Wie eine schwebende Fee

Livia Maria Chiariello aus dem Stadtberner Obstbergquartier ist ein grosses Talent in der Rhythmischen Gymnastik.

Graziös und beweglich: Livia Maria Chiariello zeigt ihre ganze Beweglichkeit.

Graziös und beweglich: Livia Maria Chiariello zeigt ihre ganze Beweglichkeit.

(Bild: PD)

Adrian Lüpold

Livia Maria Chiariello hebelt die Gesetze der Physik zuweilen aus. Grazil wie eine schwebende Fee und geschmeidig wie eine Raubkatze scheint sie der Schwerkraft mit ihren kunstvollen Übungen zu trotzen. Anmutig zwirbelt sie Bänder über den Boden oder hantiert geschickt und punktgenau mit einem farbigen Ball.

Rasant tänzelt sie im Rhythmus der Musik mit einem flatternden Seil über den 13 mal 13 Meter grossen Wettkampfteppich oder lässt ihre Silhouette während eines Spagatsprungs mit einer präzis durch die Luft geworfenen Keule verschmelzen. Die Athletinnen der Rhythmischen Gymnastik weisen einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik auf.

Sie beeindrucken mit Körperbeherrschung sowie Taktgefühl und verfügen über eine Beweglichkeit, als ob ihre Sehnen und Gelenke aus Gummi wären. Was im Auge des Betrachters federleicht und elegant wirkt, bedarf indes einer Heidenarbeit, eiserner Disziplin, Hingabe und Passion.

Das Ausnahmetalent

Zwischen 20 und im Optimalfall 24 Stunden verbringt Chiariello pro Woche damit, im Leistungszentrum in Biel an Abläufen, Choreografien und generell an den meist 90 Sekunden dauernden Übungen mit den diversen Handgeräten zu feilen. «Ich bin mir ein straffes Zeitmanagement gewohnt. Weil Rhythmische Gymnastik meine riesige Leidenschaft ist, stellt der Aufwand kein Problem dar. Im Gegenteil», sagt die 14-Jährige und ergänzt lachend: «Manchmal, wenn ich trainingsfrei habe, denke ich: Oh, was mache ich jetzt mit so viel Zeit?»

«Manchmal, wenn ich trainingsfrei habe, denke ich: Oh, was mache ich jetzt mit so viel Zeit?»Livia Maria Chiariello

Nicht von ungefähr betreibt die aufgeweckte, charmante Bernerin, die mit ihren Eltern und drei Geschwistern im Obstbergquartier lebt, so viel Aufwand. Chiariello ist in der Schweiz eine Ausnahmeerscheinung, das grösste Talent, das sich hierzulande je der Rhythmischen Gymnastik verschrieben hat. Seit drei Jahren gewinnt sie auf helvetischem Boden jeden Wettkampf, kann bereits 14 nationale Titel ihr Eigen nennen und firmiert bei jedem internationalen Turnier als beste Schweizerin. Dabei besuchte sie in den letzten acht Jahren keine spezielle Klasse für Sporttalente, sondern war im Schulhaus Laubegg im regulären Schulbetrieb integriert.

«Es war uns wichtig, dass sie einen Bereich hat, wo sich nicht alles um Sport dreht. So früh alles nur auf eine Karte setzen wollten wir nicht. Es ging darum, dass Livia möglichst viel Interaktion im normalen Leben hat», erklärt Mutter Elisabeth Chiariello. Gerade erst hat die Hochbegabte die 8. Klasse abgeschlossen. Bald wird der Übertritt ins Sportgymnasium Neufeld folgen, wo sie sich noch gezielter ihrem Sport widmen kann.

Via Youtube ins Training

Schon im Kindergarten kommt Chiariello mit Rhythmischer Gymnastik in Berührung. Die Lehrerin fand damals, das Mädchen sei nicht genügend ausgelastet, und empfahl den Eltern, eine Sportart oder etwas Musisches zu suchen. Mutter Elisabeth entsinnt sich ehemaliger Rhythmischer Gymnastinnen, die sie einst im klassischen Ballett trainiert hat. Sie zeigt ihrer Tochter auf Youtube Filme von der in der Schweiz nicht so bekannten Sportart, und Livia Maria zeigt sofort Interesse. Im TV Länggasse tätigt sie ihre ersten Gehversuche. Doch nach dem zweiten oder dritten Training verliert das damals 4½-jährige Mädchen das Interesse vorerst wieder.

