«Da rufe ich aus: ‹Spinned die!?› – Im Radsport passiert das kaum»

Der Schweizer Sport verliert einen seiner charismatischsten Förderer. Andy Rihs war mit jedem per Du – und konnte sich furchtbar aufregen.

Andy Rihs ist 75-jährig verstorben.(Video: Tamedia, Keystone, BZ)
Emil Bischofberger@bischofberger
David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Die Tour de France ruht an jenem Montag in der Provence. Das Team BMC hat es sich im Hotel seines Eigentümers Andy Rihs gemütlich gemacht, dem weitläufigen Fünfsternanwesen La Coquillade, umgeben von den dazugehörenden Weinbergen. Zwei Pools, 35 Hektare insgesamt. «Komm doch vorbei im Coqui», antwortete Rihs, der mit jedem sofort per Du ist, auf eine Anfrage für ein Gespräch.

Also nimmt der Journalist die knapp 30 Kilometer unter die Räder, pedaliert von seinem Nachtlager nach Gargas. Wer Andy Rihs näherkommen will, muss ihn Velo fahrend erlebt haben. Beim Zürcher dreht sich alles um die zwei Räder, seit er vor 35 Jahren die Sportart für sich entdeckt hat.

Er empfängt in der leeren Hotelbar, erklärt minutenlang die Leistungen seines Rennstalls bei der Tour. Die Kurzform lautet: schlecht. Rihs würde das zwar nie so sagen. Dafür liebt er den Sport zu sehr. Es sind gewundene Sätze, in denen er leise Kritik anklingen lässt, etwa an Teamleader Cadel Evans. «Er hat halt jetzt Family. Wir sind nicht traurig deswegen. Aber wir haben uns das schon anders vorgestellt.»

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Man hört ihm durchaus gerne zu, wie er referiert, von Thema zu Thema hüpft, wie das bei Menschen, die viel sprechen, oft zu beobachten ist; in seinem Sprachmischmasch mit rollendem r – sein Züritüütsch ist mit englischen und französischen Wörtern durchsetzt.

Nervt es ihn denn nicht, wenn er sieht, wie seine Equipe, eine der drei teuersten in der Tour, untergeht? «Nein. Das ist Sport. Hässig macht mich, wenn YB liederlich spielt, wenn keine Leistung erbracht wird. Und das kann man den Radprofis ja kaum vorwerfen», sagt Rihs, zusammen mit seinem Bruder Hansueli Besitzer der Young Boys.

Sport ist die grosse Leidenschaft des Selfmade-Milliardärs aus dem Zürcher Oberland. Fussball und Rad. Oder Rad und Fussball – diese Reihenfolge trifft es eher. Der Radsport ist ihm eine Herzensangelegenheit, Fussball ist Business. Rihs ist begeisterter Gümmeler und sein Hotel, das «Coqui», beliebt bei Velotouristen. Zum Fussball kommen die Brüder 2005, als Minderheitsaktionäre von YB.

«Zägg-bum!»

Fussball mag er, weil es spontaner ist. «Viel mehr zägg-bum», wie er einst im Interview mit thunertagblatt.ch/Newsnetz sagt: «Out of the blue fällt ein Tor, und du jubelst. Im Radsport ist das anders, da bibberst du über Stunden.» Und wenn es Fussballer «fertigbringen, 27-mal am Tor vorbeizuschiessen, macht mich das ranzig. Da kann ich ausrufen: ‹Spinned die!?› Im Radsport passiert das kaum.»

Rihs fällte oft Bauchentscheide und büsste manchmal auch dafür. Beim ersten Engagement im Profiradsport mit seinem Unternehmen Phonak (heute Sonova) vertraute er auf das Gute im Velofahrer und wurde enttäuscht. Wieder und wieder. Oscar Camenzind, Tyler Hamilton, Santiago Perez, Santiago Botero und zuletzt ganz besonders Floyd Landis – Rihs verpflichtete namhafte Fahrer, und sie alle wurden als Dopingsünder entlarvt. Landis wurde 2006 der Toursieg aberkannt.

Als ihn der Amerikaner, ein strenggläubiger Mennonit, beschuldigte, über alle Vorgänge im Team ganz genau Bescheid gewusst zu haben, fühlte sich Rihs verraten und in seiner Ehre verletzt. «Er hat persönlich unterschrieben, dass er sich an unseren Code hält und nichts Illegales tut», sagte Rihs enttäuscht. Und meldete sein Team Ende 2006 vom Zirkus Radsport ab.

«Velosponsoring ist stinkbillig»

Und stieg ab 2007 doch wieder ein. Als Chef des Fahrradherstellers BMC unterstützte er ein kleines, aber ambitioniertes amerikanisches Team. 2011 gewann es mit dem Australier Cadel Evans die Tour de France, 2012 den WM-Titel. «Betrachtet man den Werbewert, ist Velosponsoring stinkbillig», sagte er einmal der «SonntagsZeitung».

Bei den Young Boys investierten die Rihs-Brüder Million um Million, mehr als 50 sind bis heute zusammengekommen. Längst sind die beiden Mehrheitsaktionäre, doch egal, wie viel Geld sie ausgegeben haben: «Ich kanns mir bis ans Ende meiner Tage leisten», sagt Andy Rihs. Nun wird ihm entgehen, wie seine Young Boys vermutlich den ersten Titel seit 31 Jahren gewinnen werden: Am Mittwochabend ist er im Kreis seiner Familie nach langer und schwerer Krankheit verstorben.

Ein Sportlergruss zum Abschied

Zurück am Ruhetag der Tour de France, zurück im La Coquillade im Dörfchen Gargas in der Provence. Andy Rihs will die Tour in den Tagen danach auch in den Alpen besuchen, so genau weiss er das noch nicht. Sicher wird er am Samstag mit seinem Privatjet nach Paris fliegen. BMC hat jeweils reservierte Plätze, direkt an der Ziellinie des grössten Etappenrennens der Welt. «Nach drei Wochen wird gefeiert, unabhängig vom Resultat», sagt Rihs.

Dann stoppt er an einem Kreisel und hält die Hand zum Abschied hin, nicht klassisch, sondern wie ein Sportler. «Hey man, vielleicht sehen wir uns in Gap», sagt er. Und pedalt davon.

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