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Federer-Gegner: Rastloser Rüpel

Kaum einer spielt mehr Turniere als er, kaum einer rastet auf dem Platz ­häufiger aus: Benoît Paire ­bewegt sich zwischen Genie und Wahnsinn. Heute fordert die Weltnummer 40 an den Swiss Indoors in Basel im ­Achtelfinal Roger Federer.

Launischer Marathonmann: Benoît Paire hat in diesem Jahr bereits 89 Partien absolviert.
Launischer Marathonmann: Benoît Paire hat in diesem Jahr bereits 89 Partien absolviert.
Getty Images

Bis Ende Juni nahm Benoît Paire an 20 Turnieren teil. Pausen? Machte er praktisch keine. Als die erste Davis-Cup-Runde auf dem Programm stand, gönnte er sich ein paar freie Tage, am Australian und French Open schied er vor Beginn der zweiten Woche aus. Ansonsten aber reiste er von einem Ort zum nächsten, spielte in der ersten Jahreshälfte so viel wie kein anderer auf der ATP-Tour.

Einmal schrieb er sich sogar für einen zweitklassigen Challenger-Event ein. Von einem «verrückten Plan» spricht der Franzose nun, «aber ich hatte einfach Lust zu spielen, wollte unbedingt Punkte holen».

Zum Vergleich: Für Roger Federer, Paires Achtelfinalgegner heute in Basel (19 Uhr, SRF 2), sind die Swiss Indoors Turnier Nummer 17 in dieser Saison. Der Weltranglistenerste Rafael Nadal hat nur deren 16 absolviert. Die Top 20 der Weltrangliste – angemerkt sei, dass einige davon verletzt sind – haben im Schnitt 21 Turniere bestritten.

Paire seinerseits scheint einfach nicht genug zu bekommen. 34-mal ist sein Name in den vergangenen zwölf Monaten in einem Tableau aufgetaucht. Gute Airlines sowie schicke Hotels nennt er als Voraussetzung für ein sorgenfreies Vagabundenleben.

«Und wann immer möglich sollte man seine Freunde mitnehmen. Sonst sieht man sie kaum.» In Basel fällt Paires Entourage während des Erstrundenspiels am Dienstag auf. Wobei er quasi ein Heimspiel hat, lebt er doch seit geraumer Zeit in Genf.

Die fragwürdige Attitüde

Ein Turnier hat Benoît Paire gewonnen. Er war mal die Nummer 18 der Welt, wird derzeit auf Position 40 geführt. Der 196 Zentimeter grosse Hüne vermag die Filzkugel wie nur wenige Berufskollegen zu beschleunigen. Er besitzt auch ein feines Händchen, aber wohl nicht den Kopf für eine grosse Karriere.

Oft verliert er die Beherrschung, allein diese Saison hat er dreimal auf unrühmliche Art und Weise für Schlagzeilen gesorgt. In Chennai knallte er einen Aufschlag aus Wut ins Publikum, in Monaco beleidigte er Gegner Tommy Haas heftig. Und kurz darauf in Halle kassierte er gleich zu Beginn der Partie innert zweier Minuten drei (!) Verwarnungen, was mit einem Strafgame einherging.

Oft ist Paire näher am Wahnsinn als am Genie, einige attestieren ihm eine ähnlich fragwürdige Attitüde wie Rüpel Nick Kyrgios. Dies mag übertrieben sein, in Basel jedenfalls hinterliess er in der Startrunde gegen Steve Johnson (ATP 43) einen überaus motivierten Eindruck. In der Halle sei Paire ein sehr unangenehmer Gegner, meint Federer, «ich bin nicht sonderlich glücklich mit meiner Auslosung».

Dreimal bereits hat der 28-Jährige Stan Wawrinka bezwungen, den er einen «bon copain» nennt. Gegen Federer blieb er in vier ­Duellen ohne Satzgewinn. Heuer sind sich die beiden bereits einmal gegenübergestanden, na klar, bei Paires Pensum, könnte man sagen. «Die Kunst ist es, nicht zu viel Respekt vor Roger zu haben», hält der Aussenseiter fest.

Der rebellierende Körper

Zwölfmal hat Paire, der einem Eishockeyspieler im Frühling ähnelt, in dieser Saison den Kontinent gewechselt. Zu Hause ist er selten, auf eigene vier Wände mag er aber nicht verzichten – im Gegensatz zum Schweizer Henri Laaksonen (siehe Kasten), einem anderen Vielspieler, der mal da und mal dort lebt, die Wohnung wegen der permanenten Reiserei gekündigt hat.

In finanzieller Hinsicht zumindest lohnen sich Paires Strapazen, er hat 2017 rund eine Million Dollar Preisgeld erspielt. Mehr Turniere bedeuten aber nicht zwingend mehr Punkte; in die Weltrangliste fliessen nur 18 Ergebnisse innerhalb von 12 Monaten, beim Franzosen gelangen derzeit 15 Turniere gar nicht erst in die Wertung.

Weil Paire meistens auch die Doppelkonkurrenz bestreitet, hat er heuer schon 89 Partien absolviert. Er habe zu viel gespielt, «die Strategie war nicht durchdacht. Mein Körper rebelliert ein wenig.» Künftig werde er sich stärker auf einzelne Turniere konzentrieren, sagt der Rechtshänder.

«Federer ist diesbezüglich ein Vorbild.» Die Saison wird Paire nächste Woche in Paris beenden, danach folgt eine zweimonatige Pause. Wobei: Die Koffer wird er trotzdem wieder ­packen, benötigt er doch dringend Ferien.

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