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«Ich schaffe es wieder»

An der WM auf der Lenzerheide ist Jolanda Neff die grosse Favoritin. Sie sagt, weshalb der Startaufstieg für sie gefährlich ist.

«Ich muss 100 Prozent Jolanda Neff sein», lautet ihr Rezept fürs WM-Rennen. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)
«Ich muss 100 Prozent Jolanda Neff sein», lautet ihr Rezept fürs WM-Rennen. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Gold gab es trotzdem. Am Mittwoch gewann Jolanda Neff den WM-Auftakt mit der Schweizer Staffel. Die Elite-Weltmeisterin steuerte dazu eine solide, aber keine überragende Runde bei. Auch U-23-Fahrerin Sina Frei war schneller. Hadert die 25-Jährige mit sich? Weit gefehlt – Neff geht als Titelverteidigerin und Topfavoritin ins WM-­Rennen. Sie hat nach drei komplizierten Jahren mit einem Teamwechsel, einem ­Abstecher an die Uni sowie Verletzungen und Krankheiten bei Titelkämpfen rechtzeitig zur Heim-WM ihre Bestform wiedergefunden.

Hatten Sie nach dem ­Staffelrennen Zweifel?

Nein. Ich startete viel zu aggressiv in meine Runde, gegen Schluss wurde es darum ziemlich hart. Dabei hatte ich mir vorgenommen, easy zu starten. Im Rennen kam mir dann erst nach 200 Metern Vollgas der Gedanke: «Ich wollte es ja easy angehen.» (lacht) Zumindest habe ich etwas gelernt fürs Einzelrennen.

«Es tat fast weh, zu realisieren, wozu ich fähig wäre, wenn ich richtig trainierte.»

Diese Blitzstarts sind Ihre Spezialität. Funktionieren sie auf diesem Kurs nicht?

Das Brutale hier ist der lange Startaufstieg. Dort kannst du dich «killen». Das ist für mich doppelt gefährlich, weil ich ­immer vom Start weg vorne sein möchte. Aber es ist hier nicht nur der Startaufstieg. Sondern die Tatsache, dass danach keine ­Abfahrt kommt, auf der man sich etwas erholen und einen Rhythmus finden kann. Hier fährst du voll hoch, musst aber oben noch frisch sein, weil du auch im Auf und Ab danach ständig die Pedale bewegen musst. Den Unterschied machst du hier über die Distanz, über deine Frische.

Sie müssen so wenig Jolanda Neff sein wie nur möglich.

Nein, nein. Ich muss 100 Prozent Jolanda Neff sein.

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Video: Das Hightech-Bike von Jolanda Neff

Das WM-Bike von Jolanda Neff. Video: Fabian Sanginés

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Aber sich zurückzuhalten,das widerstrebt Ihnen doch.

Ich muss nur den Startaufstieg gut einteilen. Danach kann ich schon Vollgas fahren.

Sie versuchen die Rennen vom Start weg zu dominieren. Wenn es aber jemandem gelingt, Ihnen die Stirn zu bieten oder Sie einzuholen, haben Sie Mühe. Ist das Kopfsache?

Es ist in solchen Momenten ­weniger ein mentales Problem, sondern ein körperliches – sonst könnte ich ja meine Anfangs­pace durchziehen.

«Ich war weit ab von Gut und Böse. Die Rennen ­machen dann gar keinen Spass.»

Das heisst: Wenn Sie topfit sind, gibt es keine Konkurrentin, die Ihnen gewachsen ist?

Vor dem Weltcup in La Bresse (Anm.: den Neff trotz zwei Reifenplatten gewann) sprach ich mit einer Bekannten. Die sagte, sie habe lange überlegt, aber es komme ihr wirklich niemand ausser mir in den Sinn, der hier gewinnen könnte. Und ich überlegte auch – und musste sagen: «Mir auch nicht.» (lacht) Natürlich gibt es andere, die auch hart trainieren und siegen wollen. Ich will nicht überheblich klingen, aber: Wenn ich mich gut fühle, dann kann ich Velo fahren, dann weiss ich, wozu ich fähig bin.

Im Weltcup waren Sie auf der WM-Strecke noch nie besser als Dritte ...

... ich glaube, die Lenzerheide ist schon machbar für mich. Es waren immer spezielle Umstände. 2017 war ich nicht in Form, und wurde doch Vierte – eigentlich gut. 2016 war der dritte Rang nach meinem heftigen Sturz in La Bresse wie ein Sieg. Und 2015 kriegte ich drei Tage vor dem Rennen vom damaligen Bikesponsor ein neues, vollgefedertes Velo hingestellt, das ich fahren sollte – obwohl ich noch nie im Leben ein Fully gefahren war. Und wurde auch so Vierte. Und: 2014 hatten wir hier einen Swiss­cup, den gewann ich.

Sie wüssten also, wie es geht.

Genau. Im Juni hatten wir Schweizerinnen hier ein Trainingscamp. Zuerst sind wir die WM-Strecke zwei Tage lang ­abgewandert. Dann fuhren wir sie voll. Ich fühlte mich sehr gut.

«Ich hatte super verdient, aber auch gelernt, dass dir das allein nichts bringt.»

Bis vor einem Jahr war das Weltmeister-Puzzle für Sie unlösbar, 2015 und 16 hatten Sie als Favoritin nicht reüssiert. Ist es nun einfacher, weil der Premierendruck weg ist?

Auf jeden Fall. Das ist ein Stück weit «the story of my life». Ich kriegte nie etwas gratis.

