Er wäre auch ohne zweiten Sieg glücklich

Wenn Geraint Thomas seinen Titel nicht verteidigen kann, möchte er, dass Teamkollege Egan Bernal siegt.

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Emil Bischofberger@bischofberger

So unglamourös kann der Radsport sein: Am frühen Dienstagabend vor zwei Wochen fand sich der Favorit für das grösste Radrennen der Welt plötzlich auf dem Hintern wieder, am Rand der Arlesheimer Talstrasse. Geraint Thomas war unverschuldet gestürzt. Sein Blick leer, Blut tropfte von seinem Kopf. Platzte in diesem Moment sein Tour-de-France-Traum? Doch etwas fehlte zum typischen Velofahrer-Unglück: Klassisch ist in diesem Moment der Griff der unversehrten Hand an die so fragile Stelle zwischen Schulter und Hals, wo das Schlüsselbein ist, das meist das schwächste Glied darstellt und bricht, wenn ein Rennvelofahrer zu Boden geht.

Thomas tat wohl der ganze Körper weh, und aus der Platzwunde ob der Augenbraue tropfte weiter Blut. Doch sein Schlüsselbein schien unversehrt geblieben. Und damit waren es, wie sich einige Tage später herausstellte, auch seine Chancen auf den Start an der Tour de France.

Niemand traute ihm das zu

Wobei es bei ihm um viel mehr geht als nur die Teilnahme. Thomas ist auch nicht irgendwer. Sondern der Titelverteidiger, der vor einem Jahr das Rennen nicht zufällig, sondern sehr bestimmt und dominant gewann, dabei zwei Etappensiege in Folge feierte, den zweiten in Alpe d’Huez.

Richtig zugetraut hatte ihm das zwar niemand beim Start in der Normandie. Schliesslich gehörte auch Chris Froome zum Team. Der vierfache Sieger war aber nach seinem Giro-Coup nicht mehr frisch genug für den nächsten Grosserfolg – worauf Thomas souverän übernahm.

Nun fehlt Froome, er liegt nach einem sehr schweren Sturz weiter im Spital, wenn man den jüngsten Bildern in den sozialen Medien Glauben schenkt. Thomas dagegen ist zurück am Start. In Brüssel, wo die Tour de France zu Ehren von Eddy Merckx’ erstem Tour-Sieg 1969 ihren Grand Départ begeht.

Hui, da kamen viele Partys zusammen. Ich war in einem konstanten hoch.

«Der Sturz war natürlich nicht ideal», sagt Thomas, der als Vorsichtsmassnahme die Tour de Suisse auf der Stelle aufgab, zu seinem Malheur. «Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, um mich richtig zu testen. Der Sturz an sich war aber keine grosse Sache. Ich absolvierte seither noch einige grosse Trainings – und fühlte mich gut dabei.»

Das ist die Rolle, die Thomas am besten mag und kennt: jene des entspannten Arbeiters. In dieser gewann er zweimal Olympiagold in der Teamverfolgung und fuhr bei Froomes vier Tour-Siegen an dessen Seite.

Nach seinem Erfolg lernte der Waliser eine neue Seite des Sportlerlebens kennen: jene des Sportstars. Obwohl Thomas kaum weiter von dieser Rolle entfernt sein könnte, so unprätentiös wie er sich gibt. Er nimmt keinen Saal ein mit seiner Aura, wie das einst Bradley Wiggins tat. Und er scheint sich auch nicht extra Mühe zu geben, besonders höflich und bedeutungsschwer daherzureden, wie das Froome manchmal macht.

Kurz: Thomas ist weiterhin der Junge, der er schon immer war. Entsprechend genoss und staunte er im vergangenen Herbst, was sich ihm da alles für Türen öffneten nach dem Tour-Sieg. Anfang September drehte er bei der Tour of Britain noch eine Ehrenrunde im Renntempo, danach stellte er das Rennvelo zwei Monate in die Ecke.

Zwei Monate!

«Hui, da kamen viele Partys zusammen. Es war die längste Rennpause, seit ich vor 13 Jahren Profi geworden bin», sagt er. «Ich war in einem konstanten Hoch. Hey, ich hatte die Tour gewonnen! Ich wollte den Moment geniessen, alles aufsaugen.»

Messi, Wenger – und vor Kane

Das Bahnoval in Newport heisst nun «Geraint Thomas National Velodrome of Wales». In Barcelona traf er nach einem Spiel Lionel Messi, Arsène Wenger, damals noch Trainer von Thomas’ Lieblingsclub Arsenal London, rief ihn an. Thomas wurde als Grossbritanniens Sportler des Jahres ausgezeichnet, vor Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton und Nationalstürmer Harry Kane. Im Winter sah er beim Trainingslager in Los Angeles den Lakers aus der ersten Reihe zu.

Auf dem Gesellschaftsparkett bewegte er sich bemerkenswert geschmeidig. Bei einer britischen Talkshow liess er sich ein grosses Bier servieren, als wäre nichts dabei, charmierte auf dem Sofa mit Nicole Kidman, die beeindruckt seinen Ausführungen lauschte.

