Die Stunde für die Romantiker

Der Name von Ajax Amsterdam steht für die grossen Zeiten mit Johan Cruyff. Mit dem Viertelfinal in der Champions League gegen Juventus lebt die Geschichte wieder auf.

Juve-Trainer Massimiliano Allegri äussert sich zu Gegner Ajax Amsterdam. (Video: Teleclub)
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Ach Ajax! Was für ein Name. Welche Erinnerungen.

An Cruyff, die 1970er- und 1990er-Jahre, den «voetbal totaal», den totalen Fussball, in dem es keine Verteidiger und Stürmer gab, sondern jeder alles machte.

Ajax ist die Erinnerung an einen Verein, der zu Zeiten Europa beherrschte, als noch nicht das Geld über den Erfolg entschied. 1971, 1972 und 1973 gewann er den Europacup der Meister, der unvergleichliche Johan Cruyff war immer dabei. Ajax baute später eine Nachwuchsabteilung auf, die stilbildend war und gerade in den Neunzigerjahren Heerscharen von Beobachtern zu deren Studium nach Amsterdam lockte.

1995 gewann dieses Ajax die Champions League gegen Milan, ein Jahr später stand es nochmals im Final und verlor ihn gegen Juventus. Dann brach die Mannschaft auseinander. Das Bosman-Urteil liess den Club ausbluten. Die Spieler zog es da hin, wo das grosse Geld lockte.

Europäisch wurde Ajax an den Rand gedrängt, sein Name steht bis heute für die Schwierigkeiten, die ein Ausbildungsverein im Vergleich zu den Riesen aus Madrid, Mailand, München oder Manchester hat. Ajax war in der Champions League immer wieder dabei, aber nie mehr mittendrin, und oft kam es nicht einmal mehr bis in die Gruppenphase, sondern scheiterte schon in der Qualifikation an Teams wie Rapid, Slavia Prag, Kopenhagen oder Celtic.

Zu alter Stärke zurückfinden

2003 stand es letztmals im Viertelfinal der Champions League. Jetzt ist es zurück auf dieser Stufe, und wieder kommt der Gegner aus Italien. Damals hiess er Milan, jetzt ist das Juventus mit Ronaldo. «Natürlich ist Juventus Favorit», sagt Erik ten Hag, «aber es gibt immer Möglichkeiten.»

Der 49-jährige Trainer von Ajax weiss, wovon er spricht. Seine Mannschaft hat es im Achtelfinal gezeigt, als sie Real Madrid aus dem Wettbewerb warf, den Sieger der letzten drei Austragungen. Daheim hatte sie noch 1:2 verloren, doch das Rückspiel machte sie zur Gala. Sie zerlegte den Gegner und gewann im Bernabéu 4:1. Die Fussball-Welt staunte über eine Mannschaft, die im Durchschnitt 24 Jahre alt ist.

Dass bei Ajax wieder etwas heranwächst, deutete sich vor zwei Jahren mit dem Einzug in den Final der Europa League an. Peter Bosz war der Trainer, der trotz des 0:2 gegen Manchester United mit seinem Sturm-und-Drang-Denken zum romantischen Erbe Cruyffs passt, und dass in der Abwehr Matthijs de Ligt auflief und im Mittelfeld auch noch Frenkie de Jong zum Einsatz kam, stand ebenfalls für die Geschichte des Vereins: De Ligt war 17, De Jong 19.

Zwei Milchgesichter

De Ligt und De Jong sind zwei milchgesichtige Männer, die für den Aufbruch von Ajax stehen, aber nicht nur: Sie stehen auch für die Hoffnung der stolzen Fussballnation Holland, zu alter Stärke zurückzufinden. «Wir wollen unsere Spieler wieder hochbringen», sagte Edwin van der Sar, «das mögen die Menschen an Ajax. Unsere Trainer, angefangen bei der U-11, wissen, was für ein Club wir sind.» Van der Sar stand 1995 beim Triumph in der Champions League im Tor, heute ist er der CEO.

Ajax, benannt nach einem Krieger aus der griechischen Sage, ist neben Juventus, Bayern, Chelsea und Manchester United einer von fünf Clubs, die alle drei europäischen Wettbewerbe gewannen. Es ist Hollands Rekordmeister und Rekordcupsieger. Im Moment führt es die Meisterschaft an, mit einem Torverhältnis von 100:26.

International ist es trotzdem ein Leichtgewicht mit 92 Millionen Euro Umsatz. Die Transferrechnung ist da extra geführt, aber die schaut gut aus. 2014 kaufte es für 2,8 Millionen Euro Arkadiusz Milik, zwei Jahre später verkaufte es ihn für 32 Millionen an Napoli. Oder Davinson Sanchez: für 5 Millionen aus Kolumbien geholt, für 40 Millionen an Tottenham weitergereicht.

Vergleiche mit Beckenbauer und Cruyff

Oder eben De Ligt und De Jong, die schon mit Beckenbauer oder Cruyff verglichen worden sind. De Ligt ist aus der eigenen Jugend und steht wohl vor einem Transfer für 70 Millionen zum FC Barcelona. De Jong kam als 18-Jähriger für 10 Millionen aus Tilburg, im Sommer wechselt er definitiv mit einem 5-Jahres-Vertrag nach Barcelona. Er kostet mindestens 75 Millionen. Gerade der feingliedrige De Jong ist der Typ, den die Holländer lieben: Fussball-intelligent, mutig, technisch beschlagen, passsicher, mit Übersicht gesegnet.

Transfers wie die der beiden Jungspunde sind sehr gut fürs Geschäftsmodell von Ajax, nicht unbedingt für die Kontinuität in der Arbeit von Trainer Ten Hag. Er muss immer wieder von vorne anfangen. Und er hat noch ein paar andere Spieler, die kaum ihre Karriere in der Johan-Cruyff-Arena beenden. Da sind: André Onana, 23, Kameruner, Torhüter; Noussair Mazraoui, 21, Marokkaner, Rechtsverteidiger; Kasper Dolberg, 21, Däne, Angreifer; David Neres, 22, Brasilianer, Flügelstürmer; Hakim Ziyech, zwar schon 26, Marokkaner, überragender Techniker im Mittelfeld.

Ein Platz nahe der Elite

«Was wir machen, ist hoffentlich genug, um wieder einen Platz nahe der Elite zu erobern», sagt CEO Van der Sar. Nahe der Elite, betont er. Er weiss, wie weit weg die ist. Juventus setzt über viermal mehr um und ist trotzdem mit 395 Millionen Euro nur auf Platz 11 der finanzstärksten Vereine Europas.

Van der Sar vergisst auch nicht, welch beschwerlichen Weg die Amsterdamer allein diese Saison zurückgelegt haben. Gegen Sturm Graz, Standard Lüttich und Dynamo Kiew mussten sie drei Runden überstehen, bevor sie überhaupt in der Gruppenphase waren. Da blieben sie gegen Bayern München, Benfica und AEK Athen unbesiegt. Im Bernabéu folgte der Triumphzug.

Und morgen kommt der Gegner aus Turin, der sich den Gewinn der Champions League zum Ziel gesetzt hat. «Juventus ist mehr als Ronaldo», sagt Ten Hag. Aber auch er weiss: Juventus ist nicht zuletzt Ronaldo.

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