Die Gründe für das erneute Barça-Debakel

Wie vor einem Jahr macht sich der FC Barcelona in der Champions League lächerlich. Die Parallelen und Unterschiede zu damals.

Die Highlights der Liverpool-Gala und Barça-Blamage. (Video: Teleclub)

In Barcelona gab es in den letzten sechs Tagen kaum ein anderes Thema. Immer und immer wieder wurde daran erinnert. An eine Niederlage, die in den Augen vieler Barça-Fans eine Saison überschattete, in der die Katalanen das Double holten – mit dabei war der siebte Ligatitel in den letzten zehn Jahren. Doch das 0:3 bei der AS Roma im Champions-League-Viertelfinal (nach 4:1-Sieg im Hinspiel) schien in Spanien zu überwiegen. Es eine der bittersten Niederlagen in diesem Wettbewerb. Bis gestern Dienstag.

Dabei hätte mit der ständigen Erwähnung des Debakels von Rom eine Message vermittelt werden sollen: Das passiert nicht noch einmal. So sprachen auch die Spieler: «Wir sind noch nicht durch», mahnte Luis Suarez nach dem 3:0 im Hinspiel gegen Liverpool, denn die Erinnerung an letzte Saison sei noch frisch. Der Stürmer sagte aber auch: «Wir haben unsere Lektion gelernt.» Im Gegensatz zum Vorjahr rotierte Trainer Ernesto Valverde am Wochenende vor der kapitalen Champions-League-Partie kräftig durch, schonte nahezu alle seine Stars. Und dennoch steht Barça nach einer historischen Nacht an der Anfield Road als Depp von Europa da. Wieder. Die Gründe dafür weisen erstaunliche Parallelen zum Fiasko vom Stadio Olimpico auf. Vor allem bestätigt es aber einen Trend unter Valverde.


1. Frühes Tor


Er ist die treibende Kraft für jede Euphorie-Welle eines Teams, das von einer Wende träumt: der frühe Treffer. In Rom kassierte Barça das erste Gegentor in der 6. Minute, in Liverpool war es die 7. Die Fans in Anfield, die schon vor Anpfiff für Gänsehaut-Stimmung sorgten, begannen so richtig an das Wunder zu glauben – und manchem Barça-Spieler dürften die Knie langsam zu zittern begonnen haben.

Zwar fing sich Barcelona nach knapp 20 Minuten und kam, angetrieben von Lionel Messi, seinerseits zu exzellenten Torchancen. Allerdings war dank Divock Origis frühem 1:0 klar, dass Barça eine Gelegenheit verwerten müsste, ansonsten würde es ein langer, langer Abend werden.


2. Jürgen Klopp


Vor einem Jahr war es der Mut von Trainer Eusebio di Francesco, der für den Unterschied sorgte. Er stellte seine Taktik um, um Barça einzuschnüren. Jürgen Klopp brauchte sich hingegen nicht zu verändern. Auch wenn der deutsche Trainer in den total 180 Minuten diverse Systeme ausprobierte (Wijnaldum als falsche 9, Milner links aussen, Origi als Mittelstürmer), die Spielprinzipien blieben die gleichen: atemberaubendes Pressing (zwei der vier Treffer fielen nach Balleroberungen tief in der gegnerischen Platzhälfte), gepaart mit einer Mischung aus schnellen Angriffen und Geduld beim Ballbesitz. Schon beim 0:3 in Barcelona war Liverpool eigentlich das dominierende Team. Bei seiner Präsentation als Reds-Coach vor knapp vier Jahren bat Klopp um Geduld. Und der 51-Jährige hielt Wort: Auch wenn es möglicherweise knapp nicht zum englischen Meistertitel reicht, ist Liverpool aktuell das vielleicht beste Fussballteam der Welt.


3. Liverpools Kollektiv


War damals bei Roma Mittelstürmer Edin Dzeko fundamental für die Sensation, ist es bei Liverpool kaum möglich, einzelne Spieler herauszupicken. Die beiden Torschützen Wijnaldum und Origi hatte als mögliche Matchwinner kaum einer auf dem Zettel. Mané wirbelte Barças Abwehr schwindelig, Milner war überall anzutreffen, und hinten antizipierten die Verteidiger Matip und Van Dijk ein ums andere Mal die Pässe auf Suarez, die für etwas Barça-Entlastung hätten sorgen können. Dazu hatten die Reds mit Alisson einen sicheren Rückhalt, und Shaqiri, der im Vergleich zu seinen Kollegen deutlich abfiel, bereitete das 3:0 mit einer perfekten Flanke vor. Und das alles, obwohl mit Firmino und Salah zwei der grossen Stars von Liverpool verletzungsbedingt gefehlt hatten.


4. Ernesto Valverde


«Mir wäre ein 3:0 lieber gewesen als ein 4:1», sagte der Barça-Trainer vor einem Jahr. Nach dem Hinspiel, notabene. Nun, offenbar bringt es auch nicht viel, zu Hause kein Gegentor zu erhalten. Vielleicht hätte es geholfen, im Coaching nicht die gleichen Fehler wie aus dem Vorjahr zu wiederholen. Auch damals war Barça im Hinspiel alles andere als überzeugend gewesen, fürs Rückspiel wählte er aber die gleiche Aufstellung. Und dies wiederholte Valverde gegen Liverpool. Dabei war offensichtlich, dass es vor einer Woche den Wechsel von Aussenverteidiger Nelson Semedo für den enttäuschenden ehemaligen Liverpool-Spieler Philippe Coutinho brauchte, um Liverpools Dominanz etwas einzudämmen. An der Anfield Road machte Valverde den gleichen Wechsel – nur stand es da schon 3:0 für die Reds.