«Etwa ein Jahr später bekam ich aber wieder Lust. Ich fragte Mama, ob ich wieder ins RG-Training darf», sagt Chiariello. Sie beginnt regelmässig zu üben, zunächst allerdings nur hobbymässig. Erst im Juni 2012 kommt der Leistungsgedanke ins Spiel. An der kantonalen Meisterschaft gewinnt sie ihren allerersten Wettkampf wie aus dem Nichts. «Wir mussten damals extra ein spezielles Kleid besorgen. 300 Franken kostete das Stück, und ich dachte schon: O mein Gott, das ist aber teuer», erzählt die Mutter schmunzelnd.

«Ich war total erstaunt, dass ich gleich meinen ersten Wettkampf gewinnen konnte. Das motivierte mich, mehr zu trainieren», sagt Livia Maria. Schnell treten Talentscouts auf den Plan, welche die grosse Begabung schnell erspäht hatten. Kurze Zeit später trainiert Chiariello im Leistungszentrum in Biel. Die Intensität nimmt zu, immer deutlicher wird sichtbar, was für ein grosses Talent da heranwächst.

Fortbildung in Italien

Später saugt Chiariello auch an internationalen Wettkämpfen, in denen sie regelmässig auf dem Podest steht, alles auf, was sie weiterbringt. Sie beobachtet Athletinnen aus Spitzenländern beim Einturnen, ist offen für neue Inputs, aber auch für Kritik. Überdies bestreitet sie auch unkonventionelle Wege.

Dazu gehören Fortbildungen im italienischen Fabriano, wo sie unter den Fittichen der beiden ehemaligen Weltklasseathletinnen Julieta Cantaluppi (Italien) und Kristina Ghiurova (Bulgarien) in deren Camp für Toptalente noch spezifischer gefördert wird. Und so ist die Hochbegabte irgendwie auch Pionierin, Vorbild und Türöffnerin für die nächste Generation, zu der beispielsweise auch ihre jüngere, ebenfalls hoch talentierte Schwester Sophia Carlotta (Jahrgang 2008) zählt.

Livia Marias Weg führe wohl generell zu einem Mehrwert für die Sportart und sei auch eine Chance für junge Schweizer Athle­tinnen, ein höheres Niveau als früher zu erreichen, meint die Mutter.

Der Sport als Lebensschule

Livia Maria Chiariello träumt davon, die Schweiz dereinst in der Rhythmischen Gymnastik an den Olympischen Spielen vertreten zu dürfen. «Es ist mein Ziel, das zu schaffen, aber ich weiss auch, dass es ein sehr, sehr weiter Weg ist bis dahin», sagt Chiariello. Aktuell denke sie aber nur daran, wie sie ihre Übungen täglich verbessern könne. «Als sportliches Ziel sehe ich die Teilnahme an der Juniorinnen-EM 2020 in Kiew, gefolgt vom anschliessenden Übertritt zu den Seniorinnen», sagt sie.

Erfolge und eine allfällige Teilnahme bei grossen internationalen Wettkämpfen seien das eine, meint derweil die Mutter. «Letztlich ist der Sport aber auch eine Lebensschule. Es werden Werte vermittelt, die eine Investition ins Leben bedeuten. Das ist genauso wichtig wie gute Resultate», sagt Elisabeth Chiariello. Die Olympischen Spiele 2020 in Tokio kämen für die Stadtbernerin auch aus Altersgründen übrigens noch zu früh – das Mindestalter bei der Elite beträgt 16 Jahre. 2024 in Paris könnte es indes mit einer Teilnahme klappen.

«Der Sport ist auch eine Lebensschule. Es werden Werte vermittelt, die eine Investition ins Leben bedeuten.»Mutter Elisabeth Chiariello

«Die Olympischen Spiele sind der Traum jeder Sportlerin», sagt Livia Maria und strahlt, als ob sie gerade wieder mal der Schwerkraft getrotzt und eine perfekte Übung auf den Teppich gezaubert hätte.

Livia Maria Chiariello Bild: frz

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt