«Ich hatte einen Überlebensinstinkt»

Timea Bacsinszky spricht über ihr Leiden als Tennistalent unter einem dominanten Vater und die Rückkehr aus dem Nichts in die Top 30.

Kämpferisch: Timea Bacsinszky hat in ihrem neuen Tennisleben zurück an die Weltspitze gefunden.

Kämpferisch: Timea Bacsinszky hat in ihrem neuen Tennisleben zurück an die Weltspitze gefunden.

(Bild: Keystone)

Anfang Jahr erwarteten viele, dass Belinda Bencic weit vorstossen würde, jetzt sind es Sie. Was denken Sie, wenn Sie das WTA-Ranking sehen und sich auf Rang 26 finden?
Ich setze mir keine Ziele und keine Grenzen, und das hat mir geholfen, so weit zu kommen. Und ich werde hart arbeiten, um noch mehr zu erreichen. Jetzt, da ich so gute Resultate erziele, kommen alle und wollen sehen: Was macht sie besser als wir? Aber ich habe nichts ­Magisches gefunden. Jetzt hat es einfach zwei ­Wochen nacheinander funktioniert, vielleicht verliere ich nun fünfmal hintereinander. Man weiss nie, was kommt, muss bereit sein für alles. Es geht langsam hoch, kann aber schnell wieder ­hinuntergehen.

In einem Interview mit der «Illustré» sagten Sie kürzlich, in der Jugend seien Sie eingesperrt gewesen von Ihrem Vater, er habe Sie nicht geliebt und unterdrückt. Ist dieses Kapitel für Sie noch nicht abgeschlossen, obwohl Sie sich von ihm vor über zehn Jahren trennten und den Kontakt abbrachen?
Für mich ist es inzwischen abgeschlossen, aber die Journalisten kommen eben gerne auf dieses Thema zu sprechen, was ich akzeptiere. Aber früher sprach ich anders darüber (erhebt die Stimme): Es war so ungerecht und so weiter . . . ­Inzwischen erzähle ich nur noch, wie es war, aber ich will nicht mehr nur klagen, wie schlecht es mir erging. Das tat ich früher auch nur, weil mich niemand verstand und niemand kam, um mich zu trösten.

Darüber sind Sie nun hinweg?
Ja, dank viel Arbeit bin ich der Mensch geworden, der ich nun bin. Langsam höre ich auch auf, über die Vergangenheit zu sprechen. Vielleicht werde ich nach meiner Karriere einmal ein Buch schreiben und meine Story erzählen, weil diese anderen helfen kann. Es ist schade, wenn Familien zerbrechen, nur wegen Geld und Ruhm.

Im Tennis gibt es viele Fälle mit dominanten Vätern: Dokic, Pierce, Capriati, Rezai, Tomic . . . Was können Sie Talenten in ähnlicher Situation raten?
Schade ist, dass man als junges Mädchen im Prinzip nichts machen kann gegen den Vater, bevor man 18 ist. Bei mir war es anders, weil ich meine Mutter drängte, sich scheiden zu lassen, als ich 15 war. Sonst wäre ich weggelaufen von zu Hause. Väter haben die totale Macht. Ich hatte kein Geld, keinen Zugang zum Konto, er war stärker, schrie lauter als ich. Ich überlegte oft, ob ich die 147 (Notrufnummer für Jugendliche) anrufen soll, hatte aber Angst, dass er es auf der Rechnung sehen würde. Dann wäre alles noch schlimmer geworden. Als Junge bist du mit 15 oft grösser als dein Vater, dann kannst du sagen: Fuck off.

Also haben Sie keinen Ratschlag?
Es gibt keinen. Nur für die Eltern: Die müssen merken, dass ein solches Kind vielleicht einmal sehr gut Tennis spielen wird, aber dafür die Familie früher oder später kaputtgeht. Man muss nur die Beispiele anschauen. Es kann schon funktionieren – aber der Job der Eltern ist es doch, das Kind zu schützen und ihm zu helfen, es zu beraten. Und nicht zu erwarten, dass es das Leben lebt, das die Eltern wollen. Ein Kind hat das Recht, zu wählen. Dann wird es auch sein Bestes geben. Sonst wird es sich vielleicht zu 98 Prozent entwickeln, aber die restlichen 2 Prozent werden einen grossen Unterschied ausmachen. Und das nicht nur im Tennis, sondern in jedem Bereich.

War die Ehe Ihrer Eltern zerrüttet?
Sie war schon seit Jahren eine Kata­strophe. Wenn ich verlor, schrien sie sich an, ehrlich. Merde. Ich hielt die ganze Familie zusammen – als Kind! ­Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich machte sicher zehn Jahre tennismässig vieles schlecht. Aber mit einer solchen Kindheit kann man nicht perfekt sein.

Schon mit 15 hatten Sie davon gesprochen, Ihre Karriere abzubrechen und in einem Fitness­club in Lausanne zu arbeiten.
Ich wollte eigentlich immer aufhören, schon als ich 10 war. Aber ich durfte nicht. Mit 15 sagte ich zu meiner Mutter (wechselt auf Französisch): Entweder lässt du dich scheiden, oder ihr zwei seht mich nicht mehr. Wenn du dich scheiden lässt, bleibe ich bei dir. Das war der Deal. Ich muss schon sagen: Ich hatte wirklich Mut, mit 15. Ich hatte einen sehr starken Charakter, einen Überlebensinstinkt. Ich wollte leben.