Grundsätzlich kann es aber nicht an einzelnen Namen liegen, dass dieses Star-Ensemble dermassen gedemütigt wird. Vielmehr hat es Valverde in zwei Jahren nicht geschafft, das zu konservieren, was Barcelona immer ausgezeichnet hat: ein druckvolles Pressing und vor allem Lösungen zu finden, wenn der Gegner Barça schon in der Spieleröffnung stark unter Druck setzt. Zwar stimmen die Resultate, wenn Lionel Messi zaubert, Sergio Busquets denkt und lenkt, Marc-André ter Stegen hext. Aber gegen Teams wie Liverpool kann diese negative Entwicklung böse Folgen haben. Jüngst hat Valverde seinen im Sommer auslaufenden Vertrag um ein Jahr verlängert. Nach der zweiten Blamage sind die ohnehin kritischen Stimmen aber lauter geworden. Die katalanische Zeitung «Sport» kommentierte: «Die Champions League ist für Valverde zu gross.» Und Präsident Josep Maria Bartomeu sagte: «Schon wieder so ein harter Schlag. Das werden wir in Ruhe analysieren müssen.»


5. Ein o statt ein h


«Wir verteidigen mit Ball. Schliesslich gibt es nur einen davon: Wenn wir im Ballbesitz sind, kann der Gegner keine Tore schiessen. Ausserdem macht es mehr Spass, Fussball zu spielen, wenn man den Ball am Fuss hat, statt ihm hinterherzulaufen.» So definiert Xavi eine der Philosophien des FC Barcelona. Er tat es jüngst wieder, in einem Interview mit der spanischen Sportzeitung «Marca». Seit 2015 spielt die Vereinslegende nicht mehr für den 26-fachen spanischen Meister. Vergangenen Sommer kam mit dem Brasilianer Arthur ein Spieler, der wegen seiner Attribute (überraschend) schnell mit Xavi verglichen wurde: ballsicher, immer anspielbar, spielintelligent. Mit ihm auf dem Platz hatte Barça das Spiel meistens im Griff. Schon im Hinspiel aber vertraute Valverde im Mittelfeld auf die Dienste von Arturo Vidal. Dabei ist Arturo, der Krieger, das Gegenteil von Arthur, dem Virtuosen. Spätestens nach der zähen Partie im Camp Nou müsste dem Trainer klar gewesen sein, dass etwas mehr Kontrolle für das eigene Wohl durchaus förderlich sein könnte. Stattdessen spielte Vidal auch im Rückspiel von Anfang an.

Gemeinsam mit seinen Kollegen rannte er lange Zeit dem Ball nach, verteidigte ohne Spielgerät in der eigenen Platzhälfte. Das Gegenteil von Xavis Stil, den dieser für seinen Herzensclub als unantastbar sieht. Zwar blühte Vidal in dieser Rolle wie erwartet auf, rannte, grätschte – doch mit seinem fehlenden Spielverständnis war er auch ein gewichtiger Grund, weshalb die defensiven Zweikämpfe überhaupt nötig waren. Im Sommer wird Xavi seine Karriere als aktiver Fussballer bei Al Saad beenden. Dann wird er auch die entsprechenden Diplome besitzen, um als Profitrainer zu fungieren. Nicht wenige Barça-Fans träumen von einer schnellen Rückkehr ihres Lieblings: dieses Mal draussen, an der Seitenlinie, statt im Zentrum des Spielfeldes. Es wäre auch eine Rückkehr des Stils: Mehr Arthur, weniger Arturo.


6. Barças Angst


Könnte gegen Rom noch Arroganz ein gewichtiger Faktor gewesen sein, weshalb Barça derart unterging, dürfte gegen Liverpool das Gegenteil der Fall gewesen sein. Bei aller Beteuerung, dass der gleiche Fehler nicht wieder passieren darf, schien sich mit zunehmender Spieldauer in die Köpfe der Fussballer geschlichen zu haben: Das darf doch nicht schon wieder passieren! Spätestens nach dem 2:0 durch Wijnaldum schien sich endgültig festgesetzt zu haben: Das passiert schon wieder! Es dürfte kaum ein Zufall gewesen sein, dass das 3:0 keine zwei Minuten später fiel. Und es passt ins Bild, dass in der 78. Minute, als Liverpool sein Tempo etwas gedrosselt hatte, ein kollektiver Tiefschlaf von Barças Abwehr beim Eckball für das Heimteam zum entscheidenden 4:0 führte. Eine Peinlichkeit, die selbst Amateuren kaum passiert.

Das 4:0 von Liverpool. Video: SRF

Eine gefährliche Tendenz

Die Eigenheit der Pokalwettbewerbe ist, dass eine einzelne Niederlage das Aus bedeuten kann. Bis zum 0:4 in Liverpool war Barça in dieser Champions-League-Saison ungeschlagen. Naheliegend wäre, dass ein einzelnes Resultat den Rest der Spielzeit nicht trüben sollte. Bei diesem Barcelona kaschierten die guten Resultate aber eine gefährliche Tendenz: der Verlust der Identität. Sei es bei den Choreografien im Stadion, die von der Clubführung genutzt werden, um Marketing-Botschaften zu verbreiten (vor dem Liverpool-Spiel stand da: Ready to color Europe), bis zur Philosophie auf dem Platz. Vielleicht nutzt der Verein die Chance, die sich nach dem erneuten Debakel bietet, und zieht dieses Mal die richtigen Schlüsse.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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