Obwohl Sie auf jeder Stufe dominierten?

Ja, aber ich kriegte nie etwas im ersten Anlauf, musste dafür arbeiten. Und wenn ich etwas mal ­geschafft habe, schaffe ich es auch wieder. Bei den Juniorinnen gewann ich die WM die ersten zwei Jahre nicht. Dafür dann bei der U-23 – dreimal in Folge. Dann in der Elite: Erst beim drittenMal klappte es. So war es auch mit dem Gesamtweltcup, den ich im zweiten Jahr gewann. Und dann im Jahr darauf. Wenn ich etwas gewinne, ist es, weil ich es absolut verdient habe, weil ich zuvor fünfmal durch die Hölle ging.

Wann gelangten Sie zu dieser Einsicht?

Letztes Jahr nach dem WM-Sieg. Da erkannte ich das Muster endgültig. Ich bestritt die Saison 2017 nach dem Motto: «Trust the ­timing of your life.» Ich glaube, dass das Leben gerecht ist. Wenn du für etwas arbeitest, immer weiterarbeitest, gelingt es irgend­wann.

Ist Ihr Leben nun hindernisfrei? 2015 und 16 waren auch in Ihrem Umfeld Querelen zu verorten. Oder konzentrieren Sie sich nun einfach besser aufs Wesentliche?

Ich habe im Team sicher eine viel bessere Situation als 2015/16. Aber ich fühlte mich auch dieses Jahr wie eine Hürdenläuferin. Doch wenn du mit dir im Reinen bist, nimmst du die Situation leichter. Ich habe nun das Gefühl, ich besässe einen riesigen Pool von Wasser der Ruhe.

Wie fanden Sie die Ruhe?

Weil ich dieses Jahr mein Studium unterbrochen habe, wirklich Zeit habe, Veloprofi zu sein. Die eineinhalb Jahre davor ­waren ein Gehetze.

Brauchten Sie das Jahr an der Universität Zürich, um sich zu besinnen, dass Sie eigentlich Bike-Profi sind?

Es tat mir in der Hinsicht extrem gut. Weil es mir zeigte, dass ­Velofahren das ist, was ich am liebsten mache. Ich möchte schnell und gut sein auf dem Velo. Dafür lebe ich, das macht mir Freude. Ich fand das Studium sehr spannend. Es gab dann aber auf dem Velo so grosse Einbussen, dass ich sagen musste: So macht mir dieses Leben keine Freude. Ich möchte nicht zwei Dinge «halbbatzig» machen. Sondern eines richtig. Es tat fast weh, zu realisieren, wozu ich ­fähig wäre – wenn ich richtig Zeit zum Trainieren hätte.

Weltmeisterin wurden Sie trotzdem als Geschichts­studentin.

Ja, aber das Studienjahr war im Juni fertig. Ich konnte danach drei Monate lang voll trainieren, investierte so viel, wie nur möglich war.

Wie hart war es, die Saison 2017 in dieser Verfassung zu fahren?

Das erste Rennen 2017 war in Marseille, ich wurde Elfte oder verlor elf Minuten – ich weiss es nicht mehr so genau. Ich war weit ab von Gut und Böse. Die Rennen sind dann zudem viel, viel härter, machen gar keinen Spass. Und du bist nur am Leiden.

So wie alle anderen ...

... vielleicht, ja. Aber dann kann ich nicht nachvollziehen, warum man sich das antut.

Nach dem Uni-Unterbruch lösten Sie auch Ihre WG in Zürich auf, leben nun wieder daheim im Rheintal. Nehmen Sie das Zuhause anders wahr?

Ich schätze es viel mehr. Der Umzug nach Zürich tat mir gut, weil ich mal von A bis Z alles machte, kochen, essen, einkaufen, putzen – das Leben leben. Das fand ich spannend und cool. Darum geniesse ich es jetzt noch mehr, daheim zu sein. Wenn nach dem Training das Essen bereit steht, das ist schon ein Luxus.

Mit der WM endet die Bike-Saison, danach bestreiten Sie noch die Strassen-WM. Werden auch künftig die grossen Strassenrennen wieder ein Thema?

Biken wird immer meine Hauptdisziplin sein. Gleichzeitig macht es mir eine Megafreude, auf der Strasse zu fahren, gerade jene Rennen, die ich mit einem starken Team bestritt und die taktischen Spiele mitmachen konnte. Ich sagte mir nach Olympia 2016, wo ich mit Stöckli in einem ganz kleinen Team unterwegs gewesen war: Wenn ich wieder Strasse fahre, dann in einem Topteam.

Ihr Vertrag mit dem polnischen Kross-Team läuft aus. Werden Sie dieses also verlassen? Mit dem nächsten Vertrag werden Sie bis Tokio 2020 planen.

Ein paar Teams kamen auf mich zu. Mir gefällt es von den Leuten her bei Kross sehr gut. Aber Strassen- und Querrennen ­würden mich schon sehr reizen. Das ist der Grund, warum ich mit anderen Teams spreche.

Plus das Bankkonto.

Nein. Nach der Olympiasaison hatte ich von neun Teams ein Angebot, auch von grossen Marken. Ich konnte auswählen. Ich hatte bei Stöckli super verdient, aber auch gelernt, dass dir das alleine gar nichts bringt. Ich spüre nicht, wie viel Geld auf meinem Bankkonto liegt. Was ich spüre, ist, wie es mir geht, mit wem ich unterwegs bin. Nie wieder ­mache ich etwas nur des Geldes wegen.

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