Wenn ich Ihr Vater wäre, würde ich nun wohl sagen: Nur dank mir spielt sie so gut Tennis . . .
(lacht) Das kann er, aber das wäre nicht legitim. Ich hätte auch ganz anders herauskommen können. Es ging mir so schlecht, dass ich mit zwölf zu Drogen oder Alkohol hätte greifen können, alles war möglich. Dass ich dies nicht tat, dafür danke ich nur mir selber. Es ist schon gut, dass er mir ein Racket gab. Aber die zehn Jahre, in denen es mir so schlecht ging, bevor ich eine Psychologin aufsuchte und um Hilfe nachsuchte? Nimmt er die auch auf sich?

Arbeiten Sie immer noch mit dieser Psychologin?
Ich gehe gelegentlich vorbei, wenn ich in der Schweiz bin. Es gibt so vieles, was ich noch lernen kann. Dass ich das Recht habe, mein Leben selber zu führen und Entscheidungen zu treffen, dieses Thema ist aber abgeschlossen.

Sie erzählten in der «Illustré» auch, dass Sie vor etwa drei Jahren ­depressiv waren und eine Weile jeden Abend Party feierten. Haben Sie das Gefühl, dass Sie einige Jahre verloren haben in Ihrer Karriere? Dass es da ein Loch gibt, aus dem Sie mehr hätten machen können?
Einerseits schon. Aber wenn meine ­Geschichte anders gewesen wäre, hätte ich dieses Loch nicht gehabt. Man kann die Vergangenheit nicht ändern, nur in der Gegenwart etwas bewirken. Das hat mich Dimtiri (Zavialoff, ihr Coach) gelehrt. Es ist nicht gut, immer zurückzublicken. Französisch sagt man: «Mit Wenn bringt man Paris in eine Flasche.»

Journalisten schauen halt gerne zurück. Und überlegen sich etwa, was passiert wäre, wenn Sie 2013 nicht einen Anruf vom French Open erhalten hätten, Sie könnten das Qualifikationsturnier bestreiten. Dann würden Sie vielleicht heute nicht mehr Tennis spielen.
Das stimmt. Aber vielleicht hätte ich zwei Jahre später noch mal begonnen.

Gibt es Dinge, die Sie bereuen?
Das ist auch eine dieser «Paris-in-der-Flasche-Fragen» . . . (lacht) Zum Beispiel hätte ich gerne früher mit Dimitri trainiert, aber er war damals mit Stan ­(Wawrinka) zusammen. Nein, ich bereue nichts. Wenn ich nicht lange verletzt gewesen wäre (am Knöchel, 2011 und 12), hätte ich auch meinen Freund nicht kennen gelernt. Er gibt mir Stabilität und hilft meiner Karriere, indem er mit mir reist und viele Kleinigkeiten erledigt.

Können Sie sich ein so grosses Team überhaupt leisten? Sie haben zudem einen Coach, einen Fitnesstrainer, einen Manager . . .
Bisher schon. Ich glaube, dass man ­etwas zurückbekommt, wenn man investiert. Aber man darf nicht erwarten, dass es sofort zurückkommt. Es braucht viel Arbeit und viel Geduld.

Sie sagen, Sie setzen sich keine Ziele. Aber erlauben Sie sich zu träumen?
Träume habe ich viele. Zum Beispiel den, einmal einen Grand-Slam-Pokal hochheben zu können. Wo, ist mir egal. Inzwischen geniesse ich die Tennistour viel, viel mehr als früher. Früher war es oft schwierig für mich, an Turniere zu gehen. Denn ein Teil von mir liebte dieses Leben nicht. Jetzt liebe ich auch alle vier Grand-Slam-Turniere. Ich habe mein Spiel adaptiert, bin fitter, professioneller, und ich habe ein optimales Team um mich.

Stimmt der Eindruck, dass Sie im Moment auch mehr Selbstvertrauen denn je haben?
Ich bin mir einfach bewusst, dass ich viele Lösungen habe für die Probleme, welche die anderen Spielerinnen mir bereiten. Und ich habe jetzt auch verstanden, dass ein Match sehr lange dauert und es nichts heissen muss, wenn es zu Beginn schlecht läuft. Wenn der erste Plan nicht funktioniert, habe ich einen Plan B. Und meine Beine helfen mir sehr gut dabei, meine Pläne umzusetzen.

Und wovon träumen Sie privat?
Dass ich sehr lange mit meinem Freund zusammenbleibe . . . (lacht) Und dass ich hoffentlich immer gute Beziehungen ­haben werde zu den Leuten, die ich liebe. Das ist mir wichtig. Und, klar: Warum soll ich nicht eines Tages Kinder haben? Hoffentlich werde ich eine gute Mutter sein. Ich möchte mich auch nach dem Tennis gut entwickeln. Das Tennisleben dauert vielleicht bis 35, dann bleibt noch mehr als die Hälfte des ­Lebens übrig.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...