Hochbegabter Handballer will hoch hinaus

Der Thuner Lenny Rubin ist dabei, einer der ganz Grossen seiner Sportart zu werden. Gegenwärtig brilliert er bei Stammklub Wacker, ab der nächsten Saison ist der 21-Jährige Bundesligaprofi.

Der Wacker-Thun-Handballer und künftige Bundesliga-Profi Lenny Rubin im Videointerview.
Video: Florine Schönmann

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Das Sportmagazin «Kicker» schreibt: «Transfercoup – Wetzlar holt Megatalent». Die Wochenzeitung «Die Zeit» verkündet: «Wetzlar verpflichtet Toptalent». Und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) berichtet: «Der Halblinke gilt als eines der grössten Talente Europas.»Es sind grosse Worte grosser deutscher Medienhäuser, die nicht im Verdacht stehen, unachtsam mit Superlativen umzugehen. Die Lobeshymnen datieren vom vergangenen Sommer. Sie gelten Lenny Rubin, einem 21-Jährigen aus Thierachern.

Der Berner Oberländer lächelt, als er gestern Vormittag in einem Café in Thun mit den Schlagzeilen konfrontiert wird. Teils hat er sie schon gekannt. Aus der Ruhe bringen sie ihn nicht. «Es macht einen natürlich stolz, mit derlei Begriffen beschrieben zu werden», sagt er. Gleichzeitig würden sie gewisse Erwartungen wecken.

Doch Druck ist nichts, was den gelernten Gärtner um den Schlaf bringen würde. Als Sohn des ­einstigen Weltklassehandballers Martin Rubin ist er schon immer auf dem Prüfstand gewesen. Und wer 2,04 Meter misst, wie es der Aufbauer tut, kann sich der Aufmerksamkeit auch im Alltag nicht entziehen. Er würde selbst auffallen, wenn er kein Spitzensportler wäre, der zunehmend oft erkannt wird. «Du, dä isch no gross, he?», sagt ein findiger Passant draussen zu seiner Begleitung.

Die Vorschusslorbeeren

Lenny Rubin bestreitet bei Wacker seine dritte Saison im Fanionteam. Seine Karriere ist bisher verlaufen, wie Karrieren vermeintlich nie verlaufen: geradlinig, ohne Baisse. Der Rechtshänder gefiel in seiner ersten Spielzeit, als es galt, sich im Oberhaus zu etablieren. Er überzeugte im zweiten Jahr, als er Leistungsträger geworden war. Und er brilliert nun, in den letzten Monaten, die der Hochbegabte beim Heimatverein absolviert, bevor er im Sommer in die stärkste Liga der Welt wechseln wird. Die Thuner sind Tabellenführer, ihre jüngsten sieben Partien haben sie allesamt gewonnen. Der 21-Jährige war bis zum Wochenende der ­erfolgreichste Skorer in der NLA. Nachdem er am Samstag bloss dreimal getroffen hatte, wurde er im entsprechenden Ranking ­abgelöst – von Lukas von Deschwanden. Einem Mitstreiter.

Die hiesige Handballszene hat den Hünen früh als einen ihrer Hoffnungsträger ausgemacht. «Klein Rubin» spielte bei Wackers Partnerklub Steffisburg in der zweithöchsten Klasse, als ihm der damalige Nationaltrainer Rolf Brack, ein Coach von Weltrang, «aussergewöhnliches koordinatives Geschick» bescheinigte. Andreas Merz, damals Keeper der Thuner, heute Goalietrainer, berichtete von gemeinsamen Übungseinheiten, in denen der Sohn des Chefs Dinge zeigen würde, die er so noch nie gesehen habe.

«Es war nicht immer leicht, der Sohn von Martin Rubin zu sein.»Lenny Rubin

Der «Blick» schliesslich hatte den Spross des berühmten Ex-Handballers schon porträtiert, bevor dieser seinen Einstand im Oberhaus gab. Der Hochbegabte löst das Versprechen ein. 2016 wird er an der Junioren-EM in Dänemark mit riesigem Vorsprung Torschützenkönig. 44 Treffer sind ihm in seinen bisher 8 A-Länderspielen gelungen.

Der Hüne paart beneidenswerte physische Voraussetzungen mit einer Dynamik, die gewöhnlich klein gewachsene Flügelspieler an den Tag legen. Rubin ist nicht besonders kräftig, aber bemerkenswert schnell und ein brillanter Techniker. In Kombination mit seiner Körpergrösse ist ein Akteur entstanden, der im Grunde nicht aufzuhalten ist. Kürzlich erzielte der 21-Jährige in einer Halbzeit 7 Tore – im Spitzenspiel gegen Pfadi Winterthur, das Team, das sich über eine starke Deckung definiert, besser verteidigt als alle anderen Klubs hierzulande und es üblicherweise versteht, die Schlüsselfiguren des Gegenübers zu neutralisieren.

Der Nebenjob

Der Halbprofi sagt zwar: «Es war nicht immer leicht, der Sohn von Martin Rubin zu sein.» Den Drang aufzubegehren verspürte er indes nie. Er war selbst als Teenager kein Rebell. Mit Stolz trägt er seit je die 4 auf seinem Trikot. Die einst seinem Papa gehört hat. Auch ihn zeichnen Demut, Anstand und die Fähigkeit aus, sich auszudrücken. Innerhalb der letzten drei Jahre ist aus dem bisweilen scheuen Trainerspross eine Persönlichkeit geworden, die sich all die löblichen Tugenden bewahrt hat und dennoch selbstbewusst auftritt.

Bei Wacker fungiert er nicht bloss als Akteur; er ist gleichzeitig Vermarkter, kümmert sich um die Partnerschaften. Aus dem Elternhaus in Thierachern ist er ausgezogen. Es sei nicht darum gegangen, sich zu emanzipieren, erklärt der 21-Jährige. «Der Schritt vom Elternhaus direkt in ein anderes Land wäre ein grosser gewesen», sagt er. Er ­wolle vorbereitet sein. Hochbegabte plagen eben ganz normale Sorgen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.12.2017, 09:59 Uhr

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