dieser Run könnte schon reichen für eine Medaille», sagte White später. Dann erfuhr er, dass ihn Ayumu Hirano, der kleine, 19-jährige Japaner, im zweiten Run übertroffen hatte. White wollte kontern, doch er stürzte. Schon da war klar, dass für den Sieg nur mehr die beiden infrage kommen würden.

Ihre Höchstschwierigkeiten beherr­schte sonst keiner in diesem Feld, in dem praktisch jeder Fahrer an seine Bestleistung herankam. Hirano stürzte im dritten Lauf, konnte seine 95,25 Punkte also nicht mehr verbessern.

Alles spitzte sich auf die Schlusspointe zu, Whites allerletzten Lauf. «Ich wollte nicht am Start warten und hören und sehen, was meine Konkurrenten machten. Also fuhr ich auf der Piste nebenan rauf und runter», sagte White.

Was er noch nie gewagt hatte

Dann kam der Moment, Whites Moment. Für den Sieg würde er sich seinem Dämon stellen müssen: jenem Trick, der ihn fast sein Gesicht gekostet hätte. Im morgendlichen Training hatte er ihn bereits einmal gestanden, nun galt es, diesen gefährlichen Cab Doublecork 1440 an einen Frontside Doublecork 1440 anzuhängen.

«Ich sass oben, schaute auf die Pipe und sagte mir: Du kannst das, du hast das deine ganze Karriere lang gemacht. Dann fuhr ich los, und alle Sorgen und Ängste waren weg»

Shaun White

Also zwei Sprünge mit je zwei Saltos und insgesamt vier ganzen Drehungen in Folge. Das hatte White noch nie gewagt. «Ich sass oben, schaute auf die Pipe und sagte mir: Du kannst das, du hast das deine ganze Karriere lang gemacht. Dann fuhr ich los, und alle Sorgen und Ängste waren weg», sagt White, der auch ein begnadeter Erzähler ist.

Er fährt und fliegt und dreht und landet und wiederholt dieses Prozedere, bis er unten angelangt ist. Dann muss er warten, «eine Ewigkeit», bis das Verdikt kommt. Gold. Wie im Film siegt der Sheriff.

«Dieser Triumph, er bedeutet alles für mich», sagt White, steht auf und verabschiedet sich. Nicht für immer. Der Wettkämpfer in White ist wieder hellwach. Er denkt an Peking 2022. Und an die Sommerspiele 2020 in Tokio. Im Skateboarden war er auch schon einmal nahe der Weltklasse.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch