Nur der Tour-Sieg lindert Pinots Schmerz

Der Pechvogel der Tour de France hadert mit dem Schicksal und fragt sich, womit er die ständigen Tiefschläge verdient hat.

Die bittere Moment: Thibaut Pinot gibt auf. (Video: SRF)

Er hätte der Erlöser sein können. Der Mann, der der Grande Nation den ersten Tour-de-France-Sieg seit Bernard Hinault 1985 schenkt. Stattdessen wurde Thibaut Pinot zum tragischen Helden. Zu dem Mann, der am drittletzten Tag mit einem Muskelfaserriss im Oberschenkel aufgeben musste. Vor der 19. Etappe hatte sein Rückstand im Gesamtklassement auf den späteren Sieger Egan Bernal nur 20 Sekunden betragen. Und war Pinot in den Pyrenäen nicht der Stärkste gewesen? Warum also hätte er nicht auch in den Alpen brillieren sollen?

Als er vom Sattel und ins Begleitauto von Groupama-FDJ stieg, flossen Tränen. Da war die Enttäuschung über die verpasste Chance, da waren aber auch die Erinnerungen an frühere Rückschläge. Bei seiner siebten Tour-Teilnahme sah Pinot schon zum viertem Mal das Ziel in Paris nicht. Auch fern der Heimat verfolgte ihn das Pech. Im vergangenen Jahr stoppte ihn am Giro d'Italia zwei Etappen vor Schluss eine Lungenentzündung – als Gesamtdritter. «Ich weiss nicht, womit ich das verdient habe, ich verstehe es nicht», sagt der 29-jährige Franzose gegenüber «L'Equipe». «In anderen Rennen muss ich nie aufgeben, das passiert mir nur an den grossen Rundfahrten.»

Video: Pinots Teamchef in Ekstase

Marc Madiot bejubelt den Solosieg seines Fahrers auf dem Col du Tourmalet. (Video: Twitter)

Pinots Worte offenbaren, wie sehr er mit dem Schicksal hadert. «Ich bin hungrig auf Siege, ich habe genug von dieser Frustration, die mir meine Karriere verdirbt», sagt er. Als seine Teamkollegen und Konkurrenten am Sonntag auf den Champs-Élysées eintrafen, suchte Pinot Ablenkung. «Ich wollte das Rennen nicht schauen, ich wollte die Siegerehrungen nicht schauen, das wäre zu hart gewesen. Die Wunde ist immer noch offen.»

Die Tour macht Legenden

Pinot sieht nur eine Möglichkeit, den seelischen Schmerz zu lindern. «Um all das zu vergessen, diese ganze Schinderei, muss ich die Tour de France gewinnen. Ein Podestplatz genügt dazu nicht», sagt er und fügt an: «Du kannst irgendein Rennen gewinnen, Weltmeister sein, aber nur die Tour kann dich zu einem Fahrer machen, den man nicht vergisst. Deshalb will ich wiederkommen.»

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Es gibt allerdings auch einen anderen Fahrer, der 2020 erneut dabei sein wird: Egan Bernal. Und der hat nach seinem ersten Triumph richtig Lust bekommen, die Grande Boucle auch künftig zu prägen. Die Legenden des Sports trauen dem 22-jährigen Kolumbianer gar zu, dass er dereinst die vier fünffachen Champions Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Induráin übertreffen wird.

Es besteht die Gefahr, dass Pinots Schmerz chronisch wird.

kai

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