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«Die Verletzung ist wie ein Geist»

Nach seiner klaren Niederlage gegen Gaël Monfils sucht Roger Federer nach Erklärungen und verarbeitet die Enttäuschung mit einer kleinen Spasseinlage.

«Ich habe das Publikum in meinem Rücken gespürt»: Roger Federer sorgt an der Pressekonferenz für einige Lacher.

Im Davis-Cup-Final zwischen Frankreich und der Schweiz in Lille steht es 1:1. Stan Wawrinka siegte nach grandioser Leistung in vier Sätzen gegen Jo-Wilfried Tsonga, Roger Federer ging in drei Sätzen gegen Gaël Monfils unter.

Der erste Spieltag nahm einen unerwarteten Verlauf. Abnützungsschlachten waren erwartet worden. Am Ende dauerten beide Einzel zusammen nur etwas mehr als vier Stunden. Stan Wawrinka (ATP 4) benötigte zwei Stunden und 24 Minuten für seinen 6:1, 3:6, 6:3, 6:2-Sieg über Jo-Wilfried Tsonga (ATP 12). Und die Partie von Roger Federer (ATP 2) gegen Gaël Monfils (ATP 19) dauerte bloss eine Stunde und 46 Minuten (1:6, 4:6, 3:6).

Trotz des unentschiedenen Zwischenresultats, und obwohl Stan Wawrinka mit einer herausragenden Leistung den französischen Teamleader vom Sand wischte, verschlechterte sich am Freitag die Schweizer Ausgangslage - weil Federer nach seinen Rückenproblemen leistungsmässig noch nicht auf der Höhe ist. Und weil das Schweizer Davis-Cup-Team ohne Federer diesen Final kaum gewinnen kann.

«Werde mich steigern»

Das Schweizer Team, und insbesondere Roger Federer, versprühten am Freitagabend aber Zuversicht. «Wir sind zufrieden mit dem 1:1», sagte Federer. «Megawichtig war der Sieg von Stan Wawrinka», so Federer weiter. «Seine Leistung überstrahlt alles. Aber es gibt weitere gute Indizien. Ich konnte mein Einzel schmerzfrei bestreiten. Das Positive überwiegt nach dem ersten Tag auf jeden Fall. Ich denke, ich werde mich im Verlauf des Wochenendes steigern können. Und ich erwarte auch viel mehr von mir. Wir wissen jetzt, wo wir stehen. Und ich freue mich auf das, was jetzt kommt. Denn jetzt erst wird dieser Final erst richtig interessant.»

Schon der Freitag bot einiges. Die 27'432 Zuschauer im Stade Pierre Mauroy bedeuteten Weltrekord für eine Tennisveranstaltung. Die französischen Organisatoren verkauften noch über 400 zusätzliche Tickets mit eingeschränkter Sicht, um die zehn Jahre alte Bestmarke des Davis-Cup-Finals Spanien - USA in Sevilla zu knacken. Aber eine feindliche Hexenkesselstimmung schlug den Schweizern nicht entgegen: «Es war schon irritierend, dass Stan und Roger bei der Vorstellung der Mannschaften von unseren Fans mehr Applaus erhielten als wir», erklärte Jo-Wilfried Tsonga. Wie bereits vor 22 Jahren beim ersten Final mit Schweizer Beteiligung in Fort Worth, Texas, sorgten die Schweizer Gästefans mit Kuhglocken für die Stimmung.

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Wawrinka mit grossem Selbstvertrauen

Die Helden des ersten Tages hiessen Stan Wawrinka und Gaël Monfils. Der 29-jährige Romand strotzte anschliessend vor Selbstvertrauen. «Es gelang mir, mit einem Minimum an Vorbereitung das Maximum herauszuholen», so Wawrinka. «Ich war Tsonga in allen Bereichen überlegen.»

