Die velofahrende Ärztin

Die Emmentalerin Marlen Reusser ist der Shootingstar der Radszene. Als Quereinsteigerin hofft sie, ein Vorbild zu sein für Frauen, die Rad fahren.

Peter Berger@PeterBerger67

Regionalspital Emmental in Langnau. Notfallstation. Marlen Reusser erscheint kurz und bittet um etwas Geduld. Der Patient hat selbstverständlich Vorrang. Selber will die 26-Jährige aus Hindelbank wenig später im Gespräch ihre Priorität nicht festlegen. «Weder noch», sagt sie. «Im Moment will ich beides vernünftig machen. Nach viel Sport hab ich Lust, mich wieder einer kopflastigen und ganz anderen Tätigkeit widmen zu können. Umgekehrt freut es mich nach strengen Arbeitstagen, voll in den Sport zu tauchen.»

Seit November ist sie in Langnau auf der Abteilung Chirurgie als Assistenzärztin angestellt, seit diesem Jahr mit einem 50-Prozent-Pensum, was 25 Stunden Arbeit pro Woche entspricht. «Dass ich Teilzeit arbeiten kann, ist nicht selbstverständlich und ein grosses Entgegenkommen», lobt sie die Spitalverantwortlichen. So bleibt Zeit für den Sport. «Beides unter einen Hut zu bringen, ist streng. Am meisten vermisse ich ruhige Tage ohne Programm.»

Voll auf die Karte Sport setzen will Reusser vorerst nicht. «Ich bin mir bewusst: Wenn ich international erfolgreich sein will, werde ich nicht darum herumkommen.» In der Schweiz hat Reusser bereits eingeschlagen. Nach einem Jahr Hobbyrennen beantragte sie auf Druck von ihrem Trainer Bruno Guggisberg erst vergangene Saison eine Rennlizenz. «Er hat mich gezwungen», erzählt sie lachend.

Überhaupt lacht die Frohnatur während des Gesprächs immer wieder herzhaft. Vor zwölf Monaten gab sie dann ihr Debüt. Bereits im Juni wurde sie mit grossem Vorsprung Schweizer Meisterin im Zeitfahren. «Das Jahr 2017 war für mich eine Wundertüte. Ich hätte nie erwartet, dass ich an der EM und WM starten würde.» Reusser gesteht, dass sie den Aufstieg noch gar nicht richtig realisiert habe.

Sie ist zwar Mitglied des RV Ersigen, einem Team gehört sie jedoch nicht an. Die Trainercrew wurde neben Guggisberg mit dem erfahrenen Marcello Albasini erweitert. Ausgerüstet wird sie weiterhin vom Fachgeschäft Schaller Radrennsport. Neu gehört sie dem Nationalkader von Swiss-Cycling an. «Ich habe keine Ahnung, wie sich das alles noch entwickeln wird», sagt sie. «Ich verstehe das Radsportbusiness eigentlich noch überhaupt nicht.»

Vielseitig begabt

2014 gewann Reusser das Alpenbrevet über die Pässe Grimsel, Furka und Susten. Sie fährt auch auf der Bahn. Nur die Strassenrennen findet sie nicht so toll. «Ich war schockiert, wie man da mit den Ellenbogen in die Strassengräben gedrängt wird. Das ist krass.» Ihr fehledie Technik und Taktik, sagt sie. Anders im Zeitfahren. Da kann sie ihre grosse körperliche Leistungsfähigkeit umsetzen. «Über längere Zeit drücken und Vollgas geben», nennt sie das.

Fakt ist, dass Reusser vielseitig begabt ist. Sie war eine erfolgreiche Läuferin, bis sie orthopädische Probleme stoppten. Als leidenschaftliche Geigenspielerin studierte sie an der Hochschule für Künste. Sie amtete als Kantonalpräsidentin der jungen Grünen. Eigentlich hat sie sich aus der Politik zurückgezogen, steht im Emmental nun aber trotzdem auf der Kandidatenliste der Grünen für den Grossen Rat. Dies, um ihre Sinnesgenossen zu unterstützen. Gewählt werden möchte sie nicht.

WM als Hauptziel

Lieber möchte sie als Radfahrerin etwas bewegen. «In der Schweiz bin ich bloss herausragend, weil es fast keine Frauen in diesem Sport gibt. Dabei ist Velofahren in vielerlei Hinsicht eine tolle Sache, auch als Verkehrsmittel oder für die Gesundheit.» Sie glaubt, dass es viele Frauen wie sie gibt. «Aber viele trauen sich nicht, an Rennen teilzunehmen.» Sie hofft, dass sie Nachahmerinnen findet und die Kultur des Radsports auflebt. Als Saisonziel bezeichnet sie die WM im Zeitfahren in Innsbruck. «Ich bin gespannt, wie ich mich verbessern kann.» 2017 erreichte sie an der EM und an der WM jeweils den 28. Rang. «Es geht mir vor allem darum, schneller zu werden. Diesbezüglich bin ich auf einem guten Weg.»

Das Telefon läutet. Marlen Reusser muss zurück in den Notfall. Eines steht fest: Vor der Operation Titelverteidigung an der Zeitfahr-SM im Juni stehen für sie im Spital noch andere Operationen an.

Berner Zeitung

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