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«Frau Federer, wie viel Südafrika steckt in Ihrem Sohn?»

Wenn Roger Federer am Freitag in Kapstadt ein Benefizspiel gegen Rafael Nadal austrägt, ist das auch für seine Mutter Lynette etwas Spezielles.

Lynette Federer hörte einst in Südafrika auf Anraten eines Arztes mit Landhockey auf – und begann mit Tennis. (Foto: Nicole Pont)
Lynette Federer hörte einst in Südafrika auf Anraten eines Arztes mit Landhockey auf – und begann mit Tennis. (Foto: Nicole Pont)

Die Leute in Südafrika seien stolz auf Roger, «und wenn er spielt, läuft das Buschtelefon heiss». Die das sagt, muss es wissen, handelt es sich doch um Federers Mutter. Sie wurde 1952 in Kempton Park unweit von Johannesburg als Lynette Durand geboren und interessierte sich anfänglich nicht für Tennis, obwohl diese Sportart allgegenwärtig war. «Es gab sogar in der Primarschule Tenniscourts. Aber zu meiner Zeit betrieben die Kinder in Südafrika lieber Mannschaftssport.»

Sie selber spielte in ihrer Jugend intensiv Landhockey, und das auch noch, als sie 1970 Robert Federer kennenlernte. «Doch ich bekam aufgrund der vielen Schläge Probleme mit den Beinen, wir hatten damals keine Schienbeinschoner. Meine Mutter schickte mich zum Arzt, und der sagte zu mir: ‹Landhockey ist kein Sport für eine Frau, hören Sie auf!› Ich nahm diesen Rat ernst und begann ein paar Monate nach Robbie ebenfalls mit Tennis.»

Die 67-Jährige freut sich extrem auf das Benefizspiel, das Roger Federer am Freitag in Kapstadt gegen Rafael Nadal bestreitet. «Es ist aber nicht nur für mich eine grossartige Sache, sondern auch für die vielen sportbegeisterten Menschen in Südafrika – und nicht zuletzt für Roger selber. Er hat lange davon geträumt, einmal dort zu spielen. Bisher hat er im südlichen Afrika jeweils Zeit verbracht, um meine Verwandten zu besuchen oder sich einen Überblick über seine Projekte zu verschaffen.»

Die Rugby-WM: «Wahnsinn»

Die Frage drängt sich auf: Frau Federer, wie viel Südafrika steckt in Roger? «Wie jedes Kind hat er einiges vom Vater, aber auch einiges von der Mutter geerbt. Ich habe das Gefühl, seine Lockerheit, seine Offenheit, seine Umgänglichkeit und seine lustige Art sind eher südafrikanisch, obwohl Robbie auch ein sehr humorvoller Mensch ist. Auch in Rogers Begeisterungsfähigkeit für den Sport erkenne ich mich wieder; diese ist in Südafrika ausgeprägt. Was der WM-Titel des Rugby-Teams auslöste, war der Wahnsinn.»

Auf dem Flug nach Südafrika schlummerte Klein Roger friedlich. «Er war ein liebes, angenehmes Baby», sagt Lynette Federer.

Lynette Federer kann sich noch bestens daran erinnern, wann sie Roger erstmals in ihr Heimatland mitnahm. Der heutige Tennisstar war erst drei oder vier Monate alt, als seine Mutter mit ihm und Schwester Diana nach Johannesburg flog. Während die Tochter im Flugzeug nicht schlafen konnte und so die Mutter unterwegs auf Trab hielt, schlummerte Klein Roger friedlich. «Er war ein liebes, angenehmes Baby. Und als wir nach den südafrikanischen Sommermonaten zurückkehrten, konnte Roger sitzen und kriechen.»

Andre Agassi als Vorbild

Bei der Erziehung setzte Lynette Federer nicht bewusst südafrikanische Schwerpunkte; sie sprach aber mit ihren Kindern anfänglich konsequent Englisch. Für Afrikaans hingegen reichte es nicht, «das wäre eine Überforderung gewesen, zumal Robbie die Sprache nicht beherrscht». Als sie 1973 in die Schweiz zog, lernte sie zuerst schweizerisch und italienisch kochen. Später wurden dann im Hause Federer ab und zu südafrikanische Gerichte und Desserts serviert. Das sei gut angekommen, erzählt Lynette Federer.

«Doch jetzt merke ich: Je mehr er in Afrika ist, desto neugieriger wird Roger. Wir reden nun vermehrt über Geschichte, zuletzt Ende 2019 in den Ferien.»