Aber das ungewohnte Leben fernab vom Velo hinterliess auch Spuren. Die Bilder, die gegen Ende Jahr von Thomas kursierten, waren wenig schmeichelhaft. Er hatte deutlich mehr als die ein, zwei Kilogramm zugenommen, die bei Bergfahrern normal sind in der Saisonpause. «Ich mied die Waage bis im Januar. Ich wollte es nicht wissen. Mir reichten die Bilder, um zu realisieren, wie fett ich war. Ich brauchte nicht auch noch eine Zahl dazu. Ich glaube, die hätte mich gebrochen», sagt der 33-Jährige.

Plötzlich fährst du mit, statt daheim in Cardiff vor dem Fernseher zu sitzen. Komplett verrückt.

Ende November setzte er der Feierei ein Ende, «ich wollte einfach wieder Radfahrer sein». In Schwung kam er bald wieder, «weil ich es geniesse, Stunden auf dem Velo zu verbringen, mich ans Limit zu bringen». Doch bis die Kilos wieder weg waren, brauchte es noch etwas mehr Fleiss. «Diät zu halten, ist das Härteste an unserem Job, mit Abstand.»

Zwei Tage vor seinem Sturz an der Tour de Suisse erzählt er diese Episoden. Die Situation ist schon da speziell – und seither noch spezieller geworden. Egan Bernal, das 22-jährige Riesentalent aus Kolumbien, nützte die Rennaufgabe seines Leaders und gewann die Schweizer Rundfahrt, als sei es das Leichteste der Welt.

Das bringt Thomas in die bemerkenswerte Position, dass er an der Tour zwar Titelverteidiger ist – und trotzdem nicht der uneingeschränkte Leader des Teams Ineos. Er und Bernal werden als gleichwertige Leader bezeichnet.

Thomas sagt, das störe ihn nicht. Das Bemerkenswerte an der Aussage ist weniger, dass er sie macht, sondern dass man den Eindruck erhält, dass er das tatsächlich so meint. «Egan wird am Berg wieder sehr stark sein. Für mich und für das Team ist das toll. Die Hauptsache ist, dass wir die Tour gewinnen und nicht gegeneinander fahren, die richtige Karte zur richtigen Zeit spielen. Natürlich würde ich gerne wieder gewinnen. Aber wer weiss? Wenn am Ende Egan siegt, werde ich glücklich sein. Vielleicht nicht ganz so glücklich, wie wenn ich selber gewonnen hätte. Aber glücklich.»

Da ist wieder diese atypische Seite des Profisportlers, der zwar sehr gerne gewinnt, sich aber trotzdem auch bewusst ist, woher er kommt, und dass der Sieg nicht die einzige Währung ist im Leben. In einer britischen Talkshow erzählte «G» – den Briten fällt die Aussprache seines walisischen Vornamens schwerer als uns, darum hat man sich auf die Kürzestform verständigt – vom surrealen Seitenwechsel, der ihm bei seinem Tour-Debüt bewusst geworden war. Er beendete das Rennen 2007 als 139. von 140 Fahrern. «Plötzlich bist du auf der anderen Seite der TV-Kamera, fährst im Tour-de-France-Feld mit, statt daheim in Cardiff auf dem Wohnzimmerteppich vor dem Fernseher zu sitzen. Komplett verrückt.»

Mehr Teneriffa als Monaco

Thomas hat nicht verlernt zu staunen. Der Tour-Sieg 2018 hat ihn nur noch entspannter gemacht. «Diese Tatsache nimmt mir etwas den Druck.» Was nicht heisst, er hätte sich nun nicht seriös vorbereitet. Im Frühjahr verbrachte er fast mehr Zeit im Höhentrainingslager in Teneriffa als daheim in Monaco. Er fuhr alle Schlüsseletappen dieser Tour ab, von der ersten Bergankunft in den Vogesen zu den drei Bergetappen in den Pyrenäen, dem Zeitfahren dazwischen sowie den drei grossen Alpenetappen ganz zum Schluss.

«La Planche des Belles Filles wird eine frühe Knacknuss», sagt er über die Vogesen-Bergankunft. «Aber es gibt so viele schwere Tage, an denen etwas passieren kann. Auch an den nicht-offensichtlichen Tagen. Ich denke da an die Etappe nach Saint-Étienne, wo es ständig hinauf oder hinab geht. Solche Tage sind manchmal fast noch härter, weil vom Start bis ins Ziel Vollgas gefahren wird.»

Donnerstag gibt Richtung vor

Die Tour startet am Samstag mit einer Etappe für die Sprinter, doch am Sonntag werden die ­Anwärter auf den Gesamtsieg ­bereits getestet: Beim Teamzeitfahren wäre ein Zeitverlust fatal. Ineos-intern dürfte der Donnerstag richtungsweisend sein: In Planche des Belles Filles übernahmen die Briten schon bei den ersten beiden Besuchen die Kontrolle über das Rennen. Dieses Mal wird es um noch mehr gehen: um die interne Leaderrolle.

Geraint Thomas, noch eine letzte Frage: Sehen Sie sich als Favoriten für diese Tour de France? «Ich denke nicht an solche Dinge. Das ist etwas für euch Journalisten und die Wettanbieter. Ich kann ja nicht beeinflussen, wie gut Quintana oder Yates in Form sein werden. Darum ist jedes Rennen so anders. Und ­jedes so faszinierend zum ­Zuschauen.»

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