Zum Hauptinhalt springen

Marcelinos letzte Patrone

Valencia wähnte sich mit Marcelino auf einem guten Weg. Gegen YB geht es um den Job des Trainers.

Nachdenklich: Der hochbegabte Trainer Marcelino steckt mit dem FC Valencia in einer tiefen Krise.
Nachdenklich: Der hochbegabte Trainer Marcelino steckt mit dem FC Valencia in einer tiefen Krise.
Manuel Queimadelos Alonso (Getty Images)

Es gibt ein passendes Sprichwort für die Situation des FC Valencia, welches unbedingt erwähnt werden muss. «Haste Scheisse am Fuss, haste Scheisse am Fuss», sagte der grosse deutsche Fussballphilosoph Andreas Brehme mal. Am Samstag verlor Valencia gegen Girona trotz klarer Dominanz, 27:4 Schüssen und 11:2 Eckbällen 0:1. Mit 11 Punkten aus 11 Partien und einem Torverhältnis von 7:9 (!) steckt der Traditionsclub im Abstiegskampf, gegen Girona pfiff das Publikum im Mestalla-Stadion das Team heftig aus. «Es ist kühl und dunkel geworden», schrieb die Lokalzeitung «Levante». Und: «Die Idylle ist verschwunden.»

Dabei wähnte sich der Club nach komplizierten Jahren mit vielen Trainerwechseln unter Marcelino endlich wieder auf einem passablen Weg. Der Coach gilt als starker Taktiker, er ist ruhig, detailbesessen, anspruchsvoll. Nicht erst nach seiner starken Premierensaison in Valencia mit dem Sprung in die Champions League galt der 53-Jährige als Kandidat bei europäischen Topvereinen.

Nun muss Marcelino um seinen Job bangen. Er spricht oft leise und fast immer sehr lange, eine Antwort auf eine banale Frage dauert auch mal ein paar Minuten. Der Spanier ist sprachbegabter als Andreas Brehme, aber auch er weiss, was die Stunde geschlagen hat. «Es gelingt uns leider nicht, unser Potenzial abzurufen», sagt er. Sein Team verlor aber gegen Girona, das sei auch geschrieben, erst das zweite Ligaspiel.

Wenig Respekt vor YB

In 14 Partien in Liga und Königsklasse jedoch resultierte erst ein Sieg – andererseits spielte Valencia 1:1 gegen Barcelona und holte beim 0:0 im Old Trafford gegen Manchester United einen möglicherweise sehr wertvollen Punkt in der Champions League. Doch auch beim 1:1 in Bern gegen die Young Boys hinterliess das Team einen zwiespältigen Eindruck, ein YB-Sieg wäre nicht gestohlen gewesen.

Die Medien attackierten Valencia danach schwer, die vornehme Zeitung «El Paìs», nicht auf Krawall gebürstet, schrieb sogar von einer Peinlichkeit, weil die bescheidenen Young Boys in Spanien in der zweiten Liga spielen würden! Man kann sich vorstellen, was los wäre, würde Valencia am Mittwoch erneut nicht gewinnen. Von der «letzten Patrone» ist in der hektischen Sportpresse die Rede, die Marcelino gegen YB zielgerichtet abfeuern müsse.

Dabei ist Valencia eigentlich ein ausgesprochener Trainerclub, die Geduld von Vereinschef Mateu mit Marcelino nachvollziehbar. «Es gab hier in den letzten Jahren so viele Trainerwechsel», sagte Mateu nach dem 0:1 gegen Girona, «wir benötigen Kontinuität.» Zwei schwächere Monate würden nicht ausreichen, um eine erfolgreiche Zusammenarbeit zu beenden.

Marcelino soll in einer Reihe mit prominenten Vorgängern stehen. Wie Héctor Cúper, der das grosse Valencia um Gaizka Mendieta zweimal in ein Champions-League-Endspiel geführt hatte (0:3 gegen Real Madrid 2000, 5:6 nach Elfmeterschiessen gegen Bayern 2001). Wie Rafael Benítez, der mit einem noch grösseren Valencia um Pablo Aimar 2002 und 2004 zwei von sechs Meistertiteln in der Clubgeschichte sowie 2004 den Uefa-Cup-Sieg gefeiert hatte. Oder wie Unai Emery, der zwischen 2008 und 2012 erfolgreich gearbeitet hatte (Ränge 6, 3, 3 und 3).

Starke Offensive, keine Tore

Hinter Real Madrid, Barcelona und Atlético Madrid hatte Valencia den Status als vierte Kraft des Landes nach Emerys Abgang an Europa-League-Seriensieger FC Sevilla verloren. Mit kluger Transferpolitik und dank Marcelinos Kompetenz etablierte sich der Club letzte Saison wieder hinter dem Toptrio. Auch deshalb schmerzt der brutale Absturz. «Manchmal fehlte uns das Glück, einige Spieler sind nicht in Form, zuletzt spürte man die Verunsicherung», sagt Marcelino.

Erstaunlich ist die Torflaute mit nur acht Treffern in 14 Spielen in Primera División und Champions League. Im stark besetzten Kader stehen mehrere Torjäger und Nationalspieler wie der Spanier Rodrigo, ein gebürtiger Brasilianer, der Belgier Michi Batshuayi, der Franzose Kevin Gameiro oder das grosse spanische Talent Santi Mina. Und die jungen Carlos Soler und Gonçalo Guedes, beide 21, gelten als hoch veranlagte Flügel.

Der portugiesische Dribbelkünstler Guedes, im Sommer für 45 Millionen Franken Ablösesumme fix von Paris Saint-Germain verpflichtet, war länger verletzt gewesen und spielte gegen Girona erstmals in dieser Saison durch. Angesichts des riesigen Potenzials ist es eine Frage der Zeit, bis die Offensive loslegt. Vorerst aber gilt für Valencia ein anderer feinsinniger Andreas-Brehme-Spruch: «Wir haben die Chancenverwertung nicht verwertet.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch