Dauerfehde mit der Hexe

Fortwährend verletzen sich Spieler Wacker Thuns. Das ist nicht ausschliesslich Pech.

Da, wos wehtut: Damien Guignet (links). Foto: Markus Grunder

Da, wos wehtut: Damien Guignet (links). Foto: Markus Grunder

Adrian Horn

Ganze 15 Minuten alt ist die neue Saison, und man fragt sich gerade, was für Martin Rubin trostloser ist: der Blick auf die Anzeigetafel oder jener auf die Ersatzbank. 3:13 liegt Wacker gegen die Kadetten zurück. Mit schmalem Kader und nicht allzu breiten Schultern sind die Thuner am Samstag nach Schaffhausen gereist.

Nicolas Raemy, den MVP der vergangenen Spielzeit, kann der Coach genauso wenig einsetzen wie die gleichfalls verletzten Luca Linder, Flavio Wick, Ron Delhees und Damien Guignet. Das sind fünf potenzielle Leistungsträger. Die Tribüne ist bei den Berner Oberländern dieser Tage so prominent besetzt wie die Startaufstellung. Für sie ist das fast schon Standard: Seit 15 Monaten wartet Rubin darauf, wieder mal auf all seine Kräfte zurückgreifen zu können.

Ausfälle sind in diesem Sport nichts Aussergewöhnliches, auch jenseits der Landesgrenzen nicht. Seit längerem wird im internationalen Handball über die hohe Belastung diskutiert, welcher die Spieler ob all der Partien ausgesetzt sind. In Ligen wie der hiesigen ist das Pensum besonders schwer zu stemmen, weil es von Leuten bewältigt wird, welche in den wenigsten Fällen Profis sind.

Wenn die Stärkezur Schwäche wird

Die Thuner ziehen den Zorn der vielzitierten Verletzungshexe überproportional oft auf sich. Das ist vornehmlich eines: Pech. Aber es gibt Gründe oder zumindest Erklärungsansätze, weshalb häufig Wacker betroffen ist. Da wären banale wie jener, dass der Cupsieger einige offensichtlich anfällige Akteure beschäftigt. Nationalspieler Delhees etwa ist schon bei seinen früheren Clubs immer mal wieder ausgefallen, 2015 bei GC Amicitia Zürich riss er sich wie im vergangenen Herbst das Kreuzband.

Auch Linder, gleichfalls Modellathlet und gewiss grundsätzlich topfit, musste bereits in den Vorjahren regelmässig pausieren. Er ist selten schwer verletzt, aber oft angeschlagen – wie Guignet. Dieser wiederum steht für die kampfbetonte Spielweise, welche der zweimalige Meister traditionell an den Tag legt. Der Westschweizer scheut sich so gar nicht vor Duellen, steckt eine Menge ein. Dorthin zu gehen, wos ungemütlich werden dürfte, ist für viele im Ensemble der Oberländer Alltag.

Diese haben mit ihrem von Leidenschaft geprägten Stil Grenzen verschoben. Sechs Titel gewannen sie in den letzten sieben Jahren. Nicht immer besassen sie wie beim Gewinn der Meisterschaft 2018 auch wirklich das beste Kader. Die Erfolge waren teils vorab eine Willensleistung. Und Maximaleinsatz fordert offenbar ihren Tribut.

Wacker ist derjenige Spitzenclub hierzulande, welcher am weitesten davon entfernt ist, hochgradig professionelle Strukturen aufzuweisen. Sehr vieles, was rund um die Mannschaft geschieht, ist Fronarbeit. Einen Profi enthält das Team seit Jahren nicht. Die Übungseinheiten sind aus verschiedenen Gründen nicht ganz so zahlreich wie bei andern Topequipen; im Gegenzug dauern sie länger.

Und wer müde ist, läuft eher Gefahr, sich eine Verletzung zuzuziehen. Auch vor diesem Hintergrund befinden sich die Thuner in einem Teufelskreis. Weil so viele von ihnen fehlen, müssen jene, die an Bord sind, häufiger und länger ran, im Heimspiel vom Mittwoch gegen Pfadi Winterthur etwa (19.30, Lachenhalle). Der nächste Ausfall – er ist auch deswegen nur eine Frage der Zeit.

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