Der kleine Bruder spielt gross auf

Nias Hefti hat sich beim FC Thun auf Anhieb etabliert. Nun spielt der 20-jährige Ostschweizer erstmals gegen den FC St. Gallen und seinen Bruder Silvan.

Abgeklärt und unbekümmert: Nias Hefti posiert vor der Stockhorn-Arena.

Abgeklärt und unbekümmert: Nias Hefti posiert vor der Stockhorn-Arena.

(Bild: Christian Pfander)

Simon Scheidegger@theSimon_S

Nias Hefti lehnt lässig an einem Betonpfeiler, hinter sich die Stockhorn-Arena, vor sich die Linse einer Kamera. Das Wetter ist garstig am Donnerstagmorgen, der kalte Wind trägt den Nieselregen unter das Dach. Der Herbst gibt eine Visitenkarte ab, doch Hefti lässt sich nichts anmerken, absolviert den Fototermin in kurzen Hosen routiniert. «Das ist der erste Tag, seit ich hier bin, an dem es nicht schön ist», meint Hefti danach auf dem Weg ins Stadion und lacht.

Seit gut zwei Monaten lebt er nun in seiner eigenen Wohnung in Steffisburg, weit weg von zu Hause, weit weg vom Komfort des Hotels Mama. Der Wechsel im Sommer von Wil ins Berner Oberland war nicht nur ein sportlicher Schritt, sondern auch ein persönlicher. Hefti hat die Herausforderung gesucht und meistert sie bis anhin mit Bravour – zumindest auf dem Fussballplatz. Putzen und Waschen mache ihm nämlich nicht Riesenspass, meint er. «Aber ich gewöhne mich immer mehr daran.»

Wertschätzung des Trainers

In den bisher zwölf Partien dieser Saison stand der seit kurzem 20-Jährige nur einmal nicht auf dem Feld – in der ersten Cuprunde bei Bernex-Confignon. Nur Captain Stefan Glarner, Basil Stillhart und Simone Rapp haben mehr gespielt. Hefti, mittlerweile auf einem Stuhl sitzend, richtet sich auf und beginnt die Suche nach Gründen, wie er sich so schnell vom Challenge-League- zum Super-League-Spieler wandeln konnte. Dass er Linksfüsser sei, sei sicher ein Vorteil, meint Hefti; auch, dass er variabel eingesetzt werden und bei Bedarf auch während eines Spiels die Position wechseln könne. Und wahrscheinlich hätten auch die zahlreichen Verletzungen einen Einfluss auf seine Einsatzzeit gehabt. «Aber ich will nicht hinterfragen. Ich bin dem Trainer sehr dankbar, dass er mir das Vertrauen gibt, und bin glücklich, wie es jetzt ist.»

Marc Schneider braucht nicht viele Worte, um seine Wertschätzung gegenüber Hefti zum Ausdruck zu bringen. «Er ist einfach top.» Der Coach lobt die Arbeitseinstellung, die Vielseitigkeit, den Lernwillen und den Biss des jungen Ostschweizers. Und er gibt zu, dass er vor der Saison nicht erwartet hätte, dass Hefti auf Anhieb eine tragende Rolle übernehmen würde – zumal er in Wil nicht immer Stammspieler gewesen war. Doch Hefti fügte sich so gut ins Team ein und gefiel auf und neben dem Platz mit erfrischender Unbekümmertheit, dass Schneider den 20-Jährigen einfach aufstellen musste.

Auch U-21-Nationaltrainer Mauro Lustrinelli hat Hefti schon aufgeboten, und Mitte September kam er beim 5:0 gegen Liechtenstein in der letzten Minute zu seinem Pflichtspieldebüt für die Landesauswahl auf dieser Stufe. Es ist ein steiler Einstieg für einen, der bis zum Sommer Halbprofi war und regelmässig die Schulbank drücken musste. Selbst wenn die Doppelbelastung zwischen Schule und Sport seit dem erfolgreichen Maturaabschluss wegfällt.

