Der Radsport hat seinen nächsten Überfahrer

Die Art und Weise, wie Mathieu van der Poel das Amstel Gold Race gewann, ist ausserordentlich. Als nächstes fordert er Nino Schurter auf dem Mountainbike.

Wahnsinns-Finish beim Gold Race: Mathieu van der Poel sprintet als erster Holländer seit 2001 zum Heimsieg. (Video: SRF)
Emil Bischofberger@bischofberger

Was war das für ein Geräusch? Es ist dieser Urlaut, den der Mensch ausstösst, wenn sein Kopf vor lauter Überraschung nicht ganz verarbeiten kann, was er soeben erlebt hat. Tausendfach ertönt er am Sonntagnachmittag. Wann wurde die Radsportwelt letztmals so überrascht? Nein: überrumpelt?

Es ist Mathieu van der Poel, der dieses basse Erstaunen provoziert, wer sonst, muss man sagen. Van der Poel gelingt es, dem Amstel Gold Race eine geradezu kitschige Wendung zu geben. Im Sprint gewinnt er das einzige grosse Eintagesrennen Hollands, als erster Einheimischer seit 2001. Und wie sein Vater Adrie 1990, fünf Jahre bevor Mathieu zur Welt kam.

Womit das Radtalent erklärt wäre, das Van der Poel ganz offensichtlich geerbt hat. Der Vater gewann neben dem Gold Race unter anderem auch in Lüttich und Flandern – und war Quer-Weltmeister. Im Dreck hat ihn sein Sohn bereits überflügelt. Und wenn er so weitermacht, dürfte ihm das auch auf der Strasse gelingen.

Radgene von beiden Familien

Denn Radgene brachte auch die Mutter mit ein: 83 ist Van der ­Poels Grossvater mittlerweile und hat einen noch viel grösseren Namen. In diesen Tagen wurde er nach dem Enkel gefragt. «Unglaublich, unglaublich», entfuhr es Raymond Poulidor nur.

«Poupou» ist bis heute Frankreichs Liebling, geliebt, weil er stets mit Herz, aber meist vergebens kämpfte. Berühmt wurde er als ewiger Zweiter der Tour de France, achtmal beendete er die Rundfahrt auf dem Podest. Darum schweigt Poulidor auch, als er gefragt wird, ob es das holländische oder das französische Blut sei, das Van der Poel siegen lasse. Er schmunzelt nur, die Ironie der Frage realisierend.

Denn der Enkel, er ist definitiv keiner für Ehrenplätze. Das Gold Race ist der wiederholte ­Beweis dafür. Eigentlich verspielt der 24-Jährige das Rennen gut 40 Kilometer vor dem Ziel mit einer unnötigen Attacke. Prompt wird diese von Julian Alaphilippe gekontert, dem anderen grossen Favoriten. Van der Poel ist in diesem Moment zu keiner Reaktion fähig, kann nur zuschauen, wie der Franzose angreift. Souverän fährt der zusammen mit Jakob Fuglsang voraus. Es scheint klar: Die beiden machen den Sieg unter sich aus, wenige Kilometer vor dem Ziel haben sie immer noch eine Minute Vorsprung auf die Verfolgergruppe mit Van der Poel. Doch dann beginnen sie zu pokern, besonders Fuglsang, weil er im Sprint Alaphilippe klar unterlegen ist. Der lässt sich auf das Spiel ein, auch weil beide via Teamfunk informiert wurden, dass der Abstand gross genug sei.

Doch als sie sich auf der Zielgeraden umdrehen, sehen sie das Unheil nahen. In Form eines furiosen Van der Poels, der wie ein Sattelschlepper eine ganze Gruppe über die letzten Kilometer gezogen hat. Der Gedanke von Alaphilippe und Fuglsang ist derselbe wie der von allen Zuschauern: Er wird doch nicht etwa?! Er wird tatsächlich: Van der Poel ist noch fähig, einen grossen Endspurt auszupacken, dem niemand auch nur ansatzweise gewachsen ist. Danach lässt er sich entkräftet vom Rad fallen.

Er will Bike-Gold in Tokio

Wenn es noch einen letzten Beweis gebraucht hat, ist es dieses Rennen: Der Radsport hat seine nächste Überfigur. Eine Überfigur, deren Strassensaison 2019 nach 6 Siegen in 15 Renntagen fürs Erste zu Ende geht. Er macht kurz Ferien, schliesslich hat er im Gegensatz zu seinen Gegnern im Winter nicht pausiert, sondern von Oktober bis Februar auch noch 33 Querrennen bestritten. 31 gewann er.

Lange wird die Pause nicht dauern, nur das Velo wird er wechseln. Darum fährt er für das kleine Team Corendon-Circus: Weil dieses ihn machen lässt, was er will. Sprich: Radquer, Strassenrennen und Mountainbike. Auf Letzteres will sich Van der Poel eigentlich konzentrieren, die Olympischen Spiele in Tokio 2020 sind sein Ziel. Respektive die Goldmedaille, die es dort zu gewinnen gibt. Was danach passiert, scheint völlig offen. Sein Vertrag mit Corendon-Circus läuft zwar bis Ende 2023. Dass er diesen erfüllen wird, kann sich aber niemand richtig vorstellen. Die Strassenteams stehen schon jetzt mit Millionenofferten Schlange.

Vorerst dürfte das Van der Poel weniger kümmern als seine nächsten Renneinsätze. Mitte Mai folgt der Wechsel aufs Bike, am Weltcup in Albstadt. Weltmeister Nino Schurter ist sich sehr bewusst, welche Naturgewalt ihn da herausfordert.

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