Der Ausländer bei den Ausländern

Lukas Steiger ist 28-jährig, Berner und arbeitet bei Antidoping Schweiz. Rugby ist seine Passion. Diese lebt er auch in Asien aus.

<b>Lukas Steiger</b> wird erneut für das japanische Team Tokyo Gaijin spielen.

Lukas Steiger wird erneut für das japanische Team Tokyo Gaijin spielen. Bild: Raphael Moser

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Lukas Steiger schlendert zum Rugbyfeld auf der Grossen Allmend in Bern. Der 28-Jährige ist trotz des gemütlichen Gangs eine imposante Erscheinung. Seine Muskeln sind nicht zu übersehen.

«Ich bin mit meinen 180 Zentimetern und 102 Kilo zart bestückt», sagt der Berner wenig später, als er von seinem Abenteuer in Asien erzählt. Dort sei er richtigen «Schränken» gegenübergestanden.

Die «Schränke» spielten bei den Singapore Barbarians, Steiger stand für die Tokyo Gaijins im ­Einsatz. Furchtlos stellte er sich den Hünen entgegen, tackelte einen Gegner und lag danach 30 Sekunden bewusstlos am Boden. Das renommierte Turnier in Bangkok endete im Februar für Steiger im Spital. Das mittelschwere Schädel-Hirn-Trauma hat keine bleibenden Schäden verursacht.

Im Spiel mit den Tokio Gaijin tackelt Lukas Steiger mit voller Wucht den Spielmacher der Singapur Barbarians. Der 28-jährige Berner musste mit einem mittelschweren Schädel-Hirn-Trauma zur Kontrolle ins Spital, der Gegenspieler musste ein paar Zähne reparieren lassen. Steiger und der Kontrahent stehen seither in freundschaftlichem Kontakt. Video: zvg

Spätestens im Herbst steht er wieder für das japanische Team beim nächsten Turnier in Saigon im Einsatz. «Vor einigen Tagen habe ich das Aufgebot erhalten», sagt Steiger. «Das freut mich ex­trem.» Er wird dann nicht weniger furchtlos auflaufen, dafür neuerdings mit Helm.

Steiger zeigt den Videoausschnitt des Tacklings. Allein diese Bilder des wuchtigen Zusammenpralls verursachen dem Betrachter einen Brummschädel. Steiger schmunzelt nur. Er kennt die Aussenwirkung der Aktion. Schliesslich hat ihm das Team aus Singapur in der Folge ein Angebot gemacht.

Ihm, dem Schweizer. Ausgerechnet die Barbarians, die mehrfachen Turniersieger, sind mit Profis aus rugbyverrückten Ländern wie Australien bestückt. «Das ist eine grosse Ehre.

Aber es geht nicht. Ich kann unmöglich mit diesem Team gegen die Tokyo Gaijins antreten. Schliesslich haben mir die Japaner das Auslandabenteuer überhaupt erst möglich gemacht», hält Steiger trotz verlockenden Angebots an seinen moralischen Prinzipien fest.

Die Sommerferien

Es war im Sommer 2017. Steiger verbrachte die Ferien mit seiner Freundin, einer Japan-Schweizerin, in Japan. Weil der Berner ein Rugbyfanatiker ist, wurde der Urlaub mit einem Zwischenstopp und dem Besuch eines Turniers in Hongkong lanciert. «Das war überwältigend.»

In Tokio absolvierte er danach während der letzten Ferientage Probetrainings und hinterliess bei den Verantwortlichen der Gaijins (auf Deutsch: Ausländer) ebenfalls einen überwältigenden Eindruck.

Am Ende resultierte nicht bloss ein erstes Turnieraufgebot von den Gaijins, sondern sein Dossier landete sogar bei einem Agenten. Es gab konkrete Verhandlungen inklusive Lohnvorstellungen mit einem interessierten Klub aus Japan. Doch am ­Ende erhielt ein Spieler aus ­Neuseeland, der Rugbynation schlechthin, den Vorzug.

Job bei Antidoping Schweiz

Für Steiger ist der geplatzte Transfer kein Weltuntergang. Schliesslich sei er mit der momentanen Situation zufrieden. «Ich arbeite gern, mache eine Zusatzausbildung zum Sportmanager und kann trotzdem Rugby auf sehr hohem internationalem Niveau spielen.» Steiger arbeitet bei Antidoping Schweiz, Rugby spielt er hierzulande als Captain bei den in Bern ansässigen Midland Hawks.

Das ist ein Selection-Team im Siebnerrugby. Die Sportart ist seit 2016 in Rio olympisch. Gespielt wird mit 7 statt wie im traditionellen Rugby mit 15 Akteuren. «Für das Siebnerrugby sind die Anforderungen höher: Man muss fit und technisch gut sein und braucht ein hervorragendes Spielverständnis», erzählt Steiger.

«Man muss fit und technisch gut sein und braucht ein hervorragendes Spielverständnis.»Lukas Steiger

Die Partien dauern zweimal 7 Minuten. Deshalb werden mehrere Spiele pro Tag ausgetragen. Die Turniere in Bangkok oder Saigon werden zwar mit 10 Spielern, aber nach ähnlichem Modus ausgetragen. Nach vier Tagen ist Steiger jeweils wieder zu Hause.

Vor zehn Jahren hatte auch Steiger mit dem herkömmlichen Rugby beim RC Bern angefangen und war als 18-Jähriger gleich «Newcomer des Jahres» geworden. Dann wechselte er für zwei Jahre zu den Grasshoppers, wurde Cupsieger, zählte zur U-20-Nationalmannschaft und später zum A-Nationalteam.

Das Problem: Rugby hat in der Schweiz einen äusserst geringen Stellenwert. Das passt nicht zu Steigers Ambitionen. Schliesslich trainiert er fünfmal pro Woche. Auf dem Platz ist er mit seinem physischen Spiel dominant und sehr ehrgeizig. «Kraft, Tackling, Explosivität, Schnelligkeit, Ausdauer – mein Anspruch ist, in allen Bereichen der Beste zu sein.»

Dass er es als Schweizer geschafft hat, in Asien Rugby zu spielen, «erfüllt mich mit Stolz; viel mehr sogar als die Auftritte mit der Nationalmannschaft». Als Pionier will er sich jedoch nicht bezeichnen. «Ich will bloss jüngeren Spielern aufzeigen, dass man auch als Schweizer etwas ­erreichen kann.»

Vor dem nächsten Turnier in Saigon wird Steiger erneut die Sommerferien in Japan verbringen; selbstverständlich ist auch dieser Urlaub mit Trainings bei den Gaijins verbunden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.04.2018, 13:00 Uhr

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