«Ich spüre eine tiefe Genugtuung»

Roger Federer hat seinen 8. Wimbledon-Sieg bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Tags darauf spricht er über Schmerzen, die Taktik der jungen Profis und sein variantenreiches Spiel.

Müde, aber glücklich: Roger Federer steht am Tag nach seinem 8. Wimbledon-Sieg Rede und Antwort.

Müde, aber glücklich: Roger Federer steht am Tag nach seinem 8. Wimbledon-Sieg Rede und Antwort. Bild: Keystone

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Im schmucken All England Club ist es am Montagmorgen nach dem Rekordtriumph Roger Federers ruhig, nicht nur auf dem Centre-Court. Einige Arbeiter sind mit Aufräumen beschäftigt, ein paar TV-Teams bringen in Erwartung des Champions ihre Kameras in Stellung. Zuerst präsentiert sich dieser allerdings im Medienraum der Presse.

Federer sieht gut aus, obwohl er erzählt, er sei erst um 5 Uhr ins Bett gegangen. «Als ich aufwachte, ging es mir nicht gut», sagt der 35-Jährige und führt dies auf die Konsumation diverser alkoholischer Getränke zurück. «Auch jetzt pocht es noch im Kopf.» Am Sonntagabend absolvierte er nach der Siegerehrung einen Interviewmarathon. Erst kurz vor 23 Uhr traf er mit seiner Entourage für das Champions-Dinner in der altehrwürdigen Guildhall in Londons Innenstadt ein.

Der Nachzügler fand in der Folge nette Worte für Frauensiegerin Garbiñe Muguruza und vor allem für seine Gattin Miroslava: «Mirka hat mich dazu getrieben, härter zu arbeiten, denn im Gegensatz zu mir war sie eine hart arbeitende Tennisspielerin. Ohne sie hätte ich diese Seite vielleicht nicht kennen gelernt.» Nach etwa 90 Minuten machte Federer einen Abgang, um mit 30 bis 40 Bekannten in einer Bar seinen historischen Triumph zu feiern.

Souveräner Auftritt vor den Medien

Nun sitzt er also da, der goldene Pokal zu seiner Linken, und muss erneut Auskunft geben. Er tut dies gewohnt souverän, obwohl er sich nicht in Vollbesitz seiner geistigen Kapazitäten fühlt. Er versichert sich jedenfalls zweimal, ob er zur Zufriedenheit des Fragestellers geantwortet habe.

Die Themen sind mannigfaltig. Federer sagt zum Beispiel, er habe schon oft mit Schmerzen gespielt, «doch ich rede jeweils nicht darüber». Trotzdem zeigt er für Marin Cilic Verständnis. Er habe selber auch schon an einer Blase unter der Hornhaut gelitten, zum Beispiel 2005 in Melbourne gegen Marat Safin, erzählt er. «Das tut richtig weh. Ich weiss nicht, ob ich damals den Final hätte bestreiten können.»

Das Adrenalin helfe in solchen Situationen, «und wenn du vorne liegst, schmerzt es etwas weniger». Seine Freude über den Sieg mindern die Probleme des Kroaten allerdings nicht. «Ich spüre eine tiefe Genugtuung.»

Kopfweh gegen Berdych

Federer verrät noch, dass er vor dem Halbfinal gegen Tomas Berdych an heftigem Kopfweh litt und deshalb ausnahmsweise auf Schmerzmittel zurückgriff. «Das machte mir etwas Angst, denn ich habe sonst nie Kopfweh und wusste nicht, wie es ist, damit zu spielen.» Auch ihm ist bewusst, dass sein Erfolg auf weniger spektakuläre Art zustande kam als noch am Australian Open. «Aber es war eine sehr starke mentale Leistung von mir, weil ich für alle der Favorit war.»

Der Superstar bezeichnet es als erschreckend, wie selten die ­jungen Spieler vorrücken. Die Coachs müssten Einfluss nehmen, findet er. «Am Netz passieren gute Dinge, sofern du dich wohl fühlst.» Akteuren im Bereich der Top 50, die glaubten, sich gegen Andy Murray und Novak Djokovic in langen Grund­linienduellen durchzusetzen, könne er nur sagen: «Viel Glück!» Der Baselbieter selber verfügt über das grösste Schlagrepertoire aller Spitzenspieler. «Früher war es ein Problem, dass ich so viele Optionen habe. ‹Was soll ich wann tun?›, war die Frage. Ich musste lernen, nicht fürs Publikum Zauberschläge zu zeigen.»

