Der nächste «nächste Merckx»

Remco Evenepoel heisst Belgiens jüngste Rundfahrtenhoffnung. Jüngste im Wortsinn: Er startet bereits mit 19 bei den Profis.

Gerade noch Captain der belgischen U-16-Fussballer, nun grosse Radsporthoffnung: Remco Evenepoel. Foto: Imago

Gerade noch Captain der belgischen U-16-Fussballer, nun grosse Radsporthoffnung: Remco Evenepoel. Foto: Imago

Emil Bischofberger@bischofberger

An der Neuenburger Rue des ­Beaux-Arts dreht niemand den Kopf, als der Fahrer mit der Nummer 43 vor dem Start aus dem Teambus tritt. Rennen im Ausland, so merkwürdig das auch klingt, sind für Remco ­Evenepoel eine angenehme ­Abwechslung vom heimischen Alltag. «Wenn ich daheim mit der Familie oder der Freundin unterwegs bin, wollen alle Leute ein Autogramm oder ein Foto. Das ist manchmal schon schwierig– und nicht gesund.»

Hinter der verspiegelten Sonnenbrille, im blauen Trikot des Teams Deceuninck-Quickstep geht er problemlos durch als ­abgeklärter Profi. Doch der Eindruck täuscht. Ende Januar wurde Evenepoel erst 19. Damit ist er zweieinhalb Jahre jünger als der zweitjüngste Teilnehmer dieser Tour de Romandie.

Normalerweise steigt ein Nachwuchsfahrer von den Junioren in die U-23 auf, wo er sich dann langsam den Profis annähert. Nicht Evenepoel. Ab Mitte der vergangenen Saison buhlte das halbe Worldtour-Peloton um seine Dienste, so überragend fuhr er gegen seine Alterskollegen. An der EM gewann er das Zeitfahren. «Das war kein guter Tag, ich gewann mit nur 24 Sekunden Vorsprung», sagte er kürzlich gegenüber Eurosport. Die Aussage mag arrogant klingen, wird aber durch das Resultat des EM-Strassenrennens relativiert: Das gewann er mit fast zehn Minuten Vorsprung, nachdem er direkt am Start angegriffen und die 105 ­Kilometer solo absolviert hatte.

Ein Titel, schwer wie Blei

An der WM in Innsbruck doppelte er nach. Obwohl er im Strassenrennen in der heissen Rennphase durch einen Sturz und ­Defekt aufgehalten wurde. Zwei Minuten hatten seine Gegner Vorsprung, als Evenepoel sich wieder auf sein Rad setzte. Dann fuhr er los, vom Furor angetrieben. Gruppe für Gruppe sammelte er ein, am Ende war er doch wieder Solosieger.

Die WM-Titel veränderten sein Leben endgültig. Belgien ist bekannt dafür, Ausnahmetalenten einen Titel zu verleihen, der wiegt wie Blei. «Der nächste Merckx» werden die Ausnahmekönner genannt, regelmässig verglühen sie, bevor sie nur ­ansatzweise den Prognosen gerecht geworden sind.

Entsprechend heikel ist der Weg, den Evenepoel eingeschlagen hat. Deceuninck-Quickstep ist das belgische Team schlechthin, eine Siegmaschine.

Da soll er geruhsam aufgebaut werden? Nur: Muss er das? In Argentinien startete der 19-Jährige Ende Januar in die Saison – er beendete die Vuelta da San Juan als Gesamt-Neunter. Jüngst wurde er in der Türkei gar Gesamt-Vierter. Das nennt man wohl Talent für Rundfahrten. «Er ist gut im Zeitfahren, stark am Berg – er kann definitiv ein guter Rundfahrer werden», bestätigt Davide Bramati, der Sportliche Leiter. «Aber, nicht vergessen: Er ist erst 19!»

Vielleicht erreichte Evenepoel diese Resultate auch, weil er, wie er glaubhaft versichert, in dieser Saison keinen Druck hat. «Es gibt in dieser Woche in der Romandie keine guten oder schlechten ­Resultate für mich. Und das gilt fürs ganze Jahr. Und wenn ich auf die bisherigen Rennen schaue: Die Saison fühlt sich jetzt schon wie ein Sieg an», sagt er.

Bis 2017 bloss Hobbyradler

Evenepoels Aufstieg ist einzigartig – und wird noch unglaublicher, wenn man auch noch ­seine Vorgeschichte kennt: Velofahren war bis vor zwei Jahren nur sein Hobby. Evenepoel war ein vielversprechendes Fussball-Talent, trug mit 15 in einem Spiel der belgischen U-16 gar die Captainbinde. Doch Anfang 2017 kam er zur Erkenntnis, dass ihm das Ballspiel keinen Spass mehr machte. Laufen oder Radfahren kamen für ihn als Alternative infrage. Er entschied sich fürs Velo – wie einst sein Vater, der in den 90er-Jahren Radprofi gewesen war.

Profi ist nun auch der Sohn, ein Profi auf der Überholspur. Das gilt auch im Vergleich zu seinen Fussballkollegen von einst: Nach ganz oben hat es von denen noch keiner geschafft.

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