Der Superstar erfindet sich ständig neu

Tom Brady ist ein Déjà-vu auf zwei Beinen: Steht die Superbowl an, ist der Superstar da, um zu gewinnen. Auch mit 41 noch. Das weckt Argwohn.

Fragen nach seiner Zukunft lächelt Tom Brady einfach weg. Er mag 41 sein, aber an den Rücktritt denkt er null, «zero!» Foto: Kevin Cox (Getty Images)

Fragen nach seiner Zukunft lächelt Tom Brady einfach weg. Er mag 41 sein, aber an den Rücktritt denkt er null, «zero!» Foto: Kevin Cox (Getty Images)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Ist er nicht endlich satt? Hat er nicht endlich genug? Wann, endlich, lässt er los?

Es sind Fragen, die in der National Football League die Fans beschäftigen. Die Fans jener 31 Mannschaften jedenfalls, die nicht New England Patriots heissen. Denn es sind Fragen, die jedes Jahr aufs Neue kommen. Weil fast jedes Jahr, wenn Anfang Februar die Superbowl ansteht, sich doch wieder alles um ihn dreht. Um ihn: Tom Brady, Spielmacher und Superstar der Patriots. Inzwischen 41 Jahre alt. Ein Déjà-vu auf zwei Beinen.

Werbung gehört zur Superbowl wie der Ball. Oder Tom Brady. Video: Tamedia mit Material von Pepsi, Stella Artois, Doritos, Bubly und Planters

Als ihn deshalb kürzlich ein Reporter, fast flehend, vor dem nächsten Endspiel von diesem Sonntag fragte, ob denn nicht wenigstens die klitzekleine Chance bestehe, dass das letzte Spiel seiner Karriere gekommen sei, da lächelte Brady in die Kamera. Mit Daumen und den anderen vier Fingern formte er einen Kreis und sagte, jetzt schon herzhaft lachend: «Zero, null.» Stattdessen fügte er an: «Ich will auch mit 45 noch spielen.»

Der 6. Titel in 17 Jahren?

2002 stand Brady erstmals in der Superbowl und gewann sie mit seinen Patriots als Aussenseiter knapp. Der Gegner damals: die St. Louis Rams. Vier weitere Titel kamen dazu, und deshalb steigt übermorgen ein Date mit der Geschichte: In Atlanta sind wieder die Rams der Gegner, mittlerweile in Los Angeles daheim. Und mit einem Sieg können die Patriots zu Superbowl-Rekordsieger Pittsburgh aufschliessen. Die hatten für ihre sechs Titel 34 Jahre gebraucht. Bei New England wären es 17 Jahre – alle auf Bradys Schultern.

Das war natürlich nicht vorherzusehen im Frühling 2000, als die Patriots in der sechsten von sieben Runden des Auswahlverfahrens (Draft) diesen damals etwas schmächtigen Quarterback zogen. Der Grossteil der Veranstaltung war da vorbei, die Kameras abgeschaltet. Aus den total 254 gezogenen College-Absolventen waren sechs andere Spielmacher vor Brady ausgewählt worden, und der junge Mann aus Kalifornien dachte schon, er müsste nun «etwas mit Versicherungen machen». Da wählten ihn die Patriots an 199. Stelle. Ein aus heutiger Sicht genialer Schachzug des damals neuen Trainer Bill Belichick. Aber auch: Zufall.

Es brauchte zudem eine schwere Verletzung von Stamm-Spielmacher Drew Bledsoe, damit Brady im Herbst 2001 zum Starter wurde, doch danach startete das Duo Brady/Belichick durch. Ein halbes Jahr später gewann es die erste Superbowl, und aus den notorischen Verlierern aus Boston wurde das NFL-Powerhouse. Kein Team hat je über eine längere Zeit dominiert.

Antiquierter Spielstil

Selbst Experten wundern sich zuweilen, wie es Belichick immer wieder gelingt, um Brady eine Mannschaft zu formen, mit der der Quarterback reüssiert. Denn natürlich wird auch Bradys Arm mit dem Alter nicht stärker, ja: Sein Spielstil ist im Vergleich zu jenem der jüngeren Quarterbacks antiquiert. Und wirklich überragend auf die tiefen Pässe war Brady nie gewesen.

Dafür entwarf Belichick ein Playbook voller kurzer Routen mit vielen Anspielstationen, die der Teamleader mit seiner Routine bestechend sicher findet. Und er forcierte das Laufspiel um den jungen Runningback Sony Michel, mit dem die Patriots je länger, desto weniger zu stoppen waren. Im Halbfinal gegen die in der Regular Season klar besseren Kansas City Chiefs zeigte deren junger Quarterback Patrick Mahomes ein grandioses Spiel mit drei Touchdowns und einem sehr guten Pass-Rating. Trotzdem war das nicht genug: Brady und die Patriots pflügten das Feld richtiggehend um, waren mehr als doppelt so lange in Ballbesitz und beherrschten das Spiel mit ihrer Physis. Brady musste dafür nicht brillant werfen: Seine Bälle flogen im Schnitt keine sieben Meter weit.

Dass die Patriots auf alle Entwicklungen und Strömungen der NFL eine Antwort zu kennen scheinen, schürt Argwohn beim Rest des Landes. Genau wie Bradys umstrittene Ernährungsmethode «TB12» (Er trinkt täglich fast neun Liter Wasser, aber keine Milchprodukte oder Kaffee, verzichtet auf Zucker, Salz und Gluten, isst keine Früchte, dafür reichlich Gemüse). Auch seine Verbissenheit bis hin zur Unsportlichkeit oder seine Sympathien für Präsident (und Golfpartner) Donald Trump bringen ihm Aversionen.

200 Millionen Dollar Lohn

Dabei ist die Dominanz der Patriots ein Leistungsausweis. Eigentlich sind die US-Sportligen auf Ausgeglichenheit bedacht, kein Team soll je so überlegen sein. Dafür sorgen Massnahmen wie der Draft oder die Gehaltsobergrenze. Diese sorgt dafür, dass ein Team nicht zu viele Superstars beschäftigen kann, sondern immer welche an die Konkurrenz verliert.

Brady hat im Laufe seiner Karriere mehrfach einer Restrukturierung seines Vertrags zugestimmt, den Patriots brachte das die eine oder andere Million Spielraum. Leisten kann er sich diesen Kniff locker: Mehr als 200 Millionen Dollar hat er allein an Gehalt verdient. Hinzu kommen zahlreiche Werbegeschäfte. Und nicht zuletzt die Einkünfte seiner Frau Gisele Bündchen: Auch das brasilianische Supermodel verdient über 10 Millionen Dollar jährlich.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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