Mittlerweile bespricht er mit den Coachs Severin Lüthi und Ivan Ljubicic die Taktik jeweils sehr genau. «Wie returniere ich: Slice oder Block? Wie offensiv spiele ich? Wie oft gehe ich ans Netz? Es ist immer ein Abwägen, aber es ist schön, habe ich diese Optionen. Darum wird Tennis für mich nicht langweilig.» Trotzdem macht er nun erst mal ­Ferien. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 22:06 Uhr

Presseschau

«Roger Federer ist der Grösste aller Zeiten.»
Für den Mirror gibt es keine Zweifel.

«Roger Federer ist Teil der britischen Sportgeschichte, eine Dauerausstellung, von der man sich wünscht, sie würde nie geschlossen.»
Für The Telegraph ist der Schweizer auch ein Brite.

«Man hat schon alle Superlative verbraucht, um das Genie Federers zu beschreiben, des grössten Spielers aller Zeiten, und man muss weitere ­finden, um seinen 19. Grand-Slam-Titel (ein Rekord) und seinen 8. im Rasentempel zu erzählen.»
In Frankreich fehlen Le Parisien die Worte.

«Roger Federer hat aus Tennis etwas Wunderschönes gemacht. Er ist ein Künstler!»
Lob aus der Slowakei von der Zeitung Dennik N.

«Der König küsst zum achten Mal die Trophäe von Wim­bledon.»
In Tschechien hebt Lidove noviny den Maestro auf den Thron.

«Federer, Kaiser von Wimbledon: Die Geschichte von einer zeitlosen Schönheit wird in Wimbledon zur Legende.»
In Italien ist La Repubblica hin und weg.

«Er wird König ­Federer VIII. sein.»
Auch die Gazzetta dello Sport schwärmt.

«King Rogers nächste Krönung: der Senior ganz oben.»
In Österreich zieht der ­Kurier den Hut.

«Im achten Himmel.»
Die Süddeutsche Zeitung ­kreiert neue Redewendungen.

Zweikampf um die Nummer 1

Ein Wechsel an der Weltranglistenspitze ist absehbar. Andy Murrays Vorsprung auf Rafael Nadal und Roger Federer beträgt nur noch 285 respektive 1205 Punkte, und der Schotte hat bis zum Saisonende über 4000 Zähler mehr zu verteidigen als seine beiden ersten Verfolger. Nadal könnte die Spitze schon am 14. August nach dem Canada Open übernehmen, Federer frühestens eine Woche später nach dem Turnier in Cincinnati. Höchstwahrscheinlich wird entweder Nadal oder Federer die Saison als Nummer 1 abschliessen. Das sieht auch der Baselbieter so, obwohl er darauf verweist, dass sich einer mit einer langen Siegesserie, wie sie Novak Djokovic und Murray schon realisiert haben, noch in das Duell einmischen könnte. Derzeit spricht freilich nichts für eine derartige Entwicklung, zumal der Serbe an einer Ellbogenverletzung laboriert und der Brite von Hüftpro­blemen geplagt wird.

Wer hat die besseren Chancen, Nadal oder Federer? Für den French-Open-Rekordsieger spricht der Vorsprung, für den Wimbledon-Rekordchampion die Tatsache, dass er der etwas bessere Hartplatz- und der deutlich stärkere Hallenspieler ist. Viel wird davon abhängen, wie viele Turniere der Schweizer zu bestreiten bereit ist. Derzeit ist zum Beispiel noch unklar, ob er in Montreal dabei sein wird. Grundsätzlich strebt er in der Endphase seiner Karriere Titel an und setzt sich keine Ranking-spezifischen Ziele mehr. «Aber jetzt, da die Möglichkeit besteht, nochmals die Nummer 1 zu werden, muss ich mir überlegen, ob es sich lohnt, dieses Ziel anzustreben», sagt er und fügt an, er müsse clever mit seinem Körper umgehen. Weil sich die Chance unverhofft bietet, will Federer nichts überstürzen und die Planung innerhalb seines Teams in Ruhe besprechen.

Der Gewinner von 19 Grand-Slam-Titeln wird, das ist aus seinen diversen Aussagen zum Thema heraus zu spüren, kaum grosse Risiken eingehen, um Ende Jahr an der Spitze zu stehen. Doch den Gedanken, noch einmal die Nummer 1 zu sein, empfindet er durchaus als reizvoll. «Schon eine Woche die Nummer 1 zu sein, würde mich glücklich machen», sagt er. Mit 36 Jahren die Weltrangliste anzuführen, das hat bisher noch keiner geschafft. Das will indes gar nichts heissen; Roger Federer hat es sich zur Gewohnheit gemacht, als Tennisprofi in neue Sphären vorzudringen. ar

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