McEnroes Wut, Federers Tränen

Der Laver-Cup schrieb viele Geschichten, bis er in der letzten Partie für Europa entschieden wurde. Ein Streifzug.

Was für ein Finale. Alexander Zverev gewinnt das Tiebreak gegen Milos Raonic und sichert dem Team Europa den Laver-Cup 2019. (Video: Eurosport)
René Stauffer@staffsky

Die Genfer Palexpo-Halle erlebt ein dreitägiges Tennis-Spektakel mit unerwarteten Wendungen, grossen Emotionen und einer ungewohnten Rollenverteilung am Final-Sonntag. 2020 wird der Laver-Cup wieder in Nordamerika ausgetragen, in Boston, und ob er je in die Schweiz zurückkehren wird, steht in den Sternen. So lief die dritte Austragung.

Der Lärmgipfel: Wie eine Kettensäge

Den stimmungs- und lärmmässigen Höhepunkt erlebte die Begegnung, als Roger Federer im Match-Tiebreak gegen Nick Kyrgios am Samstag nach einem Stoppball mit einem Reflexvolley das 3:2 holte. Der Lärm erinnerte an einen Güterzug, Messungen ergaben 110 Dezibel, was einem Rockkonzert oder einer Kettensäge entspricht. Er habe nur einmal etwas Vergleichbares erlebt, sagte Federer – als er in Bogotá 2012 zu einem Schaukampf einlief. «Da wurde es so laut, dass ich Angst hatte.»

Die Unzertrennlichen: Bis die Hand euch trennt

Fast wie siamesische Zwillinge waren in den drei Tagen Federer und Rafael Nadal unterwegs, immer Seite an Seite und angeregt diskutierend. «Das Schöne ist, dass wir meistens gleicher Meinung sind», sagte Federer, der vom ungemein engagierten Spanier auch gecoacht wurde – worauf er gegen Kyrgios ein 6:7, 4:5 in den Sieg verwandelte. Nadal und Federer hätten gemeinsam Doppel spielen sollen, doch eine Entzündung des Spaniers am linken Handgelenk verhinderte einen Doppelauftritt der erfolgreichsten Grand-Slam-Spieler.

Das Missverständnis: Nachhilfe für Tsitsipas

«Wir müssen etwas klarer mit den Fingern sein», belehrte Nadal seinen Partner Stefanos Tsitsipas während ihres Doppels – und konnte sich kaum halten vor Lachen. Er habe die Zeichensprache des Griechen vor dem Aufschlag nicht verstanden, erklärte er: «Wenn du die Faust zeigst, bleibst du auf deiner Seite, wenn du irgendeinen Finger zeigst, wechselst du», klärte er ihn beim Seitenwechsel auf, unter dem Gelächter des ganzen Teams.

Die Verlängerung: Captains machen weiter

Ursprünglich waren Björn Borg und John McEnroe für drei Jahre als Teamcaptains verpflichtet worden. Die früheren Rivalen, die in dieser Rolle beide aufleben, liessen sich nun auch für 2020 verpflichten. «Ich liebe den Anlass und alles, was er repräsentiert», sagte Borg, «es ist die beste Woche des Jahres.» Auch McEnroe bezeichnet ihn als Höhepunkt. Obwohl er auch nach der dritten Austragung noch auf den ersten Erfolg wartet.

Das Missgeschick: Stummfilm-Tennis

So gelungen die Genfer Austragung auch war, ganz blieb das Turnier nicht von Pannen verschont. Die offensichtlichste war, als in der Partie von Tsitsipas und Fritz während vier Games das Mikrofon des Schiedsrichters ausstieg. Als sich der Unparteiische wieder melden konnte, gab es Szenenapplaus. Eine Panne unterlief auch Team Europa, als es handschriftlich die Paarungen notierte und dabei zweimal den Namen Kyrgios falsch schrieb: «Kyrios». Wem der Fauxpas unterlief, blieb geheim.