Die südafrikanische Geschichte mit der Apartheid war in der Familie Federer kein grosses Thema. «Doch jetzt merke ich: Je mehr er in Afrika ist, desto neugieriger wird Roger. Wir reden nun vermehrt über Geschichte, zuletzt Ende 2019 in den Ferien.» Der Gewinner von 20 Grand-Slam-Titeln sagte kürzlich, er hätte Nelson Mandela sehr gern getroffen. Für seine Mutter war der lange inhaftierte Freiheitskämpfer «eine Riesenpersönlichkeit. Ich finde es schade, bekam Mandela nicht zehn Jahre früher die Gelegenheit, Südafrika zu regieren. Er war ein guter Mensch, der für unser Land viel geleistet hat.»

Mutter und Sohn (19-jährig) beim letzten Kapstadt-Besuch. Foto: zvg
Mutter und Sohn (19-jährig) beim letzten Kapstadt-Besuch. Foto: zvg

Auch der südafrikanische Komiker, Schriftsteller und Schauspieler Trevor Noah, der heute mit Nadal im Doppel antritt, hat Federers Interesse geweckt. Noah, dessen Mutter verachtet wurde, weil sie sich mit einem Schweizer eingelassen hatte, schrieb ein Buch («Born a Crime») über seine Kindheit als Mischling in den Slums. «Noah ist hochintelligent, das zeigt, dass es auch in den Townships viele Leute mit Potenzial gibt und auch dort etwas Positives entstehen kann», sagt Lynette Federer.

Diana und Roger wurden durch die regelmässigen Südafrikareisen schon relativ früh mit der Armut konfrontiert. «Für Kinder ist es nicht schön, solche Zustände zu sehen, aber es ist, wie es ist. Man darf solche Sachen nicht verstecken. In der Schweiz sind wir sehr privilegiert, weil wir das Elend nicht sehen, obwohl es auch bei uns existiert.»

Haben die Erlebnisse in Südafrika dazu geführt, dass Roger schon früh das Bedürfnis hatte, eine Stiftung zu gründen und Kindern zu helfen, die weniger privilegiert sind? In Bezug auf die Philanthropie sei Andre Agassi Rogers Vorbild gewesen, antwortet Lynette Federer. «Und als er im Tennis erste Erfolge feierte und gut zu verdienen begann, sagte er sich: Weshalb soll ich mit dem Helfen warten, bis ich so alt bin wie Agassi?»

Robert, der Hardcore-Fan

Im Familienkreis wurde dann über die Stiftung diskutiert. «Dass wir ausser in der Schweiz im südlichen Afrika tätig sind, ist sicher auf Empfehlung von Robbie und mir entstanden – Robbie ist ein Hardcore-Fan des südlichen Afrikas.» Dass die Roger Federer Foundation in die Bildung von Kindern investiert, hat einen simplen Grund: «Bildung kann dir niemand wegnehmen.»

«Ich habe schon viele Projekte in verschiedenen Ländern besucht. Es tut dir auch selber gut, wenn du merkst: Wow, wir bewegen hier etwas, es findet eine positive Entwicklung statt.»

Die Herkunft Lynette Federers steigert die Glaubwürdigkeit des Engagements des Tennisstars. Sie findet es toll, «dass wir dort Hilfe offerieren, wo die Kinder sonst fast keine Chance hätten, etwas zu erreichen. Wir ermöglichen den Kindern, die Schule zu besuchen, und kümmern uns darum, dass sie von gut ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden. Ich habe schon viele Projekte in verschiedenen Ländern besucht. Es tut dir auch selber gut, wenn du merkst: Wow, wir bewegen hier etwas, es findet eine positive Entwicklung statt.»

Zittern ist für einmal unnötig

Während dem Sohn, der Doppelbürger ist, aufgrund seiner Tenniskarriere die Zeit fehlt, oft nach Afrika zu reisen, tun dies seine Eltern regelmässig. «Mein Mann hat sein Herz im südlichen Afrika verloren. Wir haben schon sehr viel erlebt, waren öfters auch in Namibia, Botswana, Zimbabwe, Sambia, Malawi.» Lynette Federer bekommt daher mit, wie sich ihr Heimatland verändert. Dass wie fast überall sehr viel gebaut wird, gefällt ihr weniger, «aber was mir an der Entwicklung in Südafrika besonders auffällt und mich freut: Früher hatte es kaum Schwarze in wichtigen Positionen, heute sieht man sie überall.» Geblieben sei die Grossherzigkeit und Grosszügigkeit ihrer Landsleute.

Für den Match in Africa versammelt sich ein Grossteil ihrer Familie im ausverkauften Cape Town Stadium. Roger Federers Mutter freut sich darauf, dass ihre Verwandten Roger live am Werk sehen werden. Und auch für sie ist das Benefizspiel etwas Besonderes, kann sie doch entspannt «das Tennis geniessen. Es ist schon angenehm, für einmal nicht bei jeden Ballwechsel zittern zu müssen.»

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