Diese Leistung von «Stan the Man» hatte niemand erwarten dürfen. Zwar zeigte er schon letzte Woche am Masters in London grandiose Leistungen, andererseits hatte er vorher im Herbst gegen den Japaner Tatsuma Ito (ATP 103) in Tokio, gegen den Franzosen Gilles Simon (ATP 29) in Shanghai, gegen den Kasachen Michail Kukuschkin (ATP 48) in Basel und gegen den Südafrikaner Kevin Anderson (ATP 18) in Paris-Bercy verloren. Und auch seine teils fragwürdigen Leistungen nach kurzfristigen Belagwechseln hätten niemals auf eine derartige Gala hingedeutet. Wawrinka verlor in den letzten Jahren jeweils früh in Indian Wells (Hartplatz) nach Teilnahmen in Acapulco (Sand). 2012 scheiterte er sowohl in Gstaad (Sand) nach Wimbledon (Rasen), wie anschliessend bei Olympia (wieder Rasen) in der Startrunde. Im Davis Cup verlor Stan nach Belagwechseln in den letzten Jahren gegen Mardy Fish, Bernard Tomic und Michail Kukuschkin. Und vor vier Jahren scheiterte er in Wimbledon in der Startrunde, nachdem er vorher noch den Challenger in Lugano (auf Sand) eingestreut hatte.

Wird Stan Wawrinka der grosse Schweizer Held in Lille, nachdem der Romand im Davis Cup in den letzten Jahren stets im Schatten Federers gestanden war? Wawrinka muss jetzt Federer mitreissen, wenn die Schweiz nicht auch den zweiten Final verlieren soll. Federer: «Es ist auf jeden Fall so, dass ich mich von Stan mitreissen lassen will. Er war nach seinem Sieg total aufgestellt. Sein Optimismus ist ansteckend. Als er während meines Einzels zurück in die Halle kam, stachelte mich das nochmals an. Aber es war schade, dass vorher alles so schnell gegangen ist.» Monfils führte gegen Federer schon nach 47 Minuten mit 6:1, 3:1; eine Möglichkeit zum Umschwung bot sich danach nicht mehr. Seit Roger Federer vor zehneinhalb Jahren erstmals die Nummer 1 der Welt wurde, verlor er erst zum zweiten Mal ein Davis-Cup-Einzel (bei 22 Siegen).

Keine Pause für Federers Rücken

Der Schweizer Fokus lag am Freitagabend aber auf dem Doppel von Samstagnachmittag. Wer spielt? Stan Wawrinka wird sicher auflaufen. «Ich fühle mich ausgezeichnet. Es bereitet mir keinerlei Probleme, an allen drei Tagen zu spielen», erklärte Wawrinka. Überraschenderweise will aber auch Roger Federer spielen. Nichts damit, dem Rücken eine Pause zu gönnen. Federer: «Ich bin bereit, an diesem Wochenende alles für die Mannschaft zu geben. Ich stelle mich auf jeden Fall auch fürs Doppel zur Verfügung. Wir werden die Möglichkeiten durchdiskutieren. Der Rücken schmerzte am Freitag nicht mehr. Die Umstellung auf den Sandplatz bereitete mir mehr Probleme als der Rücken.»

Auch wenn ihn der Rücken nicht mehr beeinträchtigt, so hat die Verletzung zumindest mental seine Spuren hinterlassen. «Es ist wie ein Geist, der da ist», sagte Federer und sorgte im Presseraum mit seiner dazu passenden Gestik für einige Lacher. Seine zweite Spasseinlage folgte nur eine Minute später, als er sagte, er habe das Schweizer Publikum in seinem Rücken gespürt. Die gute Laune dürfte ihm und dem Team auch am Samstag von Vorteil sein.

Das Doppel lieferte im Davis Cup schon oft die Vorentscheidung. Die Schweizer sind in dieser Disziplin aber seit sechs Jahren chronisch erfolglos. In der Weltgruppe wurden bloss zwei von zwölf Doppel gewonnen. Diese Siege feierten Marco Chiudinelli/Michael Lammer (auswärts in Serbien in der 1. Runde) und Michael Lammer/Stan Wawrinka (gegen Ecuador im Playoff 2013). Das Duo Roger Federer/Stan Wawrinka, das 2008 in Peking Olympiagold geholt hatte, verlor zuletzt viermal hintereinander im Davis Cup.

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