Der Protest: McEnroe kritisiert Regeln

Die Laver-Cup-Regeln sehen vor, dass am Samstag und Sonntag ein Team seine Aufstellung vorlegt und das andere anhand dieser seine Spieler wählen darf. Den Vorteil hatte am Sonntag Team Welt – aber zu einem Zeitpunkt, als Nadal für das Doppel und das erste Einzel gemeldet war. Nach seinem Forfait hätte McEnroe – logisch – gerne seine Nomination angepasst, doch das wurde nicht erlaubt, was ihn in Rage versetzte. So hatte er nur noch die Option, als Gegner von Dominic Thiem Jack Sock oder Taylor Fritz aufzustellen. Sein Team blieb aus Protest länger in der Garderobe vor dem ersten Einzel des Sonntags – in dem McEnroe erlebte, wie Notlösung Fritz überraschend drei Punkte buchte. «Dieser Sieg bedeutet mir alles. Es muss der grösste meiner Karriere sein», sagte Fritz. Und doch war er letztlich wertlos.

Der Rekordmann: Federers Emotionen

Federer war an sechs Punkten Europas beteiligt und bleibt damit der erfolgreichste Spieler im Laver-Cup. Im Einzel gewann er zum dritten Mal beide Partien, womit er hier alleine 15 Punkte sammelte, im Doppel kam er in Genf zum dritten Punktgewinn. «Es war ein Traumwochenende», sagte er zu den Zuschauern mit stockender Stimme und Tränen in den Augen.

Der Teamspieler: Kyrgios’ andere Seite

Wie Nadal musste am Sonntag auch Kyrgios passen; bei ihm war es die Schulter, die schmerzte. Und wie Nadal bei den Europäern übernahm auch der Australier in McEnroes Team die Rolle des unermüdlichen Antreibers. Zwar eilt ihm der Ruf des Bad Boy voraus, und er droht von der ATP-Tour gesperrt zu werden wegen Undiszipliniertheiten. Bei seinem ersten Auftritt in der Schweiz aber zeigte er sich von der besten Seite. Das habe mit dem Laver-Cup zu tun, erklärte er. «Er macht einfach Spass. Mein Jugendfreund Jordan (Thompson) und weitere Freunde unterstützen mich, und neben mir sitzt John (McEnroe), der mich versteht und mein Spiel sehr gut kennt. Für mich ist das der ultimative Anlass. Ich repräsentiere die Welt, um mehr kann man nicht spielen.»

Der Selbstkritische: Tsitsipas’ neue Erfahrung

Debütant Stefanos Tsitsipas reihte sich ein in die Anhänger des Turniers. Obwohl er am Samstagabend neben Nadal und am Sonntag neben Federer im Doppel verlor, war er überwältigt von der neuen Erfahrung. «Auf dem Court zu erleben, wie beide spielen, war einzigartig. Ihre Hingabe, ihre Konzentration, ihr Talent – die beiden sind immer hundertprozentig dabei.» Mit sich war der Grieche nicht ganz zufrieden. «Ich war steif und hätte es besser machen können.»

Die Abwesenden: Wawrinka und SRF

Nicht zu sehen war in Genf Stan Wawrinka, der schon im Mai ein Angebot zur Teilnahme ausgeschlagen hatte, da er es als zu niedrig erachtet hatte. Offenbar am Fuss verletzt und deshalb auch nicht in St. Petersburg, nutzte er die Woche für einen Zahnarztbesuch. Nicht live dabei war auch das Schweizer Fernsehen, das die Laver-Cup-Rechte vor drei Jahren als zu teuer erachtet hatte. Zum Zug kam TV 24, das mit Marco Chiudinelli und Severin Lüthi zwei Federer-Insider dabeihatte. Ob SRF 2020 auf den Laver-Cup-Zug aufzuspringen gedenkt, ist unklar.

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