Auch Schneider hat festgestellt, dass Hefti in den letzten Spielen etwas an Spritzigkeit eingebüsst hat, weshalb ihm der Trainer bald einmal eine Pause in Aussicht stellt. Das Spiel in St. Gallen (heute Samstag, 19 Uhr) wird er indes keinesfalls verpassen – gegen seinen Heimatclub und vor allem gegen seinen Bruder Silvan.

Stolz des Bruders

Der Captain der St. Galler verfolgt auch aus der Ferne genau, was sein zwei Jahre jüngerer Bruder macht. Das Spiel gegen Sion verfolgte Silvan sogar im Stadion. Und was er bisher sah, hat ihn beeindruckt: «Ich bin sehr stolz darauf, was er bisher erreicht hat», sagt Silvan Hefti. Insbesondere die Leistung im Rückspiel der Europa-League-Qualifikation in Moskau hat ihm imponiert. «Wie er sich da gegen international gestandene Spieler behauptet hat, war ganz stark.» Die beiden tauschen sich regelmässig aus, geben einander Tipps, und Silvan nahm schon früh eine Vorbildfunktion ein.

Nias Hefti erzählt, wie ihn die Eltern einmal mitnahmen an ein Turnier des grossen Bruders. Und Nias durfte bei Silvan und dessen Kollegen mitspielen, natürlich inklusive passender Kleidung. «Meine Knie sah man zwar nicht, weil die Hosen viel zu gross waren», sagt er und lacht. Aber das Hefti-Duo harmonierte gut. Da Silvan viel athletischer gewesen sei als die Gegenspieler, sei er immer einfach durchgelaufen, ehe er vor dem Tor auf den kleinen Bruder querlegte, um ihm den Treffer zu ermöglichen. Es sind schöne Erinnerungen. Sechs-, vielleicht siebenjährig sei er da gewesen, sagt Nias. Dass es in nächster Zeit zu einer Wiedervereinigung dieses dynamischen Sturmduos kommt, scheint nicht nur deshalb unwahrscheinlich, weil aus beiden keine Tormaschine geworden ist, sich beide am liebsten mit Defensivaufgaben beschäftigen.

Obwohl sie nur zwei Jahre trennt, stehen die beiden Brüder nämlich an unterschiedlichen Positionen in ihrer Karriere. Silvan ist Führungsspieler und Identifikationsfigur der St. Galler mit der Erfahrung von 129 Super-League-Spielen, seit einem Jahr führt er die Mannschaft als Captain an, und bereits mehrmals wurde er mit einem Wechsel ins Ausland in Verbindung gebracht. Nias wiederum ist erst am Anfang seiner Karriere in der höchsten Schweizer Spielklasse. «Sollten wir irgendwann mal wieder im selben Team spielen, wäre das sicher für beide schön», sagt Silvan.

Bredouille der Eltern

Das Familienduell ist im Hause Hefti schon seit einiger Zeit ein Thema. Und während bei den Söhnen primär Vorfreude herrscht, bringt es die Eltern in die Bredouille – auch wenn es um die Bekleidung für den Match geht. Rot-Weiss oder Grün-Weiss? Heftis beweisen Kreativität: Sie haben je einen Fanschal der beiden Teams gekauft, in der Mitte halbiert und neu zusammengenäht, mit einer Thuner und einer St. Galler Seite. «Die Eltern hoffen auf ein Unentschieden, aber ich hoffe, dass wir gewinnen», sagt Nias. Und Silvan ergänzt nach der gegenteiligen Hoffnungsäusserung auf einen St. Galler Erfolg: «Wahrscheinlich sind sie dann froh, wenn es vorbei ist.»


So könnte Thun spielen: Hirzel; Glarner, Sutter, Havenaar, Joss; Gelmi, Stillhart, Fatkic; Vasic, Rapp, Hefti – Ohne: Hediger, Karlen, Bigler, Ziswiler, Munsy (verletzt), Righetti, Wanner (krank). Fraglich: Rodrigues.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt